Zeit zu diskutieren …

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Wäre ja auch zu schön gewesen. Mal eine Sommerpause ohne Debatte über die Stadionsicherheit ist scheinbar nicht mehr drin. Doch dieses Mal geht es nicht um von Polizeigewerkschaftern geforderte Nacktscanner oder der Verteufelung der Ultras, die für “Bürgerkriege” verantwortlich sein sollen. Nein, dieses Mal hängen Politik und Fußball-Liga über Kreuz: Das Land Bremen fordert bei Risikospielen wohl künftig Geld von der DFL, wenn es mehr Polizisten als üblich abstellen muss. Die Stammtische frohlocken seitdem auf ihren Treffpunkten “Facebook” und den Kommentarspalten “Spiegel Onlines”. Die Liga dagegen spricht von “Populismus” und “Rechtsbruch”. Dazwischen gibt es kaum eine Deutung. Dabei wäre der Bremer Plan ein idealer Anlass, das leidige Thema Stadionsicherheit sachlich zu diskutieren.

Diesmal laufen nämlich nicht Polizei-Populisten und Ultras aufeinander zu. Jetzt haben sich zwei Institutionen in der Wolle, deren Verhalten nicht einfach so als Kindergarten abgetan werden kann. Die Debatte ist für die beteiligten Seiten nämlich wohltuend problematisch. DFL und der Bremer Innensenator Mäurer haben beide ihre validen Argumente. Sie müssen sich in der Diskussion jedoch endlich eingestehen, dass sowohl im Fußball als auch in der Politik etwas gehörig schief läuft. Aber fangen wir vielleicht mal mit den Gründen an, warum beide Seiten sich im Recht wähnen können. Das Land Bremen gilt nicht erst seit gestern als arme Kirchenmaus des Westens. Verständlich, dass die höheren Kosten bei sogenannten Risikospielen schmerzhaft für den Bremer Etat sind. Währenddessen scheffelt der Profi-Fußball so viel Geld wie noch nie. Den gefundenen Weg, über eine Gebührenordnung an einen noch größeren Teil der Fußball-Einnahmen zu kommen, ist dabei ganz pfiffig, wenn natürlich auch rechtlich umstritten.

Genau hier setzt die DFL mit ihrer Kritik auch an. Reinhard Rauball, der Liga-Präsident, verweist darauf, dass es einen Verfassungsbruch darstellen würde, müsste die DFL für die Polizei aus privater Kasse zahlen. Und so Unrecht hat er damit nicht. Ist es doch ausschließlich die Polizei, die für Sicherheit auf den Straßen rund um ein Stadion sorgen darf. Stichwort: Gewaltmonopol. Aber auch an anderen Stellen kann man Rauball zustimmen. Er verweist auf die Steuereinnahmen der Sportbranche insgesamt. In der “Süddeutschen Zeitung” nennt er rund 15 Milliarden Euro, die durch Sport-Events dem Fiskus zufließen. Und mit Steuergeldern wird nun einmal die Polizei finanziert. Den Löwenanteil dieser Summe – da braucht man gar nicht lange zu rechnen – kommt natürlich vom Fußball. Der Staat partizipiert also von den Wachstumsraten des Sports. Zudem sind die Vereine zu Investitionen in aktive Fanarbeit verpflichtet. (Wobei hier auch viel Geld vom Staat kommt. So fördert das Land Nordrhein-Westfalen die Fanprojekte. Und dabei handelt es sich nicht gerade um Peanuts.

