Wir sind FIFA

Anti-FIFA-Tag an einer Wand
Für die Spraydose
Anti-FIFA-Tag an einer Wand
Für die Spraydose

Der Fußballweltverband ist korrupt?! Wen das noch überrascht, der sollte seine Wahrnehmung doch arg hinterfragen, wenn er nicht gerade FIFA-Funktionär ist. Das einzig Neue an der jetzt schwelenden Krise ist schlicht, dass Ermittler wirklich durchgegriffen haben. Und zwar nicht irgendwelche. Gegen den Verband ist die US-Regierung vorgegangen. Nur mal so zur Einordnung: Gegen die FIFA braucht es schon die vielleicht einflussreichste Regierung der Welt, um mal klar und deutlich zu sagen: Dieser Sport ist ziemlich kaputt. Fußball verkommt zum Radfahren des Ballspiels. Nur ohne systematisches Doping, dafür aber mit ganz viel perfekt organisierter Korruption.

Die UEFA hätte es in der Hand

Als Fan eines Vereins wirkt das erst einmal ganz weit weg. Zumal wir in unseren Breiten Mitglied der UEFA sind – und der europäische Verband schwingt sich intern nicht erst seit diesen Tagen zum größten Blatter-Gegenspieler auf. Zumindest verbal. Aber wie so oft – wirklich konkrete, harte Konsequenzen zieht die UEFA nicht. Dabei ist es der europäische Verband, der das hohe Gut des Geldflusses für den korrupten Funktionär von heute liefert. Ohne die großen europäischen Ligen mit ihren internationalen Vereinsfirmen würde es niemals eine dauerhafte Plattform geben, die den Fußball in aller Munde hält. Ohne das dauernde Hysterie-Geschrei um den europäischen Fußball hätte eine Weltmeisterschaft nie diesen Glanz. Und ohne jene Strahlkraft wären die Rechte für eine WM nicht so ein hohes Gut, wären Länder wie “Schmiergeld-Katar” und “Back-to-the-80’s-Russland” eher an Fußpilz als an der Austragung einer WM interessiert.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die UEFA als Erfinderin der Champions-League und somit des modernen Fußballs ist die einzig wahre Instanz. Sie hat der FIFA und somit Sepp Blatter samt seiner Schergen die Gelddruckmaschine geschenkt. Und somit kann sie ihm Europa auch wieder nehmen. Alle Stimmen der kleinsten Nationalverbände sind bei einer FIFA-Entscheidung nichtig, wenn die UEFA nicht mehr Teil des Weltverbandes ist. Womit will man dann noch Geld verdienen? Mit einer WM ohne europäische Verbände? Mit einem traurigen Konkurrenzprodukt zur Europameisterschaft? Zumal Argentinien und Brasilien womöglich auch nicht mit ihren besten Spielern antreten dürften. Bei einer WM wären nämlich alle Spieler europäischer Clubs sicher gesperrt – die UEFA wäre ja nach Sicht der FIFA ein “wilder, nicht anerkannter Verband”, der jedoch weiter massiv viel Geld verdienen wird und dessen Clubs auch weiterhin Gehälter zahlen, die für Spieler aus aller Welt interessant wären. Bei den Gehältern in Europa kann man als Spieler verkraften, nicht mehr bei der Weltmeisterschaft spielen zu dürfen.

Ohne starke WM keine starke FIFA

Für die FIFA wäre es also ein GAU, würde die UEFA aussteigen – mit einem Schlag hätte sich die menschenverachtende Veranstalting in Katar erledigt, würde der nicht minder größenwahnsinnige Wladimir Putin sich genau überlegen, ob er 2018 noch Lust auf die Austragung der WM hat. Zumal Putin sowieso viel lieber (und damit beweist er bei aller berechtigten Kritik an seiner Politik durchaus Geschmack) Eishockey schaut. Wer will schon eine WM ohne europäische Vereine sehen? Welcher Sponsor will das unterstützen? Welcher Sender die Rechte kaufen? Viel bleibt da nicht über. Die FIFA wäre mit einem Schlag ihrer Geschäftsgrundlage beraubt. Und klagen kann sie sowieso nicht. Sie kann nur erwirken, dass die UEFA von der korrupten Schwerster-Organisation IOC nicht anerkannt wird. Aber damit kann man leben. Das olympische Fußball-Turnier gehört eh zu den langweiligeren Turnieren. Im freien europäischen Markt kann die UEFA problemlos ohne die FIFA bestehen. Die Europameisterschaft würde in ihrer Bedeutung gestärkt, die Champions-League weiter fette Gewinne abwerfen, die Ligen würden weiter laufen.

Aber natürlich wird das nicht passieren. Wer glaubt, dass die UEFA den reinen Sport vertritt und die FIFA die böse Seite des Sports ist, der glaubt natürlich auch an Weihnachtsmänner und derartiges Zeugs. Auch europäische Funktionäre sind schon der Korruption verdächtigt worden, sind Teil des Systems FIFA. Und wer sich die jetzt geheuchelte UEFA-Empörung ohne echte Konsequenzen anschaut, der ahnt, dass auch bei den Europäern einige Dinge nicht im Reinen scheinen und man angreifbar ist. Anders ist ein ausbleibender Boykott der FIFA nicht zu erklären.

Am Ende der Verantwortungskette stehen wir alle

Und damit wären wir bei uns als Fans selber. Im Grunde tragen wir selber dazu bei, dass diese Schmierenkomödie kein Ende findet. Wir sind die Schuldigen, dass Fernsehsender unter Sportberichterstattung hauptsächlich Fußball, Fußball und nocheinmal Fußball verstehen. Wir sind die Idioten, die sich mehr über den Freistoßstil eines überschätzten portugiesischen Schmierlappen echauffieren, als über eine stetige Überwachung unserer Smartphones durch die eigene Regierung. Wir sind die Trottel, die völlig kenntnisfrei über die Fanmeilen marodieren und dabei jeden Sponsorendreck trinken, als uns anständig in den Sportvereinen um die Ecke zu engagieren. Wir vergleichen – so geschehen durch die 11Freunde – die FIFA mit der DDR und den Emittlerzugriff auf den Weltbverband mit dem Fall der Mauer, ohne auch nur eine Sekunde mal darüber nachzudenken, dass hier ein schnödes Spiel mit einer der friedlichsten Revolutionen der Weltgeschichte verglichen wird. In Sachen Fußball sind viele von uns unmündige Idioten und Kunden. Und genau deshalb kann die Wurzel allen Übels und Korruption prächtig gedeihen. Vielleicht sollten wir über Konsumverhalten nachdenken, wenn die Preise für Tickets und Pay-TV mal wieder erhöht werden.

Foto von jeremiah.andrick, unter Creative Commons bearbeitet mit Pixlr-Express

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