Sportstudio: Bitte weniger preußisch!

IMG_1021Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen liefern sich bei tropischen Bedingungen ein großartiges Duell zum Saisonstart. Die Fans im Stadion halten den Atem an – und bekommen später im ZDF eine Spielbetrachtung der spießigen Art, die dem Spieniveau nicht gerecht wird.

Borussia Mönchengladbach hat den perfekten Saisonstart hingelegt. Die Start-Kombination Champions League Qualifikation, unterklassiger Gegner im DFB-Pokal dazwischen und zum August-Abschluss die extrem hoch angesehenen Leverkusener zum Bundesligastart – eine frühe Weichenstellung. Nach dem bravorösen Erreichen der Gruppenphase mit den ausgelosten und herausragenden Gegnern wurde nun der ehemalige Angstgegner Bayer 04 zum dritten Mal in Serie im Borussia-Park bezwungen. Ein richtungsweisender Sieg zum Ligabeginn, gegen eines der besten drei, vier Teams Deutschlands.

Vor allem die Art und Weise macht froh, gar stolz: Das Spiel war auf allerhöchstem Niveau unter extremsten Bedingungen – um den Borussia-Park ertönte mehrfach das Blaulicht, als Zuschauer Kreislaufkollapse erlitten. Zwei grandiose Teams lieferten sich Passstaffetten, Laufduelle und Pressingwellen der Extraklasse, während sich die Trainer per taktischer Einwürfe belauerten.

Beide Trainer stellen ihre Team richtig ein

Trainer André Schubert hat hier alles richtig gemacht: Die tief aufbauende Dreierkette wurde stoisch positioniert, um sich dem Leverkusener Pressing zu entziehen und Bayer bei der Hitze auch zu entkräften. Tobias Strobl anstelle des erwarteten Mo Dahoud brachte Physis und Ruhe ins von der Werkself gnadenlos gejagte Aufbauspiel der Gladbacher und der Wechsel von Thorgan Hazard zu André Hahn (robuster gegen Abwehr-Hüne Jonathan Tah) zahlte sich gleich doppelt aus: Hahn brillierte auf frischen Sohlen als sich auspowernder Kampf-Kombinations-Zielspieler, und Bern-Dreifachtorschütze Hazard legte 62 Sekunden nach seiner Einwechslung das Siegtor auf. Was zudem mehr wog als der Sieg und die abgestimmte Teamleistung: Gladbach 2016/2017 wirkt mehr als die Summe der (sehr starken) Einzelteile, gegen Bayer spürte man eine Grelligkeit, eine Cleverness und Bestimmtheit, die der seit Jahren spielerisch immer starken Borussia in der Vergangenheit zuweilen abging.

Konkret gab es auf dem Platz zwei bemerkenswerte Szenen: Strobl zieht kurz vor Schluss ein klares, zynisches taktisches Foul gegen Bellarabi, um einen Bayer-Angriff zu unterbinden. Zweitens: Im Spielverlauf hatte sich der giftige Charles Aránguiz schon mit Christoph Kramer angelegt und foulte nun Raffael, ohne bestraft zu werden. Fünf Sekunden später räumt Hahn mit eingesprungener, aber fairer Grätsche Aranguiz aus dem Weg – der Chilene scheint beeindruckt und taucht nun ab, Gladbach gewinnt marginal die Oberhand im Mittelfeld im weiteren Verlauf, trotz Ausgleichstreffers.

Die Chronistenpflicht zum Topspiel

Nun ist all dies Gesprächsstoff genug, als Sahnehäubchen auf ein ohnehin schon famoses Spiel für einen ersten Spieltag bei 35 Grad und zwei Trainern, die dies in ihrem Taktikplan berücksichtigen mussten. Zudem Bayer trotz weniger Ballbesitz die ersten 30 Minuten gefährlicher wirkte und sicherlich Punkte aus diesem Spiel verdient gehabt hätte. Eine Vorlage für einen Fernsehbericht, eine Spielbetrachtung im Sportfernsehen. Hier begeisterten zwei Champions-League Teilnehmer im Topspiel. Was passiert nun im ZDF, beim Aktuellen Sportstudio? In preußischer Chronistenpflicht werden die angeblichen Fehler oder diskussionswürdigen Pfiffe und Nicht-Pfiffe(!) des Felix Brych seziert. Der Handkontakt von Ball und Jannik Vestergaard (ein womögliches Halten am Ex-Bremer im Leverkusener Strafraum wurde derweil ignoriert). Ruhte der Ball 100 Prozent beim schnell ausgeführten Freistoß vor dem 1:0? Tatsächlich ein Hauptthema des ZDF-Berichtes, beim verdutzten Kramer wurde zur Not auch nochmal nachgefragt.

Kein Leverkusener hatte irgendein Interesse an diesem Moment. Als der im höchsten Tempo freigespielte Lars Stindl den 2:1-Siegtreffer erzielte, wird resümiert, dass “Leverkusen sich ärgern darf, ja muss”, “der Torschütze eine Fußlänge im Abseits”. Eine Fußlänge, bei Vollsprint, ohne Zeitlupe, bei klarer Regelanweisung “im Zweifel für den Angreifer”, wird dem Schiedsrichtergespann als Versagen vor die Füße geschmissen. Dies kulminiert in der nun abschließenden, das Spiel damit durchaus abwertenden Bemerkung: “Beiden Toren geht eine Fehleinschätzung des Schiedsrichtergespanns voran”. Die Begegnung wurde zwar als “hochklassig” eingestuft, der Zuschauer wird aber, auch durch erneutes Nachbohren in Interviews nach der Partie, mit dem Aufhänger der Irregularität, Glück implizierend, in den Abend entlassen.

