Warum nicht mit Schubert?

6904380441_1f8720765d_o
Zwischenlösung?!

Die Borussia hat sich zumindest für das Erste aus dem gröbsten Schlamassel befreit – nach den ersten beiden Saisonsiegen gegen Augsburg und Stuttgart ist zu erkennen, dass die Mannschaft im Großen und Ganzen deutlich besser ist, als es der Tabellenstand aussagt. Und vor allem: dass nach dem Gruselstart, dem Beziehungsende durch Lucien Favre und der laufenden Trainersuche trotzdem noch eine stabile, wenn nicht sogar erfolgreiche Saison möglich ist. Beides haben die ersten Saisonspiele unter Interimstrainer Andre Schubert nun also belegt. Die Spieler wirken nach der Ära Favre befreit, im Kopf unbelastet und gewillt, den Karren wieder in die richtige Spur zu setzen.

Und wie das halt so medial ist und auch in den diversen Foren auf Facebook sowie auf einigen Blog-Seiten: Jetzt wird Andre Schubert zum eventuellen Kandidaten für die feste Favre-Nachfolge erhoben. Bei manch einem stärker, bei manch einem zurückhaltender. Kronzeuge für den Satz “Lasst den Andre Schubert mal machen” sind dabei die ersten beiden Spiele, die er an der Seitenlinie verbracht hat.

Beide waren ein schönes Spektakel mit dem in Gladbach so verehrten Risiko-Fußball und verbunden mit vielen Toren. Doch bevor man so vorschnell urteilt, sollte man sich anschauen, was Schubert im Gegensatz zu Favre taktisch verändert hat. Will man ganz ehrlich sein, bis auf den Einsatz der unter Favre verletzten Spieler wie Patrick Herrmann, Fabian Johnson (dessen Wert sich im Moment zeigt) und Alvaro Dominguez, hat Schubert schematisch wenig verändert. Gleiches System, gleiche schnelle Ausrichtung zum Tor. Nur wenig ist anders: Schubert erlaubt den Spielern, Fehler zu machen, lässt stärker am Mann orientiert verteidigen und presst höher.

Vor allem die Sache mit der Angst scheint der Mannschaft nach den Jahren unter Pedant Favre gut zu tun. Einfach mal das Hirn frei pusten uns spielen. Gegen Augsburg und Stuttgart war es der mentale Schlüssel zum Sieg. Doch ist dieses Konzept die Formel für die Weiterentwicklung? Eher nicht. Borussias System, das von Favre kultivierte 4-2-4 mit äußerst flexiblen Positionsspiel in der Offensive, was temporäres 4-2-2-2 oder 4-2-3-1 ermöglichte, war viel mehr das Problem des Saisonstarts. Will man es perfekt spielen, bedarf es einer niedrigen Fehlerquote. Sonst braucht es eine Menge eigener Tore, um verschuldete Elfmeter oder Ballverluste in der Vorwärtsbewegung zu bereinigen. In dieser Saison – so schien es – hatten die Gegner durch hohes Pressing das System geknackt. Aus diesem Grund fühlte sich auch das 1:3 gegen Augsburg am letzten Spieltag der vergangenen Spielzeit so komisch an. Der FCA hatte Favre am Tag der großen Champions-League-Abschluss-Party entzaubert.

Dass Schubert also jetzt dieses System weiter spielen lässt, trägt eine hohe Gefahr in sich. Denn die lockere Variante mit erlaubter Fehlerzahl ist zwar aktuell erfolgreich, aber halt eben nicht auf Dauer. Nur die Lockerheit ins Spiel zu bringen, weil man sich eventuell besser verständlich machen kann (Schubert war nun mal Germanistik-Student, hat keinen eigenen deutschen Dialekt erfunden) und entspannter wirkt als der Vorgänger, führt nicht zu einem taktischen System. Um eine Chance als Trainer zu haben, müsste Schubert genau jetzt eine eigene Spielart kultivieren. Vielleicht braucht die Mannschaft  das System der vergangenen Weltmeisterschaft, das intensive 3-5-2 mit maximaler Verschiebung im Mittelfeld.

Und an dieser Stelle kommt die Frage, ob Schubert der Mann ist, der dieser Truppe im laufenden Betrieb ein neues Spielsystem einbläuen kann. Ich habe daran meine Zweifel. Die Chance, dass es schief geht, ist hoch. Und in anderthalb Jahren, wenn man es dann bemerkt hat, wird es vielleicht noch schwerer, einen neuen Trainer zu finden. Das wird Sportdirektor Max Eberl wissen. Er hat mit Favre den Verein in eine neue Kategorie gehoben – in eine, die Borussia für innovative Trainer interessant macht. Und eines sollte Borussia Vereinsgeschichte gelehrt haben: Am stärksten war man unter Weisweiler, Krauss, Meyer und Favre – zusammengenommen die pure Ansammlung fußballerischer Innovation. Dieser Weg ist also für die Borussia – will sie sich selber Gerecht werden – unabdingbar. Zwei Siege eines Interimstrainers ändern daran hoffentlich wenig. Und wen das alles nicht überzeugt: Der letzte Borussen-Trainer, der seine ersten beiden Spiele gewann, hieß Wolf Werner, der im Folgenden zum Architekten einer strauchelnden Borussia wurde.

Foto-Quelle: xtranews.de

2 Kommentare

  1. Ich halte eine Bewertung für verfrüht; AS hat ein funktionierendes System übernommen und nur Kleinigkeiten geändert – warum nicht? Ob er in der Lage ist, Mannschaften zu entwickeln? Keine Ahnung, aber das ist die Gretchenfrage …

  2. Sehe das genau so wie im Artikel beschrieben. Ich möchte Schubert die benötigten Fähigkeiten nicht absprechen, aber es ist deutlich zu früh, dazu etwas zu sagen. Ich finde, wirklich gute Trainer erkennt man daran, dass sie nicht nur in der Anfangszeit erfolgreich sind, sondern auch noch nach 2 Jahren. Außerdem braucht es ein funktionierendes System. Gerade die Fokussierung auf das System das an sich funktioniert, macht weniger stark abhängig von Aggressivität und Ausdauer und hat Gladbach so stark gemacht. Aktuell spielen die Borussia wie unter Favre nur viel aggressiver. Wie man in gesehen hat, beruhten die Erfolge auf den Toren zu Beginn des Spiels. Im weiteren Verlauf gab es immer ein Nachlassen. Bei Favre fielen die Tore oft auch zum Schluss, weil man die Gegner durch Geduld und ewiges Passspiel ermüdet hat. Passt also der Favre’sche Stil zu so aggressivem Pressing?
    Ich hoffe auf einen Trainer mit klarem eigenen Plan und der Fähigkeit, diesen den Spielern zu vermitteln. Wir brauchen, auch wegen der Clubstrategie, einen Trainer, von dem es heißt, er mache Spieler besser , damit auch in Zukunft hochtalentierter Nachwuchs Borussia als gute Option für die Weiterentwicklung sieht. Wenn ich ehrlich zu mir bin, wünsche ich mir Favre zurück.

1 Trackback / Pingback

  1. Kein Song, kein Bild, ein Jahr – Halbangst Blog

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*