Rot-Weißer Werteverfall

Wie viele Legenden müssen bei Fortuna noch gehen?
"Fortuna streicht die Legenden" (Foto/ Grafik: Benedikt Walter)
Wie viele Legenden müssen bei Fortuna noch gehen?
„Fortuna streicht die Legenden“

Von der Qualität des im letzten Jahr erschienen Dokumentarfilm „Fortunas Legenden“ kann man halten was man will. Eines aber haben die Macher des Streifens auf jeden Fall erfolgreich auf Zelluloid gebannt: Nach 138 Minuten weiß jeder Zuschauer, welche Dinge, welche Werte und vor allem welche Personen den Anhängern des Vereins Fortuna Düsseldorf besonders wichtig sind. Ob Fortunas Sportvorstand Helmut Schulte diesen Film allerdings gesehen und wenn ja, dann auch verstanden hat, ist angesichts der Personalpolitik der letzten Monate mehr als fraglich …

Es gibt zum Beispiel eine Szene in diesem Film, die jeden und jeden, der Fortuna auch durch Liga Drei und Vier hindurch begleitet hatte, im Kino oder vorm Fernseher hat emotional werden lassen: Fortuna-Fan „Hain“ erzählt – Jahre später noch immer sichtlich aufgebracht – wie er den tieftraurigen Moment des Abstiegs in die Oberliga erlebte. Neben ihm steht der damals noch als Fortuna-Scout arbeitende Goran Vucic. Dieser stand 2002 erst am Ende seiner zweiten Saison als Spieler bei Fortuna Düsseldorf. Trotzdem liefen Vucic nach der 0:3-Heimspielpleite gegen den VfB Lübeck die Tränen durchs Gesicht. Für Fan “Hain” machte dieser Moment Vucic zu einer “Legende” – eine Legende, die 13 Jahre später, nach einer Vereinslaufbahn als Spieler, Trainer und Scout, nicht mehr ins Konzept des neuen sportlichen Leiters Helmut Schulte passte. Heimlich still und leise wurde Vucic während der vergangenen Winterpause abserviert. Auf seiner Homepage spricht der Verein dem Geschassten noch einmal Lob und Dank für die gemeinsamen Erfolge aus. Doch das war es dann auch: 15,5 Jahre Fortuna sitzen auf der Straße. Vorbei mit der rot-weißen Herzlichkeit.

Auf Vucic folgt Ludenberg

Vier Monate später wiederholt sich in der letzten Woche dieser Vorgang nahezu Eins zu Eins. Stadionsprecher Ilja Ludenberg, der ebenfalls als Fortuna-Scout angestellt war, wird von ebendieser Position mit „sofortiger Wirkung entbunden“. Damit wird ein weiterer altgedienter Mitarbeiter, der in einer seiner zwei Funktionen im Verein im direkten Umfeld Helmut Schultes tätig war, auf unschöne Art und Weise vor die Tür gesetzt. Besonders pikant: Der Rausschmiss ist noch durch keine Pressemeldung kommentiert worden; alleine die RP hatte den Vorgang aufgedeckt und sich von Ludenberg bestätigen lassen.

Drei Tage später bezeichnet Fortunas Vorstandschef Kall in einem Interview mit NRZ und RP die Entlassungen Ludenbergs und Vucics als “Einzelfälle”, die der “Notwendigkeit, den Verein weiterzuentwickeln”, geschuldet seien.“ Was für eine Wortwahl! Anders würden Entlassungen in Leipzig sicher auch nicht schön geredet …

Als Anhänger von Fortuna Düsseldorf, der immer noch glaubt, dieser Verein stünde für andere Werte, als so manche Fußballbetriebsgesellschaft in Deutschland, läuft es einem eiskalt den Rücken herunter, wenn Herr Kall anschließend ausführt, die Beendigung der Zusammenarbeit mit Vucic und Ludenberg seien “sozial verträglich” abgelaufen. Wie viel Wahres mag überhaupt an diesem Zusatz dran sein, sollte Kall tatsächlich glauben, dass es sich hier um “Einzelfälle” handelt? Sind doch noch keine zwölf Monate verstrichen, dass man Aufstiegsheld Tobi Levels ebenfalls in die Vereinslosigkeit entließ. Vom Umgang mit Lorenz-Günther Köstner mal ganz abgesehen…

Schon damals fragten auch wir uns, ob die neue Vereinsführung in personae Schulte und Kall wüssten, was den Anhängern von Fortuna Düsseldorf wirklich wichtig sei.

Vereinswerte aus der Marktforschung

Wie hilflos Kall der Frage gegenüber steht, welches Image der Verein, den er derzeit leitet, nach Außen vertrete, zeigt die Antwort auf genau diese Frage am Ende des oben bereits zitierten Interviews vom Samstag: “Gerade jetzt fragen wir ganz bewusst unsere Fans, Partner, Sponsoren, Journalisten in einer großen Umfrage, was für sie Fortuna ausmacht.”

