Wie das Eishockey sich zum Kerner macht

Im deutschen Eishockey gibt es auf einmal eine laute Gewaltdebatte. Und dabei geht es nicht um die Schlägereien auf dem Eis, sondern um die Zustände auf den Rängen.

Über fünf Jahre ist der denkwürdige Auftritt des Fernsehmoderators Johannes B. Kerner her. In einer “hart aber fair”-Sendung in der ARD zündete die sachfremde Redemaschine mit einem Bengalo eine Kinderpuppe an. Um auf die Gefahren der Bengalos hinzuweisen. Es war der Höhepunkt der bis heute sicherlich peinlichsten Talk-Runde zum Thema Fußballgewalt. Nach dem Platzsturm im Relegationsspiel von Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC war die Hysterie im Lande auf einem Höchstmaß, einem lächerlichen.

Wie wir alle wissen, führen solche Gemengelagen selten zu echten Problemlösungen. Der Kern der Debatte geht in einem wüsten Geschrei vermeintlich informierter Schreihälse unter. Auf diesem Boden konnten Figuren wie der Polizeigewerkschafter Rainer Wendt das erreichen, was ihnen im echten Leben sonst verwehrt geblieben wäre: Sie können wachsen.

Das Peace’n’Harmony-Hockey ist ein Klischee

Im Eishockey sollten sich alle Beteiligten noch einmal an diese Zeiten im – oft spöttisch genannten – Rasenschach erinnern. Aktuell droht dem Kufensport Ähnliches. In den Stadien der Deutschen Eishockey Liga ist es weitgehend friedlich. Immer noch herrscht weitgehend der Geist der gesunden aber fairen Rivalität. Im Sinne von “Auf dem Eis hauen sich die Spieler, auf den Rängen singen die Fans miteinander.”

Nun wissen wir, dass dieses Klischee genauso wenig mit dem echten Leben zu tun hat, wie die Mär vom “Bürgerkriegsgebiet Fußabllstadion”. In Klostersee zog sich der Verein aus der dritten Liga zurück, er bekam das Gewaltproblem, das einige Hools auslösten, nicht in den Griff. Im restlichen Bayern scheppert es nicht erst seit heute auf den Rängen, da ist Eishockey auch mal ein Wirtshaus. Auch im Westen gibt es Ruhrgebietsduelle, die zumindest bei den Gesängen nicht immer der politischen Korrektheit entsprechen. Und in Iserlohn und Krefeld, aber auch in Düsseldorf und Köln benimmt sich die Jugend hier und da mal daneben.

Hier und da nervige Kinderultras

Alles aber im Rahmen – meist bleibt es bei nervigem und dümmlichem Kinderultra-Gehopse und Gelaber. Das mag man dumm finden, hat aber nichts mit einer akuten Gefahr zu tun. Auch die Vorfälle rund um die Fischtown Pinguins aus Bremerhaven sind unschön, aber auch nichts Großes. Da beschmierten Schwenninger Dorfprolls den Mannschaftsbus der Pinguine. Ärgerlich, teuer und dumm. Und da gab es bei einer Sonderfahrt aus dem Norden gen Düsseldorf den ein oder anderen Jüngling, der im Suff negativ auffiel. Fußballfans mögen jetzt sagen: Och Gottchen!

Und der Eishockeyfan täte gut daran, es ihm gleich zu tun. Leider hat die allgemeine Hysterie auch die Fans in ihren zeltartigen Trikots (oder genauer: Litfaßsäulen) erfasst. Beim Spiel Bremerhaven gegen Nürnberg wechselten die Heimfans bedeutungsschwanger in einer Spielpause die Seite und machten sich auf gen Gästeblock. Sie wollten gegen Gewalt protestieren, hatten dies Tage zuvor in sozialen Netzwerken angekündigt. Der übertragende Sender “Telekom Sport” machte das alles zum Hauptthema des Spiels (in dem Nürnberg übrigens aus einem 0:3 einen 5:4-Sieg machte. Aber was soll es, dieser lästige Sport.)  In der Drittelpause gab es ein Interview mit dem Bremerhavener Fanbeauftragten. Alle Beteiligten thematisierten es, wussten aber auch nicht so genau, was denn jetzt so wirklich Schlimmes geschehen war.

Kuscheln mit der Polizei und 71 Stadionverbote

Egal, die Geschichte musste weitergehen. Kurz nach dem Spiel gab es ein Foto des Maskottchens mit der Polizei, in dem man sich Seit an Seit mit der ach so gepeinigten Polizei zeigt. Dass es in manchen Fällen nicht immer gut ist, die Polizei beim Sport vorbehaltlos geil zu finden? Geschenkt! Warum auf die Negativ-Erfahrungen aus dem Fußball hören.

Vollständig den Vogel hat aber jetzt die DEL abgeschossen: Gegen 71(!) Ultras/Fans der Krefeld Pinguine soll ein Stadionverbot ergehen. Was haben sie gemacht? Vor dem Heimspiel gegen die Düsseldorfer EG gab es einen Fanmarsch. Der war nicht angemeldet, Pyros wurden gezündet und ja – der ein oder andere Krefelder ist dann halt Krefelder. Die Polizei nahm von allen die Personalien auf – darunter wohl laut Stellungnahme der Fans auch die einer Zwölfjährigen. Jetzt wurden Verfahren wegen Landfriedensbruch in Gang gebracht. Wohlgemerkt: Verfahren, keine Verurteilungen. In bester DFB-Manier reagiert die Liga darauf mit der Gießkanne und spricht Stadionverbote aus.

Einfach mal Runterkommen!

Damit hat das ganze absurde Höhen erreicht und die Unterscheidbarkeit von Fußball und Eishockey, die einem ja immer wie ein Mantra um die Ohren gehauen wird, ist eigentlich nicht mehr gegeben. Das ach so kluge Eishockey scheint die in der Theorie eher eskalierenden Folgen von Kollektivstrafen nicht begriffen zu haben. Zumindest wirkt es fragwürdig, große Teile einer Szene auszuschließen, die sicher keinen Blumentopf in Sachen Sympathie gewinnt, aber eben nun auch nicht sooo schlimm ist, wie sie immer gemacht wird.

Vielleicht kommen jetzt mal alle wieder runter. Eishockey muss anders bleiben – auch im Umgang mit vermeintlich Schwarzen Schafen. Es nur so dusselig bekloppt und überhöht wie im Fußball zu machen, führt schnurstracks in die Problemzone. Die öffentliche Meinung ist nämlich schnell mit dümmlichen Vorurteilen angesteckt. Gewalthysterie im Sport ist dabei sehr förderlich.

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