Zwischenruf: Derby ohne Bürgerrechte

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Rechtsfreier Raum?!

Das ist schon ein Hammer: Laut dem Blog MitGedacht dürfen sich die Fans der Borussia in Köln auf ein paar ganz besondere Schweinereien freuen. Der Seite liegt eine Mail der Borussia vor, aus der hervorgeht, dass es zum Derby – am fünften Spieltag in Köln – nur personalisierte Tickets geben wird. Natürlich gilt diese Regel nur für den Gästeblock. Wer jetzt meint, dass dies nun nicht so schlimm sei und am Ende doch eh wieder nicht kontrolliert würde, wer da wessen Karte hat, der übersieht ein kleines Detail: Die Borussia muss – so der Bericht – eine Bewerberliste für die Tickets erstellen. Die Leute, die dann eines der raren Billets bekommen, dürfen sich direkt ein weiteres Mal “freuen”: Sie stimmen mit dem Kauf zu, dass ihre Daten auf Nachfrage der Polizei Mönchengladbach übermittelt werden

Nein, das ist kein Scherz, beide Vereine wurden trotz Grenznähe nicht nach Holland verlegt, wo man seine Bürgerrechte schon länger am Stadioneingang abgibt. Nein, wir reden hier von einem Spiel in der Bundesliga, das auf verheerende Weise dem Täter- und Opferprinzip einen Schlag mitten ins Gesicht verpasst. Denn warum der ganze Schlamassel? Wir erinnern uns an das letzte Derby: Nach dem Siegtreffer der Borussia in letzter Minute brannten einigen Idioten im Kölner Block die Leitungen durch. In Maleranzügen verkleidet – schließlich war Karneval – stürmten sie den Platz. Am Ende gab es von Polizei, Ordnungsdienst und leider auch von einigen Gladbacher Muckibuden-Fans einen auf den Deckel.

Es war der krönende Abschluss eines traurigen Kölner Szene-Auftritts mit Bengalo, Gewalt und Dummheit. Am Ende gab es für den FC eine längere Block-Sperre in Müngersdorf, den Ausschluss samt Sippenhaft für die vermeintlich verantwortliche Gruppe “Boyz” sowie die Auflage, gemeinsam mit der Borussia und dem DFB für das nächste Derby ein Sicherheitskonzept zu erstellen.

Und wenn es nun im September in Köln zum nächsten Aufeinandertreffen der Rivalen kommt, sieht das dann so aus: Die zuvor in Sippenhaft genommene Kölner Ultragruppe “Boyz” ist begnadigt. Einzig die Jungs, die damals nachweislich den Platz stürmten, müssen wegen eines nur für sie weiterhin geltenden Stadionverbotes weiterhin draußen bleiben. Zudem werden – siehe oben – die Gladbacher mit einer Einschränkung der Grundrechte belegt. Ein feines Konzept ganz nach kölscher Logik. Es ist zum Kotzen. Doch was erwartet man auch anderes vom 1.FC Köln? Dass dort auf der administrativen Seite selbst in seriösesten Zeiten gerne mal Hopfen und Malz verloren ist, wissen wir ja.

Aber zu solchen Regelungen gehören zwei Seiten. Dazu gehört auch die Borussia. In den Auflagen des Fußball-Bundes hieß es ja, dass beide Seiten ein Sicherheitskonzept erstellen müssen. Davon ausgehend, ist die jetzt für das kommende Spiel geltende Regel sicher nicht ohne Absprache passiert (auch wenn es sich offiziell um vom DFB übermittelte Auflagen handeln soll) Zumindest ist es verwunderlich, dass der Verein nicht schon laut gegen diese Maßnahme protestiert.

Ich kann und will mir nämlich einfach nicht vorstellen, dass die Borussia mit dieser Idee einverstanden ist. Zumal die Maßnahme auch zu gut in die derzeitige Stimmungslage im für die Polizei zuständigen NRW-Innenministerium passt, die nahezu sämtlichen Clubs in Nordrhein-Westfalen derzeit Ärger bereitet.

Wir erinnern uns – Landesinnenminister Jäger hatte ja schon bei der Pokal-Partie Essen gegen Düsseldorf versucht, massiv Einfluss auf das Sicherheitskonzept zu nehmen. Nach unseren Informationen sogar ohne Absprache mit dem örtlichen Polizeipräsidenten. Beide Vereine hatten jedoch von Anfang an gegen diese Art der Panikmache protestiert und ermöglichten somit, dass am Ende eine sichere und vor allem fanfreundliche Lösung durchgesetzt wurde (und der Innenminister am Ende nur noch ein Gesicht wahrendes Alkoholverbot bekam).

Ob die Gladbacher Offiziellen auch einen solchen Protest einlegen werden? Der Borussia sollte eins klar sein: Sollte sie das Thema kleinreden, macht sie sich zum Gehilfen einer aus dem Ruder gelaufenen Pseudo-Debatte um Gewalt im Fußball. Nur mal zum Vergleich: In den Niederlanden gelten solche harten Regeln für Fans nur, weil es in den 90ern und frühen 00er-Jahren massive Gewalt- und Drogenprobleme in den Kurven gab. Es gab Szenen, von denen wir in Deutschland selbst während der 80ern weit entfernt waren.

Natürlich ist das Derby Köln gegen Gladbach nie eine Streichelzoo-Party gewesen. Aber es grenzt an eine unfassbare Verklärung der Tatsachen, dass der politische NRW-Zeitgeist einer harten Linie gegen Fans gepaart mit einer völlig kruden Rechtsauffassung (zum Mitschreiben: Die Boyz haben durch ihre rechtzeitige Begnadigung nicht ein (!) Derby verpasst) zu solchen Einschnitten führt. Wenn die Borussia von offizieller Seite nicht eindeutig Stellung bezieht, dann ist sie keinen Deut besser als die anderen an der Entscheidung Beteiligten. Und dann ist es auch dahin mit den ganzen Beteuerungen, wie wichtig einem die Rechte und Belange der eigenen Leute sind: Dann ist man auch nur noch ein dämlicher Player auf dem Kundenmarkt des Produktes Bundesliga.

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