Warum Gent und Eindhoven ins Eberl-Visier geraten sollten

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Es hat Tradition in Mönchengladbach, in die BeNeLuxländer (Man nennt sie auch BeNeStrasserLänder) zu schauen. Nicht nur, was die Spieler angeht, sondern auch in der Trainerfrage. Auch jetzt bei der Suche nach einem würdigen Favre-Nachfolger schaut der ein oder andere nach Belgien und den Niederlanden. Natürlich mögen geschichtsbewusste Gladbacher einwerfen, dass ein niederländischer Trainer der jüngeren Vereinsgeschichte ein bis heute währendes, also absolut nachhaltiges, Trauma hinterlassen hat. Aber in Zeiten eines Gertjan Verbeek wirken die Friktionen einiger Journalisten und Fans mit Dick Advocaat, dem größten Borussen-Missverständnis seit es Ost-Holland gibt, wie eine Kleinigkeit. Zumindest konnte Jos Luhukay den von Advocaat in großen Teilen zertrümmerten Laden mit dem Aufstieg wieder aufrichten und somit die niederländische Ehre am Niederrhein retten. Wäre ja auch zu schlimm, wenn die einzige Grenzregion, in der es eine verbal friedliche Co-Existenz mit dem Nachbarn gibt (man frage zum Vergleich nur mal Münsterlander nach “Holland”), durch einen fehlgeleiteten Übungsleiter dauerhaft beschädigt worden wäre.

Aber genug der Witzeleien, die Lage ist ernst. Zu ernst gar, um sich überhaupt auf das Angebot der freien Trainer einzugehen. Das Problem an Favres Rücktritt ist nicht der grundsätzliche Gedanke hinter dieser Entscheidung, sondern der Zeitpunkt. Der Markt an wirklich guten Trainern mit Bundesliga-Erfahrung ist leer gefegt. Da gibt es Jürgen Klopp. Aber halt nicht für die Borussia aus Mönchengladbach. Auf dieses beiderseitige Agreement kommt man schnell. Dann bliebe noch Jupp Heynckes – ist er fit, steht er als Lösung für die kommenden anderthalb Jahre außer Frage. Der alte Mann aus Schwalmtal (und somit allertiefstes Limburg) kann mit jungen Spielern etwas anfangen. Davon hat Favre eine derart große Masse hinterlassen, dass eine Wiederholung des Intermezzos von 2006 nicht droht. Damals musste Heynckes mit abgehalfterten Stars, so Typen wie Thomas Helveg und Wesley Sonck arbeiten. Woraufhin er entnervt das Handtuch schmiss. Dieses Mal könnte er größere Lust haben, seiner Heimat zu helfen.

Über Heynckes weiter gen Westen schauen

Aber – gehen wir mal nicht davon aus, dass der Glücksfall “Heynckes” eintreten wird. Und damit ist der Markt dann auch schon leer. Derzeit erzählt man sich von Slomka, Magath, Luhukay – da fragt man sich, warum noch keiner den Namen Jens Keller ins Spiel gebracht hat! Um es klar zu sagen: Die jetzigen Spekulationen zeigen, wie wenig noch wirklich über Fußball in den Redaktionen nachgedacht wird. Reflexe regieren über das Fachwissen. Und somit haben wir im Bezug auf die Grenze zu den Niederlanden – zumindest medial – ein Brett vor dem Kopf. Denn dort, bei den Top-Clubs, sind die Trainer, die vielleicht den Weg der Borussia weiter gehen könnnten. Denen die Fußstapfen eines Lucien Favres mitnichten zu groß sind, sondern eine spannende Herausforderung darstellen. Wer den PSV Eindhoven, das cruyffsche Himmelfahrtskommando Ajax oder das zuletzt etwas strauchelnde Feyenoord trainieren kann, der kann auch Gladbach. Und wer in Belgien den Titel holt, einer Liga der Unregelmäßigkeiten und großen Nachwuchshoffnungen, kann so schlecht auch nicht sein.

Und Eines ist klar: Wenn die Borussia es will, und der Kandidat auch, kann kein Club aus diesen Ländern finanziell was gegen einen Wechsel unternehmen. Die Zeiten haben sich nämlich geändert. Die großen Drei aus den Niederlanden verdienen jeder für sich weniger TV-Geld als Fortuna Düsseldorf. International macht sich kaum einer noch in die Hosen, wenn es gegen ein Top-Team aus den Niederlanden geht. Im Nachbarland geht der böse Vergleich vom Nokia des Fußballs um: einst bewundert, heute belächelt.

Phillip Cocu – ein großer Name

Und genau deshalb eventuell die Lösung des Gladbacher Problems. In den Niederlanden gilt nämlich immer noch das Prinzip, dass gute Ex-Fußballer auch Trainer großer Clubs werden. In Deutschland sieht man das – dank solcher Typen wie Effenberg, Matthäus und Basler – geringfügig anders. In den Niederlanden etablieren sich dagegen Trainer wie Frank de Boer bei Ajax, Giovanni van Bronckhorst oder der interessanteste Kandidat: Phillip Cocu vom PSV Eindhoven. Vor allem Letztgenannter hat die PSV zum Titel geführt, Luuk de Jong neues Vertrauen geschenkt und dabei auch bewiesen, dass er mit Frontstürmern zu spielen vermag. Diese taktische Varianz ist zumindest einen genaueren Blick wert.

