Scheuklappenprotest gegen RB Leipzig

Eine RedBull-Dose wird von einer Faust zerdrückt (Zeichnung)
Eines von vielen Bannern gegen Red Bull

Alle zwei Wochen gastiert derzeit der „Untergang des Fußballs“ in einem anderen Zweitligastadion. Am Sonntag wird er die Düsseldorfer Mehrzweckhalle heimsuchen. Wie heißt die nochmal richtig? „Rheinstadion“ ist es nicht, oder? Wohl eher irgendwas mit Mode und Produktionsstätten im Fernen Osten. Komisch, dass gegen diese Namensgebung nie sonderlich groß protestiert wurde. Erhält die Modemarke von der österreichischen „Clean Clothes Kampagne“ doch noch immer die Note ungenügend für die Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern der Klamotten des Labels. Dabei hatte man doch in der Vergangenheit in Düsseldorf auch schon gegen die „KiK-Männchen“ Transparente hochgehalten. Das Ausbleiben des einen Protests und die Vehemenz des anderen lässt dabei schnell eine Vermutung aufkommen: Vielleicht liegt der Ursprung des Protest gegen den Billigmodenherstellen KiK und der gegen den Brausehersteller aus dem Salzkammergut darin begründet, dass beide so richtig schön polarisieren und dabei gleichzeitig von den eigentlichen Problem ablenken.

Nein, dieser Kommentar will nicht die Gängelungen, denen Gästefans beim Besuch von Auswärtsspielen in Leipzig in der Vergangenheit ausgesetzt waren, verharmlosen. Er will auch nicht gutheißen, wie die Firma mit den zwei roten Bullen im Logo mit Sportlern umgeht, die für ihre Marketingaktionen mitunter ihr Leben riskieren oder sogar lassen mussten. Er will vielmehr die Fragen stellen, ob die Proklamation, die Existenz und der sportliche Erfolg von RB Leipzig tatsächlich den Untergang des Fußballs darstellten, nicht ein Verkennen der Entwicklungen der letzten zwei Fußballjahrzehnte ist. Ist RB Leipzig nicht vielmehr die Kulmination all dessen, was sich mit dem Börsengang Borussia Dortmunds und der Vollvermarktung des Produkts Fußball seit der WM 2006 abzeichnete? Fällt der Protest gegen RB vielleicht auch deswegen so vehement aus, weil von Seiten der Fans auf die vielen Verirrungen bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land zwar schon, auf manch andere Entwicklung im Fußball aber nur schwach oder auch gar nicht reagiert wurde?

Versteht mich nicht falsch. Aktionen gegen RB Leipzig müssen sein. Aber kommen diese nicht in Wirklichkeit einem Aufbäumen gegen eine Entwicklung gleich, die schon längst abgeschlossen ist? Die Präsenz von RB in Liga Zwei lässt doch vielmehr auch den letzten Fußballromantiker nicht mehr länger die Augen davor verschließen, dass der Profifußballbetrieb zu einem Profitgeschäft verkommen ist. Scheinheilig feiert man sich in Deutschland, dass hierzulande das Transfervolumen im mittleren dreistelligen Millionenbereich geblieben sei, während in England die Milliardenmarke durchbrochen wurde. Wer dabei wirklich glaubt, dass auch kleine Millionensummen ausschließlich zum Wohle des Vereins und nicht auch mit dem Ziel der Profitsteigerung den Besitzer wechseln, hat wohl auch Christoph Daum sein „absolut reines Gewissen“ abgenommen. (NB: Ich erkenne vollends den Nutzen von erfolgreich getätigten Transfers und den daraus erzielten Gewinnen für den Breitensport an. Allerdings hat dieses Weiterreichen von Erlösen in der Profiabteilung hinein in die niedrigste Liga des DFB hat auch mit viel geringeren Beträgen erfolgreich funktioniert.)

In einer Zeit, in der Fußball primär Markt und sekundär Spiel ist, sind RB Leipzig und RB Salzburg doch nur die logische Konsequenz einer solchen Entwicklung. Den Machern von RB Leipzig kann man vorwerfen, wie sie mit Gästefans umgehen, die Kritik an ihrem „Verein“ üben. Ja, das auf jeden Fall. Was man ihnen aber nicht vorwerfen kann, ist, dass sie es mit ihrem offen Profit- und erfolgsorientierten Unternehmen bis in die zweite Bundesliga geschafft haben. Dietrich Matschitz, der Besitzer des österreichischen Gemischtwarenkonzerns, zu dem auch der Leipziger Fußballclub gehört, hat schlichtweg ein Teil des Kuchens „Bundesliga“ abhaben wollen – primär wohl auch zu Vermarktungszwecken (auch, dass wir hier regelmäßig über ihn schreiben, und auch, dass die Protestplakate gegen den sächsischen Retortenclub in den Farben von Matschitzs Brausemarke gehalten sind, dürfte kalkuliert sein und seiner Sachen letzten Endes mehr dienen, denn schaden). Den Weg zu dieser Kuchentafel wurde ihm allerdings von DFB und DFL geebnet. Wenn man Leipzig wirklich nicht in der Bundesliga hätte haben wollen, hätte man bei den Verbänden in Frankfurt schon vor Jahren die Reißleine ziehen müssen. Jetzt ist RB, wo es immer gesagt hat, dass es hinwollte. Wessen Schuld ist das wirklich? Gegen wen müssten sich die Proteste wirklich richten?

Am Ende verhält es sich mit RB Leipzig genauso wie mit KiK. Wer am Sonntag gegen Red Bull protestiert, muss an allen anderen Spieltagen auch gegen DFB/DFL bzw. gegen Esprit protestieren. Ansonsten muss die Frage gestattet sein, ob der Protest gegen den Gegner aus Sachsen nur so lautstark ausfällt, weil damit davon abgelenkt werden soll, dass man ja eigentlich noch viel stärker gegen die Wirte des vermeintlichen Krankheitssymptoms „RB Leipzig“ ankämpfen müsste. Letzteres würde wohl aber jeden weiteren Besuch – zumindest der ersten Mannschaft – seines Lieblingsvereins in dieser Spielklasse in Frage stellen. Zumal wenn dieser dann auch ein Stadion sein Zuhause nennt, dessen Namenssponsor sich nicht wirklich für faire Arbeitsbedingungen bei der Herstellung seiner Produkte rühmen lassen kann.

(bw)

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