Nur EIN(!) Spiel

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Ok, ich versuche es jetzt mal, möglichst sachlich das erste Spiel der Nationalmannschaft zu analysieren. Ein schwerer Ritt für einen, der die Truppe nicht mag. Sicher, der Auftaktsieg gegen Portugal war ein groß heraus gespielter Erfolg. Aber zum einen gibt es sportlich noch jede Menge Baustellen, klimatisch sowieso und zum anderen macht das ganze Drumherum eine neutrale Bewertung schwierig. Auch, weil ich dann schon immens überrascht war, wie sehr die allgemeine Stimmung in Deutschland noch eventisierter ausgefallen ist als während der letzten Turniere.

Aber fangen wir sportlich an. Es war erfrischend zu sehen, dass Portugal wie Deutschland in den Anfangsminuten ihr Heil in der Offensive gesucht haben. Nicht nur, weil es dadurch schnell zu einem guten Spiel ohne langes Abtasten wurde. Nein, auch weil hier schnell Stärken und Schwächen aufgedeckt wurden. Die DFB-Elf hatte dabei in der ersten Halbzeit eindeutig das Momentum auf ihrer Seite. Elfmetertor, Rote Karte, schöne weitere Treffer. Auch ohne einen echten Stürmer, ohne Marco Reus und ohne einen Mesut Özil in Topform verfügt die deutsche Mannschaft wahrscheinlich über die in der Breite beste Offensive dieses noch jungen Turniers. Aber – und damit wären wir bei den Problemen – die Abwehr kann der Abteilung Sturm nicht Schritt halten. Eine gewisse Unsicherheit war dem Defensiv-Verbund zum Start anzumerken. Das lässt sich aber nicht so einfach damit erklären, dass es sich um das erste Spiel handelte. Nein, diese Beobachtung hatte ich zuletzt häufiger: Gegen nominell starke Teams ist die Abwehr nicht unbedingt sattelfest. Und das ist bei einer Weltmeisterschaft ein echtes Problem. Ein Blick auf die niederländische Turnier-Historie zeigt, dass man nur mit Hurra-Fußball keine Titel holt. Und insofern ist trotz des Ergebnisses eigentlich die Zeit noch längst nicht gekommen, von einem Finale nur im Ansatz zu träumen.

Und damit sind wir bei den Begleitumständen. Geht doch diese sportliche Art der Kritik völlig unter. Zumindest bei den Leinwandguckern, zu denen ich mich dann doch einmal gesellt hatte. Die angesprochenen Verweise auf Unsicherheiten wurden dort mit bösen Blicken bedacht. Man fühlte sich wieder als Partycrasher. Wobei ich inzwischen auf diesen Zustand vorbereitet bin. Der inneren Hygiene wegen trug ich zur Sicherheit ein England-Trikot unter dem Pullover. Das Teil erdet gewaltig und gab mir somit die notwendige Distanz zum sonstigen Publikum. So jubelte ich bei den Toren nicht wie ein VW-Polo mit Ferrarimotor auf Kerosin, sondern tat das, was eigentlich angebracht ist, wenn das Auftaktmatch nun einmal so läuft: Ich nickte kurz zufrieden und nahm das Positive zur Kenntnis. Natürlich in dem Wissen, dass es noch ein langes Turnier sein wird, wenn es wirklich was geben sollte mit dem Titel. Erst Recht unter den klimatischen Bedingungen in Brasilien. Und ich verstand Englands Fußballikone Gary Lineker, der in Kenntnis der Bedingungen auf Twitter warnende und auch richtige Worte zum Spiel fand:

Soweit meine Stimmungslage. Erchrocken war ich dann jedoch vom siegestrunkenen Vollrausch mit Party zum Anfassen um mich herum. Es war zum Heulen. Nein, nach dem ersten Spiel ist eben noch nicht “Damenwahl” nach der das Altbierlied ertönt. War den meisten aber egal. Dabei ist nach dem ersten Spiel Erleichterung angesagt, dass man nicht über eine Scheiß-Mannschaft verfügt. Das erste Spiel ist ein Trend – nicht mehr, und auch nicht weniger! Man muss doch nicht völlig zur Niederlande mutieren?! Dass dort ein 5:1 gegen Spanien gefeiert wird wie ein Titelgewinn, ist doch völlig logisch. Weil dort weiß man: in 9.999.999 Fällen von zehn Millionen scheidet man später wie immer dreckig gegen irgendeine Schrottruppe aus (Italien, England und, auch in den Jahren vor 2006, Deutschland bieten sich da regelmäßig als Totengräber an!). Beim DFB hatte man dagegen stets das Selbstverständnis, dass bis zum Halbfinale alles nach Plan läuft. So holte man Titel. Schwappt aber vorher schon eine Welle der Schlandphorie über die Truppe, gefährdet man den Erfolg. Außerdem das ganze so unfassbar hässlich Deutsch. Zwischen Schwarz-Rot-Goldenen-Stolas und Adiletten mit Tennissocken bestehen nämlich in der Wirkung und Haltung nicht wirklich große Unterschiede. Das eine sieht halt besser aus, ist aber genauso blöd.

Aber halt, bevor es jetzt wieder heißt, dass hier zwischen besserem und schlechterem Fan unterschieden wird – eins zu Klarstellung: Darum geht es nicht. Ab dem Halbfinale ist eine massenhafte Panikeuphorie gar nicht schlecht, gar der sportlichen Situation angemessen. Aber nun einmal nicht nach dem ersten Spiel. Dazu gehört aber auch, dass es vorgelebt wird. Zum einem von Team, dass eben der Kanzlerin keinen Zutritt in die Kabine gewährt. Angemessen ist das erst nach dem Finale. Wenn überhaupt. Hier hat Politik nämlich wirklich nichts verloren, will man nicht die Vorwürfe linker Medien bestätigen, dass es sich bei der Schland-Euphorie um eine Form des Nationalismus handele. Denn machen wir uns nichts vor: Mit ihrem Auftritt in der Kabine hat Merkel das Sportliche auf die politische Ebene transferiert. Nach dem Motto: “Seht her, wie geil Deutschland ist!” Das ist aber falsch! Denn nicht Deutschland ist geil, sondern die Mannschaft. Das ist ein ziemlicher und gar nicht so kleiner, feiner Unterschied. Und auch große Medien sollten sich bis zum Halbfinale oder einem vorzeitigen Ausscheiden endlich mal zurücknehmen. Wenn bei Spiegel Online nach dem Spiel die ersten sieben Artikel über die Partie sind, dann stimmt einfach etwas nicht. Da war selbst der Kicker gedämpfter.

Also – einfach mal lässiger die Spiele schauen, keine Politiker mehr in die Kabine lassen (was kommt als nächstes? Sigmar Gabriel mit nacktem Oberkörper bei der Kabinen-Humba? Wer will das sehen?) und eine angemessene Berichterstattung. Dann klappt’s auch mit dem Titel und dem Ansehen in der Welt. So aber werden wir immer das bleiben, was wir für weite Teile des Auslandes sind: leicht zu beeinflussende, steife Pseudo-Lässige, die wegen jedes Fliegenschisses hyperventilieren. Im Negativen nennt man es “German Angst”. Wenn wir so weiter machen, werden die Briten bald dann wohl auch für die positive Form dieses Verhaltens eine passende Redewendung finden. (cu)

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