Wechselwirkungen peinlicher Borussen

tumblr_inline_nginwtaRwN1ru7r4tDas mit den Traditionsklubs ist so eine Sache. Es hat Vorteile, zu dieser Kaste zu gehören. Solche Klubs – mit Ausnahme des FC Bayern – haben in der Regel einen niedrigen Grad an Polarisierung. Somit erntet man schneller mal Bewunderungen. Auch sammeln sich über die Jahre einige Spielernamen an, auf die der geneigte Traditionalist stolz sein kann, dass sie mal das Trikot des eigenen Vereins getragen haben. Allerdings entstehen durch Masse aber nun einmal auch Nachteile. Denn selbst die größten (Ex-)Spieler können irgendwann einmal unfassbar peinlich werden. Wie das Beispiel Borussia Mönchengladbach im Moment sehr schön beweist.

Da war er wieder: Berti Vogts hat erneut einen rausgehauen. Via Presse erklärt Mönchengladbachs ehemalige Verteidigerlegende, dass Christoph Kramer einen Trainer wie Hennes Weisweiler verdient hätte. Zu abgehoben wirke Kramers Auftreten auf den ehemaligen Bundestrainer. Und ja, nach langer Zeit, stimme ich im Grundtenor mal einer Aussage Berti Vogts’ zu. Kramer dreht ab, nervt und muss wirklich langsam verstehen, dass er zwar Weltmeister ist und seine Geschichte in Sachen Storytelling auf ewig enkelfest ist (Oppa im Jahr 2050 so: “Der Kramer, dat war ‘ne Jeschichte”), aber Kramer überspannt den Bogen. Das ist so neu nicht. Was vor einem Jahr mit einem freimütigen Bekenntnis über gesperrte Handys und Führerscheine begann, führte über heulende Kindertränen in Fortuna Düsseldorfs Jugend, knallhartem Menschenhandel zu eigenen Buchankündigungen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Und das nervt nicht nur Berti Vogts. Aber wie das so ist: wo ein Fettnapf ist, da ist der Kleine aus Kleinenbroich bei Korschenbroich nicht weit mit seinem Senf. Da darf dann auch gerne der schon lange verstorbene Weisweiler als Kronzeuge angeführt werden. Allerdings: in ganz Gladbach hält man sich vor Lachen den Bauch: “Der Berti mal wieder!” Nicht nur, dass seine despektierlichen Aussagen über Sportdirektor Eberl nicht vergessen sind; immer noch schmunzelt auch so mancher, wie er verlangte, das Fabian Johnson in einem System ständiger Rochade immer nur Rechts spielen dürfe. So ist allein der Vergleich, dass Kramer einen Weisweiler zur Erdung bräuche, der Knaller. Nicht wenige können sich nämlich vorstellen, dass ein Typ wie Kramer eben ganz nach dem Geschmack Weisweilers gewesen wäre. Dieser hatte nämlich auch das Credo: “Wer säuft und auf dem Platz rackert, ist ein guter Junge.” Hierin lag ja das Problem mit einem Günter Netzer: Der soff nämlich nicht, machte einen auf Schönspieler und hatte Erfolg. Das passte nicht in Weisweilers Weltbild von Skat, saufen und spielen. Einer wie Kramer, der sich auf dem Feld – auch mangels Talent – einen abrackert und dann hin und wieder über die Strenge schlägt, hätte den Hennes wohl nicht in den Wahnsinn getrieben. Vielleicht eher, dass Kramer wohl nicht zur trinkfesten Truppe gezählt wird. Weisweiler hätte sich also genauso wenig an Kramer gestört wie ein Lucien Favre das tut. Aber – siehe das Beispiel Johnson – mit zeitgemäßer Wahrnehmung hatte es Berti Vogts nie so wirklich. Und so sei Vogts an den Satz von der Gladbacher Spielerberaterlegende Norbert Pflippen erinnert: “Der Berti hatte immer die Frauen, die Netzer angedichtet wurden.” Bis heute hat “Musterprofi” Vogts diesen Satz nicht wirklich dementiert!

Wein, Weib und Abstieg in Bochum?

Vielleicht wäre der Berti aber im Moment ja der ideale sportliche Berater für den VfL Bochum. Nicht nur, dass die Bochumer wahrscheinlich inzwischen ähnlich über ihren Ex-Spieler Kramer denken. Nein, dort braut sich nämlich weitaus größerer, sportlicher Horror am Horizont zusammen. Manch ein Bochumer spricht bereits von der Gladbacher Verschwörung gegen den VfL Bochum. Schon schlimm genug für den Klub, dass die Borussia einst durch den Relegationserfolg gegen die Bochumer im Grunde die bisherige Zweitklassigkeit zementierte. Nein, seit mehr als einem Jahr ist Christian Hochstätter, seineszeichen Ex-Borusse aus Korschenbroich bei Kleinenbroich, sportlicher Leiter an der Castroper Straße. Bisher ohne große Wirkungskraft. Aber das könnte noch kommen.

In Bochum wurde nämlich Trainer Peter Neururer entlassen. Weil er angeblich das gemacht hat, wofür man ihn beschäftigt hat: vereinsschädigendes Verhalten! Jetzt schlägt die große Stunde des liebevoll “Howie” genannten Hochstätters. Zeit für den großen Coup: Via Zeitung ließ der ehemalige Borussen-Sportdirektor erklären, dass sein Ex-Spielerkollege aus Gladbach, Stefan Effenberg, ein interessanter Mann sei. Fragt sich halt nur wofür? Sicher, Hochstätter spricht vom Traineramt. Mit dem sensationellen Bochumer Fiege-Bier hat Hochstätter dabei sehr gute Argumente, Effenberg zu ködern. Andere – oder sagen wir alle – denken jedoch eher an einen interessanten Versuch, den VfL erneut unter Gladbacher Anleitung eine Liga tiefer zu schicken. Denn es ist durchaus riskant, den polarisierenden Effenberg bei einem Club wie dem VfL Bochum zu installieren. Geht es schief (und das wird es) haben die Bochumer Fans künftig Montags genug Zeit, eigene Wahnwachen gegen eine Weltverschwörung (in diesem Fall gegen Gladbach) abzuhalten. Die Dritte Liga spielt nämlich Montags nicht. Das sollte der dann amtierenden Bochumer Vereinsführung trotzdem ziemlich schnurz sein: Neu-Präsident Jörg Neun wird selbst im Fall eines Abstiegs auf keinen Fall an seinen sportlichen Taktgebern, Hochstätter, Effenberg und Holger Fach rütteln. Und schon einmal gar nicht am erweiterten Vereinsvorstand in Bochum. Wäre ja auch zu Schade für Berti Vogts, Jeff Strasser oder Karl-Heinz Pflipsen. Oder wie sagt man so schön bei Twitter: #thosewerethedays. (cu)

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