Beide Seiten haben also ihre nachvollziehbaren Argumente. Daher werden sich Bremen und die DFL wohl vor Gericht wieder sehen. Die Probleme der Sicherheitsdebatte werden dadurch aber nicht im Ansatz gelöst. Warum? Weil wichtige Ansätze mal wieder ausgeklammert werden. Da ist in der Tat die steuerliche Komponente. Werder Bremen ist sicher ein wichtiger Steuerzahler, genauso wie die Wirtschaftszweige drumherum. Im Gegensatz zu großen Konzernen können Bundesliga-Clubs nicht so einfach den Standort wechseln, je nachdem wo gerade der Steuersatz gerade am niedrigsten ist. Die Kohle fließt also an die Länder und Kommunen zurück. Das sollte Bremen durchaus zur Kenntnis nehmen. Zum anderen sollte sich ein Land fragen, warum es diese finanziellen Probleme hat? Im Falle von Bremen, aber auch NRW (das sich nicht an dem “Bremer Weg” beteiligen will), sind die Personalkosten mit die größten Töpfe der Landeshaushalte. Die Frage muss daher erlaubt sein: Braucht es wirklich jeden Beamten? Gerade bei der Polizei ertönt bei dieser Frage die Alarmglocke. Deshalb benutzen die Polizeigewerkschafter oft auch die vielen Einsatzstunden beim Fußball als Argument gegen Stellenstreichungen. Oft fragt man sich jedoch als Fan, ob es wirklich so viel Polizei bei einem Spiel sein muss? Der Verdacht liegt nahe, dass zum Beispiel 2.000 Polizisten beim Spiel Gladbach gegen Köln auch einfach nur da sind, um den gestiegenen Aufwand zu dokumentieren, damit es keinen Anlass für Stellenstreichungen gibt. Ob tatsächlich alle Beamten am Spieltag gebraucht werden, bezweifele ich daher. Hier sollten sich die Innenminister mal ein genaues Bild machen, in Absprache mit der DFL. Statt aus personalpolitischen Gründen immer mehr die Einsatzzeiten zu erhöhen, von objektiv falschen Fakten zu schwadronieren, dass die Gewaltspirale im Stadion eskalieren würde, sollte man vielleicht mal über effizientere Lösungen nachdenken. Weniger, aber besser vorbereitete Polizisten haben zum Beispiel gleich mehrere positive Effekte. Zum einen eine größere Akzeptanz, zum anderen schont es den Landeshaushalt. Auf die Idee könnte man in Bremen kommen, statt der DFL eine Rechnung kredenzen zu wollen. Hier wird politischer Populismus betrieben, um vom eigenen Versagen in der Finanzplanung abzulenken.

Aber damit ist die Fußball-Liga noch lange nicht raus aus dem Schneider. Natürlich investiert auch die DFL in die Sicherheitsstruktur der Stadien. Ein Stichwort ist die leider überall übliche Videoüberwachung bis in den kleinsten Stadionwinkel. Aber eine absolute Sicherheit im Stadion (nicht auf dem öffentlicher Grund außerhalb des Verantwortungsbereichs der Vereine) wird kein Vereinsboss garantieren wollen und können. Dabei sind die Vereine im Stadion selber in der Verantwortung. Wie oft hört man auch heute noch von Ordnungsdiensten, deren Selbstverständnis sich auch durch die Schikane der Auswärtsfans definiert? Warum gibt es immer noch – trotz Vorgabe bei der Lizensierung – keine genau definierten Standards und Kontrollen für diese privaten Dienste, deren Fehler oftmals die Polizei ausbügeln muss? Und vor allem sollten sich die Vereine hinterfragen, warum sich in den Stadion politisch fragwürdige Elemente ausbreiten, die ein wirkliches Sicherheitsrisiko sind? Fragen dazu gerne an den Präsidenten der DFL und Borussia Dortmunds, Reinhard Rauball. Der hat nämlich ein zwar nicht so großes aber dennoch schlimmes Nazi-Problem bei BvB-Spielen. Und das schon ziemlich lange. Es ist keine alleinige Polizeiaufgabe, hier präventiv tätig zu werden. Das ist originäre Vereinsarbeit, deren Wirkung gerade in diesem Fall oft – zu Recht – kritisch hinterfragt wird.

So dämlich also die Idee des Landes Bremen ist, der DFL demnächst wegen der Polizeieinsätze Rechnungen schicken zu wollen, so wichtig ist die Debatte darüber. Denn sie zeigt eins: der Populismus, mit dem in den vergangenen Jahren die Diskussion um ein “sicheres Stadionerlebnis” geführt wurde, kommt so langsam an seine Grenzen. Zeit also, für eine sachliche Auseinandersetzung, wie die Rolle der Polizei beim Fußball künftig auszusehen hat. Und da hätte ich einen Vorschlag: Weniger (und besser ausgebildet) ist manchmal mehr. Für alle Beteiligten! (cu)

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