Schluss mit dem Fan-Journalismus

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Einsicht durch WM-Affäre?

Es ist es ein Treppenwitz: Ein Journalist an der Spitze eines Sportverbandes wird gestürzt von etwas, von dem es in der Sportart “Fußball” immer weniger gibt – investigativem Journalismus. Die Amtszeit von Wolfgang Niersbach beim DFB ist also vorbei. Zu groß waren die Widersprüche über das vermeintliche Schmiergeld, dessen Existenz er nicht zu erklären vermochte. Zu traurig wirkte das Krisenmanagement, das vielleicht in den Analogzeiten eines Helmut Kohls noch funktioniert hätte, in denen Typen wie Niersbach noch als jung und dynamisch galten.

Jetzt jedoch ist Niersbach abgetreten als einer der letzten Vertreter einer Zunft, die gerne über die eigene, steigende Bedeutungslosigkeit jammern. Dabei hat er es bis zuletzt nicht verstanden, dass er selber Teil des Problem zu sein scheint. Wenn man sich eine Lehre aus dem “Fall Niersbach” wünscht, dann ist es die Geburt eines neuen Sport-Journalismus. Was sich nämlich in Deutschland als solchen bezeichnet, ist zumindest im Fußball seinen Namen selten wert. Das haben die Spiegel-Enthüllungen um die Weltmeisterschaft 2006 und die Reaktionen darauf gezeigt.

Statt professionell mit dem Thema umzugehen, findet man in den Massenmedien des Fußballs fast ausschließlich Beißreflexe. Sei es ein blasiert, dämlicher Auftritt von Patrick Wasserziehr, der den an der Aufdeckung beteiligten (und zugegeben als Typ schwierigen) freien Journalisten Jens Weinreich bei Sky zur Rede stellen will, um dessen Recherchen in Frage zu stellen. Nach dem Auftritt hat man arge Zweifel dran, dass Wasserziehr jemals überhaupt recherchiert hat. Es geht bei dem Interview nicht um Klarheit, um die Tatsache, dass Korruption auch im Fußball kein Kavaliersdelikt ist. Nur weil “Erklärungen” dazu aus dem Munde des jovialen Franz Beckenbauers putzig klingen mögen: Korruption bleibt ein Verbrechen.

Vielleicht hätten sich das einige “Kollegen” mal durch den Kopf gehen lassen sollen. Denn wer einen anderen der Korruption bezichtigt sollte im deutschen Rechtssystem gute Beweise haben. Wenn in solchen Zusammenhängen ein erfahrener Player wie der Spiegel einen solchen Vorwurf erhebt, ist das selten eine Erfindung. Wer das anders sieht, hat mit Historie wenig am Hut oder findet Gleichgesinnte montags in Dresden. Statt also den Reflex zu haben, den Nestbeschmutzer, der blöderweise nie im Nest saß, zu grillen, wäre Sachlichkeit angebracht gewesen. Das hätte zum Beispiel Alfred Draxler von der Sport-Bild vor einer großen Peinlichkeit bewahrt. Er wollte das “Sommermärchen” reinwaschen, setzte mit einem an Quellentiefe unfassbar unprofessionellen Text laut eigenen Worten seine “Reputation auf Spiel” (falls er je eine journalistische hatte) und hat sie dann jetzt wohl verloren.

Aber das werden die Betroffenen wohl erst merken, wenn ihnen künftig nur noch von Rudi Völler eine geistige journalistische Reife zugesprochen wird. Es ist auch egal, einige der Herren werden es eh nicht lernen. Und es wird auch ohne sie gehen müssen. Die Zukunft des Sportjournalismus sollte nach Niersbach, einer der als “Kollege” nebenher als Journalist noch Pressearbeit für seine Berichtsgegenstände Fortuna Düsseldorf und Düsseldorfer EG machte, anders aussehen.

Analysen sollten langweilige Spielberichte 48 Stunden nach Abpfiff ablösen. Auch will wohl kaum ein Nutzer Bundesliga-Reporter sehen, die in Video-Analysen nach Niederlagen angeschossener aussehen, als der Trainer des Vereins, über den man gerade berichtet. Man ist nicht mehr Wachstumsorganisator des Geschäfts und Transporteur des Geschehens, sondern sollte kritischer Begleiter der Umstände sein. Und – alleine damit wäre schon eine Menge gewonnen – es stimmt nicht alles, was einem die Akteure so sagen. Alles unhinterfragt wiederzukäuen ist nur noch Vereins-PR. Und das machen die Vereine inzwischen selber. Im Grunde ist es einfach: Alles besser machen, als die Journalisten-Darsteller, die jetzt versucht haben, den DFB zu retten. Wenn sich das ein wenig ändert, dann hat der Journalist  Niersbach mit seinem Analog-Krisenmanagment samt Rücktritt dem ureigensten Berufsstand einen Gefallen getan.

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