Wie die Borussia den voetbaltotal (mit-)erfand

12189928_785085488287891_1253158406620512149_nIn der Geschichte des internationalen Fußballs gilt der voetbaltotal, diese bis heute prägende offensive Spielidee, als eine rein niederländische Erfindung. Doch so ganz richtig ist das nicht.

Das Jahr 2016, es wird für den niederländischen Fußball sicher nicht zu den besten Jahren gehören. Schlimmer noch: Manch einer westlich von uns wird dieses “Albtraumjahr” gerne aus der Erinnerung streichen. Die Nationalmannschaft erholt sich nur langsam von den desolaten Auftritten in der eigentlich doch sportlich sehr belanglosen EM-Qualifikation und dem daraus resultierenden Zuschauen bei der Europameisterschaft. Dem Verband sind in Scharen die Funktionäre weggelaufen, während der Bondscoach Danny Blind weiter vor sich hin wurschtelt. Hinzu kommt ein Vereinsfußball, der unter der finanziellen Bevorteilung der großen Ligen wie England, Deutschland, Spanien oder Italien leidet. Und da wäre noch der Tod der Lichtgestalt des niederländischen Fußballs, Johan Cruyff. Er verließ im März die große weltliche Bühne.

Unterm Strich schon im Herbst ein Jahr, in dem Orange Schwarz gesehen hat. In solchen Zeiten, das ist in den Niederlanden nicht anders als sonst wo, erinnert sich der gepeinigte Fan dann gerne an die guten Zeiten. Und da einer wie Johan Cruyff – als Spieler, Trainer und Großmaul – Stil prägend für Jahrzehnte des Fußballs war, erinnert sich gleich der ganze Fußballkontinent mit an diesen voetbaltotal. Ob eine aktuelle Cruyff Autobiografie oder österreichische Fußballmagazine, die noch Monate nach seinem Tod eine ganze Ausgabe dem Mijnheer aus Amsterdam widmen: So tot voetbaltotal in den Niederlanden derzeit scheint, so groß sind auch heute noch Ehrfurcht, Respekt aber auch Liebe für diese Spielidee.

voetbaltotal hat kein festes Schema

Doch was genau war oder ist dieser voetbaltotal? Manche sagen, es ist der perfekte Fußball. Was gemeinhin aber nicht geht, da Fußball nie perfekt sein kann. Das ist er erst, wenn keine Fehler mehr passieren, was ständige 0:0-Spiele zur Folge hätte. Andere sagen, es ist das niederländische 4-3-3-System. Was auch wiederum Quatsch ist, weil es eigentlich nur eine Anordnung ist, die flexiblen, offensiven Fußball – also den des voetbaltotal – begünstigt. Zumal auch heute noch genug Mannschaften einen Powerfußball spielen, der technisch unwahrscheinlich schön daher kommt, ohne dass die Trainer das in die Jahre gekommene 4-3-3 spielen lassen. Ein Blick auf Pep Guardiola und seine Art Fußball zu interpretieren, verdeutlicht dies eindrucksvoll.

Die Wahrheit über den voetbaltotal ist eigentlich ziemlich einfach. Dieses Spiel zielt auf den Einsatz technischen Vermögens, offensiver Durchsetzungskraft entstehend aus dem Gegner überragende Fitness. Dazu gesellt sich dann noch die Hauptzutat: Diese Mannschaften brauchen eine verdammt hohe Spielintelligenz. Die Verkörperungen dieser Mannschaft waren die niederländische Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1974, das Ajax Amsterdam der frühen 70er Jahre und eigentlich auch sonst alles, wo Rinus Michels in dieser Zeit als Trainer fungierte.

Als Vogts Cruyff die Luft aus dem Reifen nahm

Das gemeine Gegenteil dazu war der deutsche Fußball. Das WM-Finale 1974, es gilt als das Aufeinanderprallen der Ideologien. Da das wilde holländische, hier die biedere kontrollierte aber überragend geordnete DFB-Elf, das Ergebnismonster seiner Zeit. So wird die Art, wie der deutsche Verteidiger Berti Vogts den Edeltechniker Cruyff in diesem Spiel an die Kette nahm, sinnbildlich für diesen Konflikt genannt: Es war für viele der Sieg der fiesen, hässlichen aber effektive Grätsche über die schöne, feine aber ineffektive Ballbehandlung.

Und genau hier fängt der historische Fehler an. Natürlich hat Berti Vogts ein überragendes Stück Abwehrgeschichte geschrieben. Aber eben jener Berti Vogts war im normalen Leben auch Teil einer Mannschaft, die sehr viel vom voetbaltotal verstand, wenn ihn nicht sogar geprägt hat: Die Rede ist von Borussia Mönchengladbach. Vielleicht musste es eben Berti Vogts sein, der Cruyff ausschaltete, weil nur Vogts aus täglichem Erleben wusste, wie man dieser Spielidee die Luft aus dem Reifen nimmt.

Weisweilers Fußball veränderte die Borussia

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Natürlich ist der totale Fußball die niederländische Fußballidentität schlechthin, aber er ist keine rein niederländische Erfindung. Als Johan Cruyff zur Saison 1965/66  als Teenager bei Ajax Amsterdam endgültig in die erste Mannschaft aufrückte und der neue Trainer Rinus Michels um ihn herum einen europäischen Titeljäger aufbauen konnte, wurde am linken Niederrhein schon ein Jahr vorher an einer offensiven Spielidee gewerkelt, die dem ganzen sehr nah kam.

