Schöner Recherchieren mit der Rheinischen Post

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Recherche-Behälter

Kurz vor Weihnachten haben die Kurven des Landes manch einem Zeitungskollegen noch ein freudiges Paket mit auf dem Weg gegeben: Eine Massenschlägerei unter Duisburger Fans nach der Partie gegen Bochum sowie ein lebensgefährlich verletzter Gladbach-Fan, vor dem Spiel gegen Darmstadt angeblich von einem Ultra durch Tritte gegen den Kopf in diesen bedrohlichen Zustand versetzt worden. Zwei Vorfälle, die bei dem ein oder anderen Medium wieder die Blutdurst-Redaktionen in Gang setzen. Besonders das Ereignis in Mönchengladbach wird schnell zur großen Geschichte, handelt es sich bei dem Beschuldigten wohl um einen prominenteren Ultra. Es werden Überschriften produziert, die das Unfassbare und Bedeutsame hervor heben sollen. Hier ein paar Beipiele aus der Rheinischen Post:

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Natürlich ist der Vorfall eine Geschichte, die journalistisch aufgearbeitet werden soll. Warum sich eigene Fans gegenseitig fast umbringen, das wirft Fragen auf und ist grundsätzlich einfach nur schlimm. Da die Lage aber verworren ist, was demnach keine rasche Antworten zur Folge haben kann, man mit ruhigem Abwarten jedoch keine Schlagzeilen produziert, muss die Taktung mit Nebensächlichkeiten hoch gehalten werden. Will ich detailliert wissen, wie schwer verletzt ein gegen den Kopf getroffener und in Lebensgefahr schwebender Mann wirklich ist? Zumindest als Leser eines Mediums, dass nicht zwingend zum Boulevard gehört, bin ich nicht unbedingt scharf drauf. Aber gut, wir sind hier bei weichen, journalistischen Geschmacksfragen – darüber kann man streiten. Kommen wir aber mal zu nicht ganz so weichen Kriterien, wie krassen handwerklichen Fehlern, die unbewusst oder bewusst gemacht werden. Der folgende Beitrag ist ein schönes Beispiel:

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In dem Artikel wird auf die beiden Fälle in Duisburg und Mönchengladbach eingegangen. Es wird am Beispiel der Geschehnisse in Duisburg und Mönchengladbach ein schlimmes Bild von Zuständen in den Stadien gezeichnet, so dass der unkundige Leser den Eindruck bekommen könnte, es herrsche in den Arenen ein rechtloser Zustand von Gewalt und Hass vor. Auf dem Höhepunkt der Beweisführung schreiben die Autoren von der „seit Jahren immer dicker werdenden Gewaltakte des NRW-Fußballs“. Angeführt werden dazu Daten des NRW-Innenministeriums. Demnach seien zwischen 2014 bis Mitte November 4720 gewalttätige Fußball-Anhänger in die Polizeiakte „Gewalttäter Sport“ aufgenommen worden. Bei insgesamt etwas über 8.300 Strafverfahren in den ersten Drei Ligen, die es in der Saison 2014/2015 gab, würde somit ein Großteil gewaltbereiter Stadiongänger in Deutschland aus NRW kommen.

Doch leider taugen diese Zahlen nicht, die Mär von der Gewaltspirale zu belegen. Im Gegenteil – sie dafür zu benutzen ist entweder ziemlich dumm, recherchefaul oder der boshafte Versuch, für eine gute Schlagzeile Fakten bewusst zu verdrehen. Schauen wir uns dazu mal die genannte Datenbasis an. Sie entstammt einer Antwort des NRW-Innenministeriums auf Fragen der Piraten-Fraktion, die eben die Daten für den von Anfang 2014 bis Mitte November haben will. Das Innenministerium nennt dann zwar Daten, sagt aber deutlich:

„Eine retrograde Auswertung der so genannten Datei „Gewalttäter Sport“ hinsichtlich der Anzahl der Neuspeicherungen ist nicht möglich. Eine regelmäßige statistische Erfassung der Neuspeicherungen in der sogenannten Datei „Gewalttäter Sport“ auf Landesebene erfolgt nicht. Vor dem Hintergrund zwischenzeitlich möglicher Löschungen ist aus den vorgenannten Gründen daher keine valide Aussage zu den seit 2014 erfolgten Neuspeicherungen im Sinne der Fragestellung möglich.“

Es handelt sich bei den genannten Zahlen also nicht um Neuaufnahmen seit 2014. Es ist die Gesamtzahl der aktuell gespeicherten Personen. Wir reden hier also auch über Aufnahmen, die weit vor 2014 geschehen sein können. Und man darf nicht vergessen: Die Datei „Gewalttäter Sport“ gibt es seit 1994. Die Zahlen taugen daher nicht für die These des Artikels. Vielleicht aber gibt es eine andere Datenbasis, sozusagen als Ehrenrettung. Doch – wen überrascht es – es gibt sie nicht. Die aktuellste Erhebung stammt von der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze, es ist der Jahresbericht der Behörde. Und der besagt genau das Gegenteil. Demnach ist die Gewalt im Stadion deutlich zurück gegangen. So ging bei 21 Millionen Besuchern (6,4 Millionen davon in NRW) in den ersten Drei Ligen in 2014/15 die Zahl der Strafverfahren um 1.300 auf jetzt etwas über 8.300 zurück, die Zahl der Verletzten sank um ein Viertel auf jetzt 1.200.