Bayern feiern geht immer

Das haben weder Leverkusen, Gladbach noch Schiedsrichter Brych verdient. Es stellt sich die Frage, wieso die Berichterstattung darauf abzielt, Fehler zu finden und Zweifel an korrekten Entscheidungen zu streuen, in einem Spiel, welches ein Füllhorn voll von Taktik, Zweikämpfen und Torszenen auf die Besucher des Borussia-Parks ausschüttete. Warum wird nicht der herausragende Fußball analysiert und stattdessen pedantisches Beamtentum im Gewand der Unparteiischenschelte als “take home message” dieses Fußballnachmittags serviert?

Nun ist niemand gezwungen, beim ZDF oder sonstwo einzuschalten, noch benötigen die Fans der Borussia einen Fernsehredakteur, um ihnen das Spiel zu erklären. Es ist jedoch nun einmal Teil des bürgerlichen Wochenendes, mit ein bisschen Bundesliga den Samstagabend ausklingen zu lassen, und da verärgert das verwässernde, von biederer Spießigkeit geprägte “Verpreußeln” dieses Topspiels ungemein. Das Ganze einen Tag nachdem die Bayern unisono dafür abgefeiert worden waren, gegen einen hilflosen Gegner aus Bremen, der vor Wochenfrist von einem Drittligisten auseindergenommen worden war, hoch gewonnen zu haben. Einem Spiel, wie es diese zwei Mannschaften in Mönchengladbach am Samstag lieferten, tut dieser mediale Rahmen Unrecht.

8 Kommentare

  1. Super Kommentar, den ich genauso unterschreiben kann. habe den Bericht auch gesehen und war komplett enttäuscht, denn eigentlich war das ZDF bisher eher Borussia-freundlich eingestellt.
    Scheint wohl wichtiger zu sein über die angeblichen Schirifehler zu diskutieren als über das tolle Fußballspiel.

  2. Klasse Kommentar, der das schale Gefühl nach dem ZDF Bericht mit viel Spielverständnis und Sachverstand auf den Punkt bringt.

  3. War wirklich ein tolles Spiel…Aber hier wird allen Ernstes gefordert, nicht auf die erneuten Fehlentscheidungen zugunsten der Borussia einzugehen? Echt jetzt? Das Abseits zum Siegtreffer habe ich via livestream,der weit von HD entfernt war auf Anhieb gesehen. Der Linienrichter stand optimal und es war deutlich mehr als nur die Fußspitze. Gewichtig wird dieser Punkt dann,wenn auf der anderen Seite Bellarabi noch nicht ein mal auf gleicher Höhe ist und fälschlicherweise aus guter Position zurückgepfiffen wird. Das angebliche Halten gegen Westergaard war defacto ein Stürmerfoul von ihm…Er hat Aranguiz klar umgerissen. Und es gab eine Menge weiterer Szenen,meist wirklich kleine Fouls, die den Fohlen durchgewunken wurden,aber gegen Leverkusen konsequent gepfiffen wurden. Insgesamt haben die 1-2 Fehler, die Leverkusen mehr machte das Spiel gekostet,weil Gladbach sie gut ausgenutzt hat…aber trotz dieser Fehler, wäre bei korrekter Schiedsrichterleistung nicht mehr als ein remis für die Fohlen herausgekommen. Und ein Remis wäre absolut gerecht gewersen.

    • Welches Spiel hast du gesehen! Wenn Bayer gegen Bayern gespielt hätte, wäre Leverkusen mit 1- 2 roten Karten und 1- 2 Elfmetern belegt worden. Sie wären anschließend mit einem Bremen ähnlichen Ergebnis nach Hause gefahren!

  4. Ist es nicht schon das zweite Mal, dass Bayer durch einen schnell ausgeführten Freistoß ein Tor im Borussia-Park hinnehmen musste?
    Aus Fehlern sollte man lernen: fehlendes Blockieren der Schusslinie.

  5. Kampl zog es eben vor zu reklamieren, dabei musste er sich sogar vom Schauplatz des nun folgenden Freistosses durch Kramer wegdrehen, um den Schiedsrichter zu kontaktieren. Ich feier so was ehrlich gesagt 🙂
    Dem Beitrag hier gibts nichts mehr hinzuzufügen. Wahrscheinlich ergab eine Studie , dass 80 % der ZDF Zuschauer auch RTL, SAT1 und RTL II regelmäßig konsumieren und damit macht es ja Sinn wenn man das positive vernachlässigt und ein bisschen auf harten Journalismus macht. Frei nach dem Motto: Nur negative Nachrichten sind gute Nachrichten (also für die Medien)

  6. Bin kein Borusse, sondern Fortune. Aber als der ZDF-Depp Kramer „interviewte“, habe ich wirklich bedauert, das öffentliche Züchtigungen mittlerweile abgeschafft sind.

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