Zur Spielzeit 1964/65 hatte der damalige Regionalligist Borussia Mönchengladbach mit Hennes Weisweiler einen neuen Trainer bekommen. Der knurrige und oft eigentümliche Kölner traf auf eine hoch talentierte Mannschaft mit Teenagern, die ähnlich hoch veranlagt waren, wie die Jungs in der Amsterdamer Mannschaft. Allen voran ein gewisser Günther Netzer. Nach nur einem Jahr stieg Weisweiler mit der Mannschaft auf. Noch bevor überhaupt jemand von voetbaltotal reden konnte, wurde in Gladbach schon die Idee eines schnellen, ausdauernden Fußballs mit überragender technischer Fähigkeit und hohem Anspruch an die Spielübersicht gespielt. In der Regionalliga erzielten die jungen Borussen 92 Tore und mussten nur 39 Gegentore hinnehmen, nur Aachen und Oberhausen mussten weniger hinnehmen, was auch als Widerspruch gewertet werden kann, dass Weisweilers Fußball keine defensive Idee hatte.

Eine unwissentliche Definition des voetbaltotal

In einem ähnlichen Stil sollte es weitergehen. Schon vor der ersten Bundesligaspielzeit attestierte Ben Harder in seinem Buch zur Saisonvorschau Folgendes: “Das [Die jungen Spieler der Borussen, Anm.] waren ja keine Fußballroboter, die man mühsam in ein Schema, in ein System pressen musste, um auf diese Weise Punkte zu ‘erriegeln’, zu ‘ermauern’. Da waren spielfreudige Vollblutfußballer, technisch versiert, ehrgeizig und voller Einfälle.” Hätte man dies damals über den jungen Cruyff geschrieben, niemand hätte widersprochen. Aber wir reden hier über eine Ansammlung, ein Kollektiv der fußballerischen Freiheit, die den landesweiten Fußball bis zur Mitte des noch kommenden Jahrzehnts dominieren sollte.

Hier vielleicht unterscheidet sich die Borussia dann doch von dem Ajax der Zeit. Während Amsterdam bereits ein großer Club war, eine große Basis hatte, musste sich die Borussia vieles erst mühsam erst noch aufbauen. Von einem wirklichen Traditionsclub im Sinne großer, über die Vereinsgeschichte anhaltender Erfolge war man ja noch weit entfernt. Entsprechend konnte das niederländische Spitzenteam Ajax den landesweiten Fußball nach belieben dominieren, spielte dadurch natürlich europäisch und gewann mehrfach den europäischen Landesmeisterpokal während die Gladbacher “nur” erste Meistertitel in der damals schon guten Bundesliga holten. Mit einer nahezu identischen Spielidee gelang beiden dies, Ajax hatte damit aber den größeren Erfolg auf der europäischen Bühne.

Deutschland und der dicke Oberschenkel des Verteidigers

Doch trotzdem bleibt voetbaltotal ein rein niederländisches Ding. Die Geschichte hat zwar für den Fohlenfußball der Borussia vom Niederrhein einen Platz, doch der wird bis heute nicht wirklich mit der explosiven Kraft des niederländischen Offensivfußballs verbunden. Die Antwort darauf, warum das so ist, dürfte in der unterschiedlichen Entwicklung der beiden Länder und vorherrschenden Fußballideen liegen. Deutschland, und vor allem der Niederrhein, waren damals – trotz eines 1968 – immer noch spießiger als die Niederlande es je werden können. So ist es wahrscheinlich nur in Deutschland möglich, dass der Fußball, den eine von Günter Netzer angeführte Nationalelf 1972 bei der EM spielte, sich nicht nachhaltig durchsetzte und sich binnen 14 Jahren zum deutschen Panzerfußball wandelte, der bis zum Debakel bei der EM 2000 ideal bleiben sollte. Im fußballerischen Deutschland bricht man halt erst auf dem Tiefpunkt mit den alten Gewohnheiten.

Während also hierzulande der dicke Oberschenkel des Verteidigers mehr wert war, fand im Nachbarland der voetbaltotal seine Verbreitung. Nahezu jeder Proficlub, die Nationalmannschaft und die ganzen anderen Verbandsmannschaften sind bis heute dem schönen, schnellen und wildem Spiel verschrieben. So etwas war in Deutschland nicht möglich – und vielleicht ist Borussia Mönchengladbach deshalb etwas Besonderes: Sie wurde zu ihren Fohlenzeiten von keinem Club systemisch kopiert, vielmehr reckten alle Vereinsverantwortlichen ihre Köpfe gen Süden, wo mit Bayern München der nachhaltigere und kontrollierte Erfolgsfußball gespielt wurde. 

Eine Lücke der Fußballgeschichtsschreibung

Daher ist es eigentlich Schade, dass in diesen Tagen die Lobreisungen an den voetbaltotal vollzogen werden, ohne dass auch nur einmal der Name Borussia Mönchengladbach fällt. Aber vielleicht liegt das auch an Hennes Weisweiler selber. Gab es doch in den 70ern nur ein wirkliches Aufeinandertreffen des Fohlenfußballs mit dem cruyffschen voetbaltotal – es endete im Desaster. Als Weisweiler 1975 den FC Barcelona trainierte und damit auch Cruyff kam es zum großen Clash.

Die, die dem Weltfußball die Schönheit des Spiels gaben, krachten in beidseitig bekannter Dickschädeligkeit aufeinander. Nach zehn Monaten verließ Weisweiler beleidigt den FC Barcelona und die Frage nach dem Hausherren des berauschenden Fußballs war geklärt: Der Sieger hieß Johan Cruyff – statt vom “Fohlenfußball” spricht man vom “voetbaltotal”. Dabei ist der niederländische Fußball und der, der am piefigen und spießigen Niederrhein bis zum Beginn der Ära Lattek gespielt wurde nicht der Gleiche, sondern nahezu derselbe gewesen.

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