So etwas nennt man wohl einen intellektuellen Offenbarungseid – frei nach dem Motto “meine Werte hab ich aus der Marktforschung”! Ob Kall dieses Konzept noch in seinem letzten Job bei der Telekom aufgeschnappt hat? Oder gibt Dietrich Mateschitz einen geheimen Newsletter für andere Vereinsbosse heraus – Titel: “Werterfrei ins Oberhaus”?

“Daraus erwächst ein Bild, das wir nur gemeinsam mit allen Fortunen erschaffen können”, fügt Kall im weiteren Verlauf der Antwort noch an. Und wir fragen uns: Wenn das Bild von Fortuna Düsseldorf in der bundesweiten Fußballöffentlichkeit erst noch qua Marktforschung erschaffen werden muss, waren all die Geschichten in “Fortunas Legenden” dann frei erfunden? Vielleicht hat Herr Kall den Film ja auch nicht geschaut.

Weit weg von Mainz und Freiburg

Lustig wird’s in dem Interview auch, wenn Kall fabuliert, der Verein solle sich an Mainz und Freiburg als Vorbilder orientieren. Besonders hervorhebenswert  an den beiden Clubs: dass sie “erst dann erzählen, wenn sie liefern”. Ein echter Schenkelkopfer!

Denn ganz abgesehen von der Tatsache, dass sich der Vereinsboss des wichtigsten Vereins in der deutschen Großstadt, deren Ureinwohner sich seit jeher selbstironisch in Selbstüberschätzung suhlen, die gräuesten Mäuse der ersten Liga als Leitbild erwählt; wird er bereits einen Tag nach Erscheinen obigen Interviews zum zweiten Mal binnen einer Woche von der Lokalpresse bloß gestellt: Mittwochs lanciert RP-Reporter Jolitz noch die Entlassung des langjährigen Mitarbeiters Ludenberg; sonntags liefert der Reporter dann auch noch den angeblichen Namen des neuen Trainers – noch bevor dieser überhaupt seinen Vertrag unterzeichnet hat und der Verein ihn der Öffentlichkeit vorstellen konnte.

Erst liefern, dann erzählen – das hatte Kall sich bestimmt anders vorgestellt.

Kall und Schulte – weit weg von dem, was Fortuna ausmacht

All das wirft kein gutes Bild auf die beiden Männer, die derzeit in sportlichen Fragen bei Fortuna den Ton angeben. Manager Schulte schien sich von Anfang bei seinen Entscheidungen nur am möglichen Erfolg und nicht an den Werten der Anhängerschaft des Vereins Fortuna Düsseldorf orientiert zu haben. Intern spielt ihm da sicher nun der desaströse Abgang Oliver Recks in die Hände. Gegen dessen Verpflichtung hatte der Manager stets opponiert, musst sich aber dem Bauchgefühl seiner Vorstandskollegen geschlagen gebeben. Dass Schulte mit Reck am Ende Recht behalten hat, bringt den Vorstandsvorsitzenden Kall nun in die Position, seinen Duktus in der Öffentlichkeit den Erfolgsplänen seines sportlichen Leiters anzupassen. Intern müssen dabei nun die Personen weichen, die Schulte nicht ins Konzept passen.

Fraglich ist, ob Schulte begriffen hat, dass die Mehrheit der Fortuna-Fans nicht trotz des ausgebliebenen sportlichen Erfolgs in der Vergangenheit, sondern gerade wegen ihm eine tiefe Verbundenheit zu ihrem Verein empfindet. Wenn er allerdings nicht versteht, dass Aufstiege in Düsseldorf nicht auf Kosten der Werte erkämpft werden dürfen, die diesen Verein in Oberligajahren erst haben überleben lassen, sollte er sich vielleicht nochmal daran erinnern, wie erst Mike Büskens und dann Olli Reck auf den Trainerstuhl kamen. Das gleiche rheinisch, joviale Bauchgefühl seiner Vorstandkollegen und die gleiche breite öffentliche Meinung, die Büskens/ Reck einst bei Fortuna in Lohn und Brot brachten, können sich auch binnen weniger rücksichtsloser Entscheidungen gegen den derzeitigen Sport-Vorstand richten.

Noch deutlicher ausgedrückt: Herr Schulte sollte besser bereits den Anschlussvertrag für einen ordentlich dotierten Posten innerhalb des Vereins für Andreas Lambertz in der Schublade liegen haben. Denn der Manager, der “Lumpi” vor die Tür setzt, kann sich eigentlich gleich mit entlassen.

 

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