Im Westen rockt die Regionalliga

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Über unser grundsätzliches Verhältnis zur Regionalliga-West brauchen wir ja nichts mehr zu sagen. Für uns ist sie perfekt. Oder wie es der Präsident von Rot-Weiß Oberhausen vor dem Saisonstart sagte: “Die Dritte Liga ist ein Scheiß dagegen!” Dass sich die ganzen Vorschusslorbeeren allerdings als Untertreibung darstellen, hat auch uns überrascht. Ein erstes Fazit nach vier Spieltagen.

Zugegeben, das Auftaktspiel hatte im vergangenen Jahr einen pompöseren Rahmen. Damals bestritten Oberhausen und Essen vor 13.000 Zuschauern das Auftaktspiel. Das war schon irgendwie ein Spiel zwischen Erster und Zweiter Liga. Dass dies nicht so leicht zu toppen war – keine Überraschung. Allerdings hatte auch die diesjährige “Auftaktgala” ihren Charme. Die gestürzten Aachener mussten nach Köln, zur Fortuna. Zwar kamen “nur” 4.300 Zuschauer, aber sie sahen gelebte Historie. Die Partie Fortuna gegen Alemannia ist nämlich das Duell der beiden Rangersten der ewigen Zweitligatabelle. Spannender also, als alles was sich Ingolstadt, Aalen oder Sandhausen da in Liga Zwei einreden wollen.

Und wie es sich für eine kleine, feine aber auch schmierige Liga gehört, gab es auch gleich den ersten Skandal: Den Kölner Fans wurde per Vorstandsdekret verboten, Banner gegen die Aachener Ultras von der Karlsbande aufzuhängen. Die sind ja bekannter Maßen von der rechten Seite des mangelnden Intellekts und ein stetiges Ärgernis im deutschen (Profi-)Fußball. Bei der Fortuna (scheint am Namen zu liegen) weht dagegen ein leicht linkes Lebensgefühl. Umso schwerer wiegt dieser Fall der unterdrückten Meinungsfreiheit. Der Vorstand der Kölner muss sich die Frage gefallen lassen, ob er wirklich noch alle Tassen im Schrank hat? Soviel zum Auftaktmatch.

Wasser-, Spiel- und Charakterschäden

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Über das erste Spitzenspiel der Saison dagegen gab es nicht viel zu schreiben. Die Partie Rot-Weiß Essen gegen das Hoffenheim des Westens, Viktoria Köln, fiel bei 30 Grad im Schatten dem Wasser zum Opfer. Im neuen Stadion Essen war eine Leitung nicht richtig verschweißt – die Haupttribüne soff ab. So musste das Spiel ausfallen, die teuer zusammengekaufte Truppe vom Rande des Kölner Flughafens musste zu Hause bleiben. Schade, dabei hätte der ein oder andere sicher schon zum Saisonstart gerne gesehen, wie die Sympathieträger um Claus-Dieter Wollitz sich in Essen nieder singen lassen. Und wo wir schon einmal bei Viktoria Köln sind. Auch die Regionalliga leistet sich inzwischen Traditionen, wie den immer wiederkehrenden Pallaver um Albert Streit. Macht die Kölner in der Liga nur noch “liebenswürdiger”.

