Zeit der Sorgen

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Die Bayern-Schale

Es ist Zeit, eine Warnung zu äußern. Nicht aus Wut, sondern aus einer Sorge heraus: Vom Fußball, sowohl auf der Ebene als globaler Geldesel, als auch in der gemeinhin als bieder-seriös gesehenen Bundesliga, geht eine Implosionsgefahr aus. Der Zirkus überhitzt.

Dabei soll es nicht einmal um die FIFA oder die UEFA gehen. Die Verwaltungsebene der europäischen und Welt-Fußballverbände ist ein derartiger Trümmerhaufen, dass es fast zum Lachen ist – wenn es nur nicht so schrecklich wäre. Aktuelle Sachlage: eine aufgeblasene Europameisterschaft, um Michel Platini zu gefallen und dessen Wiederwahl zu sichern. Platini ist allerdings derzeit gesperrt, der Posten des UEFA-Chefs vakant. Eine Ebene höher hat es Präsident Gianni Infantino geschafft, innerhalb kürzester Zeit noch skrupelloser und krimineller zu wirken, als es sich “Pate” Sepp Blatter in seinen Jahrzehnten als FIFA-Boss sich “behutsam” aufgebaut hatte. Die Folge: weltweit wird die Vergabe der großen Turniere, die Auseinandersetzung benannter Handelsträger mit Ethik und monetärer sowie sozialer Verantwortung sowie der Sport generell von beiläufig interessierten Fussballfans als äusserst korrupt, unverantwortlich und geldgetrieben angesehen (was auf dieser Ebene auch völlig korrekt ist), der einem deshalb die Lust am Fußball gehörig versagt.

Kommt die „Diktatur der Großvereine“?

Nun ist es ein Leichtes, die internationalen Verwerfungen auszublenden und sich fußballdeutsch alles rosarot einzurichten. Nur, man sollte auch einmal auf die Bundesliga und die deutsche Nationalmannschaft schauen. Kurz vor der durch Regenfluten, Streiks und Terrorismus-Sorge spektakulär schlecht anlaufenden Europameisterschaft deshalb jetzt ein kurzer Blick auf ein Jahr der absurden Entscheidungen und Entwicklungen in des “Deutschen liebsten Sports”: Besonders hervorgetan hat sich im Endspurt der Saison wieder einmal der gerne staatsmännisch auftretende Karl-Heinz Rummenigge als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München und selbstverstandenes Sprachrohr der deutschen Fußball-Interessen. Kurz nach dem Beinahe-Achtelfinal-K.O. der Bayern gegen Juventus Turin in der Champions League polterte der passionierte Uhren-Importeur, es könne nicht sein, dass eben Klubs wie der FCB oder Juve “vom Schicksal abhängen” und forderte eine CL-“Setzliste”, ähnlich dem Tennis. Dieser Vorstoß war an Absurdiät nicht zu unterbieten, gibt es doch seit jeher ausgeklüngelte Setz-Muster in der Champions-League, die per Lostopf-System die Großklubs mit vermeintlich leichteren Gegnern zusammenführen, damit in der Gruppenphase in sechs Spielen erstmal ordentlich Kohle abgeschöpft werden kann. So wiegelte selbst Klaus Allofs vom VfL Wolfsburg ab – sind die Niedersachsen doch ansonsten zu den Klubs zu rechnen, die auch durchaus Interesse hätten, den Geldquellenvorteil in sportliche Bevorteilung zementiert zu bekommen. Atletico Madrids Geschäftsführer Miguel Angel Gil Marin sprach nach Rumenigges Äußerungen gar von einer “Diktatur der Großvereine”.

Rummenigge wollte und will eine exklusive Runde der reichsten Klubs; die Diskussion um die Europa-Super-Liga ist ein Teil davon. Angestrebt wird, mit stoischem Zynismus, jegliche Überraschungen, sprich Niederlagen der Top-Klubs, vor dem medial aufbereitbaren und dementsprechend lukrativen Aufeinandetreffen am Ende des Wettbewerbs zu minimieren, bestenfalls zu eliminieren. Natürlich, und das soll explizit erwähnt werden, ist dies auch direkt den oft gescholtenen Bayern-Fans sauer aufgestoßen. Es sollten die Alarmglocken schrillen, wenn ein Vorstandsvorsitzender, zumal des angeblichen “Aushängeschilds des deutschen Fussballs”, vorgibt, Interessen des Vereins zu vertreten und die eigenen Anhänger auf die Barrikaden gehen. Dies nur kurze Zeit nachdem renommierte Blogger und langjährige Fans der Bayern ihre Mitgliedskarten zurueckgegeben hatten – als Reaktion auf die kritiklos abgehaltenen und kaltkalkulierten Trainingslager im Katar.

