Arbeitsplatzvernichtungs-Aggregator

Wir sollten vielleicht noch einmal über die Springer-Linkschau “1530Blog” sprechen. Unsere öffentliche Ablehnungsbekundung gegenüber dieser neuen Seite hat in der vorvergangenen Woche eine größere Diskussion in Blogger-Kreisen ausgelöst. Die einen waren voll auf unserer Seite, einige hielten dagegen. Soweit die Stimmungslage. Aber damit ist das Thema für uns nicht vom Tisch; geht es nämlich nicht um die alte Leier, dass die Springer-Presse per se böse ist und all die anderen gut sind: Uns geht es im Kern um die Erhaltung des Journalismus – eben gerade auch bei Springer.

Irgendwie fühlten wir uns wie bei Harry Potter. Wir waren diejenigen, deren Namen man nicht nennt. In zwei Gegenreden, die uns aufgefallen sind, wurde im Verlauf der Texte noch nicht einmal “Halbangst” genannt, auch wenn wir sicher gemeint waren. Eher wurden wir in einem Fall als “gute Menschen” dargestellt. Der Lord Voldemort der Anti-Springer-Bessermenschen-Front ist demnach dieser Blog. Doch was untergeht: Wir haben nichts gegen Springer. Seit Bestehen dieser Seite haben wir uns mehrfach positiv über die Berichterstattung der BILD geäußert – zumindest, wenn es um Fortuna Düsseldorf ging. Auch stehen wir mit den dortigen Kollegen im regen Austausch. Nur, weil wir nicht für Springer arbeiten würden, heißt das nicht, dass wir jede Form des Journalismus dort geringschätzen. Wer uns das unterstellt, hat das Ziel leider knapp verfehlt.

Im Kern stoßen wir uns an den Zielen der Konzernleitung, die aus unserer Sicht mit dem neuen Aggregator “1530Blog” verfolgt werden. Nur mal zur Erinnerung: Das Leistungsschutzrecht wurde auf politischen Druck Springers in der letzten Legislaturperiode durchgedrückt – zumindest nach Ansicht der damaligen Opposition. Warum, wird nun immer klarer: Die Konkurrenz durch Google sollte eingedämmt werden, damit man mit eigenen Geschäftsmodellen nachlegen kann. Denn anscheinend herrscht im Konzern die Meinung vor, dass klassischer Journalismus ein Auslaufmodell ist. Zumindest in Renditefragen! Da sind natürlich Seiten wie “1530” mit einer potentiell hohen Reichweite und – das ist der qualitative Unterschied zu Google – freiwillig bereit gestellten, kostenlosen Inhalten durchaus besser für die Unternehmensgewinne. Dass dem so sein könnte, belegt auch, wie gezielt und teilweise auch massiv die Stellen und Arbeitsplätze in den Redaktionen von Bild und Co. gestrichen werden.

Zumal das Ganze für den teilnehmenden Blogger zum Bumerang wird. Blogs werden so schnell nicht den klassischen Journalismus ersetzen. Wer das glaubt, glaubt auch, dass ein Krankenpfleger eine Niere transplantieren kann. Sollten aber die Verlage künftig verstärkt auf die Geschäfte mit Aggregatoren schielen, geht der Journalismus baden. Gibt es ihn nicht mehr, haben zahlreiche Blogs kaum mehr Anknüpfungspunkte, halbwegs objektive Informationen aus den Vereinen zu bekommen. Machen wir uns nichts vor: Wenn es weniger Journalisten gibt, heißt das nicht zwangsläufig mehr Akkreditierungen für Blogger. Die Vereine selber zeigen ja schon, wie genehm ihnen die zunehmende Ausdünnung der klassischen Redaktionen ist. Denn dadurch entfalten sich die eigenen Produkte aus der jeweiligen Medienabteilung besser. Nur finden sich in den Fohlen.TVs, BvB-Radios und Fortuna-Tweets selten kritische Bewertungen. Dass auf dieser Grundlage Blogs die wichtige Gegenöffentlichkeit alleine schaffen können, ist illusorisch. Insofern darf das Springer-Modell “1530Blog” keinen Erfolg haben. Für den kurzen, schnellen Peak der eigenen Reichweite darf das große Ganze nicht aus den Augen verloren werden: Blogger und Journalisten, so wenig sie sich vielleicht schätzen mögen, sollten sich nicht von Medienkonzernen gegeneinander ausspielen lassen. Eher sollte die Netz-Szene mal darüber nachdenken, wie man eine unabhängige Blog-Übersicht à la “1530Blog” schaffen kann. Die Kollegen von “Fokus-Fußball” gehen mit ihrem System schon in die richtige Richtung, ohne bei der Weiterleitung den Link zu verändern und fremde Designtools auf der angeklickten Seite zu hinterlassen. (cu)

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