Wege aus der Söldnerkrise

IMG_20150502_141805
Zeit für neue Helden

Wenn man einem Schimpfwort im Zusammenhang mit der aktuellen Mannschaft von Fortuna Düsseldorf häufiger begegnet, dann lautet es: “Söldner”. Eben jene fiese Umschreibung für Abzockerprofis, die Wappen küssen, wie sie Kaffee trinken. Und in der Tat – die Kader der Fortuna haben sich in der jüngeren Vergangenheit nicht unbedingt als Ansammlung der vereinsliebenden Profis ausgezeichnet. Trotz eines Urgesteins wie Andreas Lambertz oder dem aktuellen Dauerläufer Axel Bellinghausen.

Insofern sind die Anhänger eigentlich leidgeprüft, was das “Phänomen Söldner” angeht. Doch trotz dieser dicken Haut, die man beim Thema Söldner hat, wirkt der diesjährige Kader auf den ersten Blick wie ein wahnwitziger Einkaufsrausch durch die Alimenteboutique der abgehalfterten Profis aus einer vorherigen Phase des modernen Fußballs: Karim Haggui, Didier Ya Konan, Alexander Madlung und Lars Unnerstall. Ergänzt werden die Herren um nicht besonders interessiert wirkende Leihspieler wie Kerem Demirbay und Joel Pojahnpalo. Die krude Mischung wird komplettiert um eine Garde von Spielern, von denen man nicht weiß, was man von ihnen halten soll (van Duinen, Bolly, Saraer oder Strohdick), die neben ratlos Etablierten stehen – Stichwort Bodzek und Bellinghausen. Und einem Torwart, der durch gute Leistungen aber auch mieses Teamplay auffällt.

Es braucht ein neues Gefüge

Der Kader der Fortuna ist also – das zeigen die ersten 19 Spiele bis zur Pause – ein ratlos machendes Konstrukt, aus dem man weder ein Gefüge, noch eine Taktik ablesen kann. So richtig weiß man selbst als Außenstehender nicht, mit welcher inneren Logik Transfers getätigt wurden. Das Schlimme an der Sache ist, dass dies nicht neu ist. Bereits nach dem Aufstieg in die Bundesliga sprengte man ein möglicherweise klassenerhaltendes Gefüge und stieg mit einigen Wahnsinnstransfers ab. Wir erinnern gerne an Aristide Bancé, Andrij Voronin, Du-Ri Cha oder den “Abwehrkracher” Martin Latka. An keinen dieser Spieler wird man sich nachhaltig erinnern (wollen). Aber aus dieser Zeit hat man bis heute nichts gelernt – auch die Jahre nach dem Abstieg aus der Bundesliga gelten eher als Söldnersünden, denn als nachhaltige Aufbauarbeit.

Aber – und das kann ein Vorteil sein – niemand kann mehr erzählen, dass in Düsseldorf systematisch eingekauft wird. Niemand kann zudem aus diesem Kader eine Vision für die Zukunft ableiten. Im Grunde hat man sich – Klassenerhalt vorausgesetzt – in der kommenden Saison ein Jahr Ruhe verschafft. Das Wort Aufstieg – zumindest in die erste Liga – hat jetzt erst einmal bis Sommer 2017 Urlaub. Nach fünf Jahren des stetigen Großmannssucht ist die Fortuna endgültig auf ein normales Maß geschrumpft. Und startet in diese Phase mit Marco Kurz, einem neuen Trainer.

Söldner, die Identifikation lehren

Dessen Aufgabe es sein sollte, eine Mannschaft zu entwickeln,die man auch als solche bezeichnen kann. Neben der Baustelle Klassenerhalt wird es Kurz’ erste Aufgabe sein, ein Kernteam zu finden. Er muss die fünf, sechs Spieler erkennen, die Lust auf die Fortuna haben, oder denen man den Club auf eine andere Art wieder schmackhaft machen kann. Um diese Profis herum lässt sich dann eine Mannschaft aufbauen, die sich klar an der Kerngruppe orientiert.

Das Problem dabei: Es ist schwierig zu sagen, welche Spieler aus der aktuellen Mannschaft dafür infrage kommen. Einfach Axel Bellinghausen oder Adam Bodzek zu brüllen, wäre zu leicht und leider falsch. Zum einen – das gilt im Falle Bellinghausen – ist die sportliche Wettbewerbsfähigkeit mit den Jahren ein größer werdendes Problem. Zum anderen geht es um eine Fortuna neuer Prägung, da wären altbewährte Rezepte schwierig.