Verzweifelte Suche nach der Spannung

Der FC Bayern München unter Rummenigge hat sich ohne Umschweife weg von einem Verein und hin zu einem kapitaloptimisierenden Unternehmen entwickelt, das seine lokale Basis (eine Qualität der Bundesliga-Klubs gegenüber der Premier League) abschält und das seit Jahrzehnten verfolgte Monopol in der Bundesliga nun mit Dauermeisterschaften gesichert hat. Der FC Bayern pflegt nun die Langeweile des eliminierten Zufalls, die Börsenhändler auch gerne in den DAX-Unternehmen widergespiegelt sehen, und lebt im Grunde für drei CL-Spiele im April und Mai (lief nicht so gut jüngst).

Und wo wir schon mal bei Bö(r)se sind. Richtig bitter wurde es, als die Dortmunder im Saisonfinale, im Derby gegen die Schalker, etliche Stammspieler schonten. Ein fatales Signal für die Liga – der stark spielende Ligazweite konzentriert sich lieber auf die geringe Chance, die Europa League zu gewinnen, als den Ersten bei fünf Punkten Rückstand und sechs ausstehenden Spielen zu jagen. Woche für Woche bemühten sich Sky und ARD/ZDF verzweifelt, so etwas wie Spannung herbeizumoderieren, und der einzige Verfolger hängt sich freiwillig die Vize-Medaille um? Die Liga ist langweilig. Langweilig gemacht worden von dem immergleichen Selbstvervielfältigungsprinzip des Champions League-Füllhorns. Der Transfer von Mats Hummels an die Isar, als dritter Dortmunder Schlüsselspieler in wenigen Jahren, erscheint da fast schon nicht mehr dramatisch, ist mehr ein Stil-Erhalten der im Gegner-Schwächen bravourös erprobten Münchener. Außerdem wird BvB-Trainer Thomas Tuchel auch ohne Hummels die zweitbeste Mannschaft aufstellen können.

Betonierte Verhältnisse

Es fehlt die Not des Unvollendeten: Dortmund wird sich als Vize recht wohl fühlen, Königsklasse spielen, Geld einnehmen, “sich präsentieren” und so. Einen Platz, aber irgendwie eine halbe Etage tiefer haben es Leverkusen, Gladbach und Schalke notgedrungen akzeptiert, Platz drei wie eine Meisterschaft zu betrachten. Es ist nur realistisch, und ob einer 20-30 Punkte Lücke auf Jahre nicht mehr anders zu erwarten. Das Leicester City der Bundesliga sind dann ersatzweise Ingolstadt oder Darmstadt, die sich “mitreißende” Unentschieden ermauern, um auf Platz Zwölf den Selbsterhalt zu zelebrieren und damit die TV-Zuschauer zu überzeugen, dass die Bundesliga schon irgendwie die tollste Liga der Welt ist – auch wenn immer nur die Bayern gewinnen.

Sollte man sich bei DFB und DFL wirklich auf die Schulter klopfen nach einem Jahr, in dem zum vierten Mal der Meister gefühlt im Februar fest stand und zwei weitere Traditionsklub mit Heerscharen von Herzblut-Anhängern absteigen? Nächstes Jahr in der Liga der Weltmeister dann: Wolfsburg – Ingolstadt, Leipzig – Hoffenheim und der FCB peilt den 12. Sieg im elften Saisonspiel in Darmstadt an. No offense, SVD. Wem das alles zu griesgrämig ist, hat dann wohl lieber die Pokalgewinn-Feier der Bayern vom Münchener Rathausbalkon genossen – ach, ging ja nicht, denn der wollte die Übertragung des öffentlich-rechtlichen Bayrischen Rundfunks nur gegen Zahlung zulassen. Ein Witz von FIFA-Ausmaßen.