Faktisch gibt es also keine Daten, die dicker werdende Akten der Fußaballgewalt belegen. Maximal gibt es ein Gefühl von zunehmender Gefahr, das durch Schlägereien wie in Mönchengladbach, Duisburg aber auch vor dem Spiel Schalke gegen Bayern entstanden ist. Dieses zu beschreiben ist journalistisch in Ordnung, Daten falsch zu benutzen, um damit eigene Fakten zu schaffen, ist Angstmacherei, fern der Realität und eine Sauerei. Da fällt es fasst kaum noch ins Gewicht, dass nahezu jede Zeitung – darunter auch die RP – den Beschuldigten des Galdbacher Vorfalls eindeutig identifizierbar macht. Aber da verhält es sich mit Unschuldsvermutungen wie mit Fakten: Für ’ne geile Schlagzeile – Augen zu und einfach drauf lostippen!

P.S.: Der Vollständigkeit halber: Ebenso falsch wurden die Zahlen von der Bild-Zeitung benutzt, die seltsamerweise auch von einer „Gewalt-Akte“ spricht. Vielleicht kommt ja daher die falsche Interpretation der Rheinischen Post. Vom Kollegen abschreiben ist ja in der Regel einfacher als sich sechs Seiten Akten mal genauer anzuschauen.

Update (31.03.2016): Die Rheinische Post hat die von uns beanstandeten Zahlen transparent und nachvollziehbar korrigiert. Danke dafür.

2 Kommentare

  1. Es gibt keine Fakten, die eine Zunahme von Gewalt im Fußballumfeld belegen würden, da sie in den letzten Jahren faktisch sinkt.

    Wie im Artikel aufgeführt ist die Gewalt im Fußball sowohl bundesweit als auch in NRW in der vergangenen Saison zurückgegangen. So ist die Zahl der verletzten Menschen in der vergangenen Fußballsaison in NRW um 21 Prozent auf 305 Personen zurückgegangen.

    Aber seit wann sind Fakten eine Voraussetzung für die Produktion von Akten?

    Behörden lieben Akten von Natur aus mehr als Fakten, da sie sich auch viel besser dazu eignen, Ereignisse zu instrumentalisieren und eigene Wirklichkeiten zu erschaffen.

    Und da Fußballfans in der Regel weniger Recht auf informelle Selbstbestimmung haben als andere Terroristen, sind ihre Daten beliebte Sammelobjekte und der Schutz selbiger ein belächeltes Fremdwort.

    So könnten sich dicker werdende „Gewalt-Aktien“ für z.B. auf die „geheimen“ SKB-Dateien diverser Kreispolizeibehörden beziehen, in denen allein in NRW mit Stand von Mai 2015 „Erkenntnisse“ zu insgesamt etwa 6.500 Personen geführt werden.

    Gegenüber den 4.720 Personen, die durch die nordrhein-westfälischen Polizeibehörden bereits in der sogenannten Datei „Gewalttäter Sport“ geführt werden, ist dies also ein Zuwachs von 1.780 Datensätzen zu angeblich (gemein-) gefährlichen Fußballfans.

    Gefährder wie Du und ich…

    Dazu passt übrigens hervorragend die Verkündung vom allseits beliebten Fürsprecher der Freunde des runden Leders, NRWs Innenminister Ralf Jäger (SPD) am 01.10.2015, dass die Reduzierung der beim Fußball eingesetzten Polizisten in NRW ein Erfolg auf ganzer Linie gewesen sei.

    „Die positive Entwicklung zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

    Der Verzicht auf eine enge Begleitung der Fans zum Stadion durch Bereitschaftspolizei bei Nicht-Risiko-Spielen in NRW habe sich während der gesamten vergangenen Saison bewährt, Fußballfans hätten ihre Verantwortung angenommen.

    „Weniger Gewalt im Fußball ist ein gutes Signal und ein Zeichen dafür, dass die Fans ihre neuen Freiräume verantwortungsvoll genutzt haben.“ (IM Ralf Jäger, 01.10.2015)

    Die Arbeitsbelastung der NRW-Polizei verringerte sich so in der vergangenen Saison trotz zehn Prozent mehr Ligaspielen von 568.000 auf 555.000 Stunden. Bei den sieben sogenannten Hochrisikospielen setzten die Einsatzleiter dabei mehr als 15 Prozent der Polizisten der Gesamtsaison ein.

    Mit 2721 wurden etwa gleich viele Strafverfahren wie in der Saison 2012/13 eingeleitet, rund ein Drittel wegen Körperverletzung.

    Eben jener Ralf Jäger schlug übrigens bei der Innenministerkonferenz Anfang Dezember in Koblenz eine weitere Reduzierung von Gästekarten-Kontingenten auch bei Nicht-Risikospielen vor, um die Polizei von unzumutbarer Belastung durch Einsätze im Fußballumfeld zu entlasten.

    Dazu der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Arnold Plickert: „Es kann nicht sein, dass Fußballanhänger pauschal für die Personaleinsparungen bei der Polizei bestraft werden. So kann man der wenigen Gewalttäter nicht Herr werden.“

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