Ein Fortuna-Daems wird gesucht

Im Grunde beginnt jetzt die Suche nach bisher verkannten Musterprofis unter den Söldnern. Die Fortuna muss ihren Filip Daems oder Martin Stranzl finden. Bei Borussia Mönchengladbach waren genau das die beiden Spielertypen, die den Ausweg aus der Söldnerfalle ebneten, sie gaben die Mischung des Teams vor. Es war der Weg zum heutigen Erfolg, nachdem man – eine Klasse höher – Jahre unter den Folgen eines ähnlichen wirren und irren Transfergebaren gelitten hatte. Insofern wird es spannend werden, wer das für die Fortuna sein könnte. Im Grude läuft es auf Spieler hinaus, deren Verträge noch lange genug laufen. Vielleicht sind es daher am Ende vielleicht Mike van Duinen, Sercan Sarerer, Julian Schauerte oder ein Julian Koch, die den Ton in der Mannschaft angeben werden.

Es sind Spieler, die eine Perspektive bieten, da sie eben längere Verträge bei der Fortuna unterschreiben würden. Und andererseits sind sie auch bei guten Leistungen keine jugendlichen Shootingstars, die einem sofort unterm Arsch weggekauft werden. Mit solchen Spielern aus dem fußballerischen und altersmäßigen Mittelbau können sich langfristige Konzepte entwickeln. Da braucht es dann nicht immer den großen Namen, den man dazu holt, um erfolgreich zu sein. Dann reicht es vielleicht, Spieler zu holen, die in ein System passen, menschlich wie sportlich. Und genau diese Ordnung muss sich bis zum Sommer heraus kristallisieren. Ansonsten geht es weiter wie zuletzt: Vor jeder neuen Spielzeit werden die dümmsten verbalen Verdrehungen gemacht, planlose Transfers getätigt und der Verein taumelt weiter nach unten. Da ist es dann auch egal, ob man in dieser Spielzeit die Klasse halten wird: Dann steigt man halt zu einem späteren Zeitpunkt wieder in die Dritte Liga ab – ohne jemals wieder eine Identifikationsfigur entwickelt zu haben.

6 Kommentare

  1. Dem ist nichts hinzuzufügen. Kluge Analyse, gute Schlussfolgerung. So wäre ein möglicher, wenn nicht der einzige mögliche Weg für „meine“ Fortuna.

  2. Danke, eine gute Analyse. Früher hat das meine ich auch nicht anders funktioniert als der von Euch aufgezeigte Weg. Einige gestandene dazu Jahrhunderttalente wie Cebe, Cakir und Lambertz. Ausserdem jetzt schon Wort des Jahres Alimenteboutique. Nur finde ich Söldner hin oder her kann ich erwarten, dass die Leute sich reinhauen, vor allem der Mittelbau wie sararer und koch. So viele meriten haben die auch nicht.

  3. Bingo! Du hast die Ursache für das Unglück auf den Punkt gebracht!

    Schön wäre es, wenn das jetzt auch noch die Verantwortlichen lesen und deinen Schlussfolgerungen folgen würden….

  4. Besser kann man die Situation bei der Mannschaft Fortunas nicht beschreiben. So ist es einfach. Aktuell sehe ich ein enormes Problem im Angriff. Wenn eine Mannschaft hinten zwei Stück „kriegt“, muss diese Mannschaft eben vorne drei Stück schießen. Dazu ist der Sturm Fortunas nicht in der Lage. Hier gilt es ganz schnell den Hebel anzusetzen, denn ein „echter“ Mittelstürmer bekommt genug Vorlagen in Düsseldorf. Und noch was: Ecken, Freistöße die ab und an zu Toren führen kann eine Mannschaft trainieren. Auf gehts, Sportsgruß

  5. Ecken,Einwürfe und Freistöße können wir nicht. Ein Spielsystem kann die Mannschaft auch nicht. Kein Leitwolf an dem sich die jungen Spieler orientieren können. Alles in allem ziemliche Scheisse. Jetzt kann es nur noch heißen „Ärmel hochkrempeln,kämpfen und die Klasse halten“. Dann wieder einen Neuanfang starten. F95 ole

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*