Zugegeben: natürlich wird der geneigte Bundesliga-Fan, weiterhin jedes Spiel seiner Mannschaft schauen wollen, und bei Borussia Mönchengladbach ist es nun auch seit fünf Jahren ungewohnt erfolgreich und unterhaltsam. Aber stellt sich immer noch Freude wie früher ein, wenn die Sportschau anfängt, oder man sich in der Bundesliga-Konferenz wiederfindet? “Hallo, hier 0:0 Köln gegen HSV, hier Bayern glanzlos 2:0 gegen Schalke, dort Wolfsburg vor 17.000 Kunden nur Remis?” Eine Müdigkeit macht sich breit, wenn es oben nur um Pfründe sichern geht, dazwischen die anderen die Brotkrumen aufpicken und der Rest “mit voller Pulle leidenschaftlich verschiebt und alles raushaut”. Da kann man noch so viel das Produkt mit Topspielen, Countdowns und Sky-Expertenrunden aufpäppeln. Zum überbordenden Transferwahn – ein anderes Thema – sei hier nur ein Link zu Serdar Somuncu empfohlen.

Und dann ist da noch das „Produkt DFB“

Getoppt wird diese gallertartige Fußballsuppe natürlich von der deutschen Nationalmannschaft 2.0 – #dieMannschaft. Wo andere Länder die Kaderliste nüchtern verkünden, inszeniert die Marketingmaschine DFB-Team die Bekanntgabe der Auswahl mit einer telegen aufgeplusterten Pressekonferenz. Stellwände mit Spielerporträts, Videos, Musik. Man wartet jeden Moment auf den Nutella-Rap von Jogi Löw, jetzt auch auf iTunes, oder die choreographische Interpretation des taktischen Schemas von Andreas Bourani. Wer – außer den schlandigen Sommermärchen-Zombies mit schwarz-rot-goldener Hawaii-Kette – identifiziert sich damit? Bei #dieMannschaft ist ewig Abiturstreich mit Moderator Poldi, immer Cala Ratjada im Mai mit der Kreisliga-Dorftruppe. Es gibt es tatsächlich, und ist kein Gag von Jan Böhmermann oder Somuncu: das Eventy-Elysium, den “Fan-Club Nationalmannschaft powered by Coca-Cola”. Das bei besagter Nominierung des EM-Kaders, wieder einmal, das Binnenklima als höchstes Gut gepriesen wird und deshalb allerlei Leistungskurventreibgut mit nach Frankreich geschifft wird, ist schon Gewohnheit. Ein Usus, der jedoch stark nach Marketingaspekten und Werbegesichtern phänotypiert. Wohlan, dass es noch 23 andere Teams gibt, denen man mal interessiert beim Balltreten zuschauen kann.

Von FIFA bis Bundesliga, von den Bayern bis zur Hashtag-Nationalelf – der Fussballsport muss aufpassen, nicht zu überdrehen, gegen die Vernunft weiterzudrehen. Da passt es, dass mit dem anstehenden Alleinerwerbsverbot ab 2017 mehrere Sender die Bundesliga anbieten könnten, in Paketen, unabhängig vom wirklichen Interesse des Fans (z.B. dem Einzelspiel). Man muss kein Hellseher sein, um zu erahnen, dass jeder erfolgreiche Bieter seinen Teil des Kuchens Fussball moöglichst intensiv und mit viel Tam-Tam drumherum inszenieren wird. Noch mehr Show und Ausschlachten droht. Nur: irgendwann merkt auch der verklärteste Aficionado, dass es noch andere Sportarten in Deutschland gibt, und man am Samstag oder Sonntag Besseres unternehmen kann – und wenn man mit dem Nachwuchs mal mit Bockwurst und Sitzkissen beim Bezirksliga-Klub um die Ecke vorbeischaut. Da gibt es nämlich kein “powered by Coca-Cola” oder enteilte Serienmeister.

Foto: Marco Verch, geändert mit Pixlr-Express veröffentlicht mit Creative Commons

2 Kommentare

  1. Zum Thema kann ich nur voll zustimmen.
    Aber bitte das nächste Mal nicht ganz so hochgestochen schreiben, das macht es einfacher zu lesen. Der Schreibstil dieses Beitrags ist in denselben Höhen wie das Thema an sich.
    Das gipfelt dann in Satzmonstern wie „Das bei besagter Nominierung des EM-Kaders, wieder einmal, das Binnenklima als höchstes Gut gepriesen wird und deshalb allerlei Leistungskurventreibgut mit nach Frankreich geschifft wird, ist schon Gewohnheit. Ein Usus, der jedoch stark nach Marketingaspekten und Werbegesichtern phänotypiert.“

  2. Hi Andreas,
    da hast du sicherlich nicht Unrecht ;-). Ich werde mich beim nächsten Mal darum bemühen (mag Worte einfach sehr gerne, „get carried away“, wie der Brite sagt)…!
    Gruss
    Manuel

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