Dringende Mathematik-Kenntnisse und Demokratie-Kurse braucht es dagegen in Uerdingen. Die fußballerisch gute Leistung in Wattenscheid wurde durch einen dämlichen Formfehler zu Nichte gemacht. Der KFC brachte es fertig, zu wenige Spieler unter 23 Jahren im Kader zu haben. Eine Regel, die auch für einen Aufsteiger nicht vom Himmel gefallen sein dürfte. Natürlich war aber danach der Verband schuld, dass man die Regel nicht anwenden konnte. (“Wir haben die noch versucht anzurufen. Ging aber keiner ran.”) Eine logische Folge, denn wer den Präsident der Krefelder kennt, weiß, dass die Welt nur seine Deutung kennen kann. Herr „Lakis“ neigt halt nicht zum Understatement. Man ist ja ein Kumpel von Rudi Völler. Sehr schön wurde dies auch deutlich an der nächsten Geschichte, die dem “Wattenscheider Zählfehler” folgen sollte: Ein CDU-Ratsherr aus Krefeld fabuliert über eine mögliche Insolvenz des KFC, die Westdeutsche Zeitung druckt es völlig zurecht, und Herr “Lakis” erklärt das zum schlechten Journalismus, obwohl sein KFC in dem Bericht auch zu Wort kommt. DAS ist schmieriger Fußball, wie ich ihn Liebe. Wo Übermut auf selbsterdachte Unantastbarkeit trifft ist geiler Fußball nicht weit. Oder waren das alte Schalke, die geilen Frankfurter Mitgliederversammlungen oder der 1.FC Köln unter allen Präsidenten nach Franz Kremer jemals langweilig? Für Romantiker ist einer wie “Lakis” – und das ist an dieser Stelle völlig ohne Ironie gemeint – Gold wert!

Legendäre Spieler und Spiele

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Jetzt könnte man natürlich einwerfen, dass die vielen Zweitvertretungen der Proficlubs das Ansehen zu sehr beschädigen, als von einem wirklich gelungenen Start zu sprechen. Aber auch hier ist Vorsicht geboten. So zeigt bei Schalkes U23 Gerald Asamoah dem Zuschauer, warum seine letzten Bundesliga-Jahre vielleicht mindestens zwei zu viel waren, während die “Zwote” der Fortuna gerade den alten Lieblingsintimus (und damit den wahren F95-Derbygegner) RWE mit 4:3 am Flinger Broich nieder gerungen hat. Ich kenne niemanden unter den 2.000 Anwesenden, der danach nicht emotional angefasst war. Die Düsseldorfer schwelgten in Nostalgie, fernab des Konfetti-Scheiß der oberen Klassen, die Essener konnten ihr “Glück” kaum fassen und forderten den Kopf von Trainer Wrobel.

Nicht zu vergessen ist zudem die Zweitvertretung der Gladbacher: Auch dort lohnt ein Besuch, denn Spieler wie Kevin Holzweiler, Mahmoud Dahoud, Nico Brandenburger oder Niklas Bolten laufen unter dem Motto: “Heute schon die Stars von Morgen sehen.” Die Nachwuchsarbeit der Borussia zeigt immer mehr, warum der Verein sich langsam aber sicher an die deutsche Spitzenklasse ranrobbt. Zu sehen – natürlich – in der Regionalliga-West.

Weiter so!

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Aktuell ist das erste Fazit daher durchweg positiv: Wer Bock auf sehr viel “Oldschool-Fußball” hat, ab zur Regionalliga! Allein das Spiel Essen gegen Aachen wird am fünften Spieltag vieles in Deutschland in den Schatten stellen. Da werden mehr sein, als bei einem handelsüblichen Heimspielspiel des VfL Bochum. Und egal wo man in NRW wohnt – irgendwo in der Nähe ist immer ein Regionalligist – selbst Lotte und Lippstadt sind interessante Clubs.

Die Frage die sich nur stellt, ist die nach der Nachhaltigkeit. Was passiert, wenn sich ein Club absetzt und der Tabellenkeller zementiert ist, bleibt abzuwarten? Nur wenn dann ein breites Niemansland der Tabelle weiterhin attraktiv genug für die Fans ist und die Zuchauerzahlen nicht einbrechen, dann hat die Liga ihre Feuertaufe bestanden. Es wäre wünschenswert – denn auch wenn es für manch einen Kacke ist, nur Viertligist zu sein, zumindest ist es schön, dass es keine Dorf-Liga ist (wie damals bei der Fortuna von 2002 bis 2004), sondern eine fast schon irgendwie geartete Oberliga-West aus den Zeiten von Stahl, Kohl(e) und Pils. (cu)

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