Außerdem hätte der Name erst einmal eine beruhigende Wirkung auf den Gladbacher Kader. Man darf eines nämlich nicht vergessen: In Borussias Mannschaft stehen international begehrte Spieler, die auch wegen eines Lucien Favre in Mönchengladbach gespielt haben. Holt man einen Trainer ohne Strahlkraft, sind Spieler wie Xhaka, Herrmann, Hazard, Sommer, Raffael oder Domiguez schnell weg. Zwar dann für viel Geld. Aber was nützt es einem, wenn keiner – außer einiger Hardcore-Söldner – bei der Borussia spielen will? Der Trainer hat im modernen Fußball einen massiven Einfluss auf Transfers. Erst Recht bei Clubs, deren Charme sich eher im sportlichen Konzept begründet, denn in der touristisch guten Lage (wobei der Naturpark Schwalm-Nette am Heynkeschen Hof fast schon Irland auf Flachland-Niveau ist). Daher braucht es einen Trainer mit Renommee – nicht zu bekannt, aber erfolgreich. Und vor allem mit Historie. Im Moment bieten das nur Niederländer. Und der PSV Eindhoven wird sich schwerlich weigern, wenn auf einmal die Borussia mit den Geldscheinen winkt. Wie gesagt: Die Eredivisie hat ein paar finanzielle Probleme, international konkurrenzfähig zu bleiben.

Warum nicht mal einen belgischen Meistertrainer

Auch im anderen Land mit komischer Sprache – dem flämischen Teil Belgiens – gibt es zumindest einen interessanten Mann: Hein Vanhaezebrouck. Der Mann mit dem dreifachen Zungenbrecher-Nachnamen hat eine von Europas Fussball-Märchen-Geschichten geschrieben, indem er K.A.A. Gent zur ersten belgischen Meisterschaft führte. Der Klub – trotz insgesamt nur drei Pokal-Trophän im Schrank nach eigenem Selbstverständnis einer der Großen der Liga – war zuletzt erschreckend graumausig daher gekommen. Vanhaezebrouck kam dabei erst 2014 zu Gent. Es war sein zweiter Versuch bei einem grösseren Verein als sein Heimatklub Kortrijk. Im Jahr 2009 war er noch beim KRC Genk relativ schnell gescheitert. Gent wiederum galt vor Jahresfrist als Schleudersitz für Trainer (fünf Coaches in vier Jahren). Vor den Engagements bei Genk und Gent wurde Vanhaezebrouck 2006 Zweitligameister und gewann 2012 als Übungsleiter in Kortrijk die Auszeichnung als Belgiens Trainer des Jahres. Der groß gewachsene 51-Jährige gilt als Motivator, dazu aber auch als guter und vor allem flexibler Taktiker, der gezielt unbekannte und junge Spieler zu Großem bewegen kann. Er holte Leute wie Moses Simon oder Laurent Depoitre von den Abstellgleisen der C- und D-Klubs Europas und formte sie zu Leistungsträgern des Sensations-Champions K.A.A. Gent.

Vanhaezebrouck bevorzugt dabei das 3-5-2-System vieler innovativer Teams bei der letzten Weltmeisterschaft, modifiziert es jedoch gerne zu einem 4-3-3 oder 4-2-3-1 um. Letzteres dürfte Borussias Formation unter Favre bei Ballbesitz am nahesten kommen. Kein Wunder, dass der wuchtige Belgier von einer Fußballzeitung als Mister Stratego bezeichnet wurde. Er ist penibel und willensstark in der Durchsetzung seiner Ziele. Der Vergleich mit Hans Meyer ist durchaus angebracht – alleine ein Zitat Vanhaezebroucks aus der niederländischen Voetbol International bleibt dabei hängen. Dort sagte er, er sei lange ein Träumer gewesen, habe geglaubt, dass man immer den schönsten Fussball spielen müsse. Inzwischen sei er realistischer geworden. Für ihn gehe es um das, worum es gehen muss: “Gewinnen.”  Gegenwärtig ist Gent noch ohne Niederlage in der Jupiler League und mit einem 1:1 gegen Frankreichs Ex-Serienmeister Olympique Lyon trotz doppelter Unterzahl in die Champions League Saison gestartet. Deutlich besser also als die Borussia, die sich jetzt umschauen muss – und von uns aus gerne nach Westen schauen kann. Denn im Osten lauern die Slomkas, Schaafs und Korkuts. Das ist es nicht mehr weit bis zu einem Peter Neururer. Und spätestens dann klingen Zungenbrechernamen wie Cocu und Verhaezenbrouck schon deutlich besser.

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