Immer schön ehrlich!

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In den kommenden Wochen hat man als Fan von NRW-Clubs sicher auch den ein oder anderen Berührungspunkt mit Politikern. In Mönchengladbach und Düsseldorf geht es in einer Stichwahl am 15.6. um den Posten des Oberbürgermeisters. Und da in solchen Wahlkämpfen viel Lokalkolorit gefordert ist, werden die örtlichen Profi-Vereine vereinnahmt, was das Zeug hält. Dabei tun Politiker gut daran, sich nicht zu sehr ranzuwanzen – vor und auch nach erfolgter Wahl.

Denn zuviel Rumreiterei auf der Fußballwelle kann tierisch in die Hose gehen. Erinnert sei an das Brüderle-Zitat 2013, als ihn die FDP zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl kührte. Der damalige Fraktionschef erklärte seine Rolle im Vergleich zu Parteichef Rösler so, dass er der Mittelstürmer sei, der die Vorlagen Röslers verwandele. Was sich nach Netzer- passt-auf-Gerd-Müller anhörte, erinnerte zuletzt an ein  Zusammenspiel von Lumpi Lambertz auf Luuk de Jong. Nicht wirklich erfolgreich, diese Kombi. Und auch ein anderer konnte mit übermäßigem Fußball-Wissen keineswegs glänzen: Peer Steinbrück, der Ex-SPD-Kanzlerkandidat, hatte irgendwann gefühlt von jedem Verein NRWs mal ‘nen Fan-Schal an gehabt. Für einen echten Fußball-Fan ist sowas natürlich das Kapital-Vergehen an der eigenen Glaubwürdigkeit. Heute redet er sich damit raus, dass er in seiner Zeit als Ministerpräsident niemandem vor den Kopf habe stoßen können und er deshalb zu allen gehalten habe, obwohl sein eigentlicher Club der BvB sei. Dass man dieses Muster auch durbrechen kann, zeigte dabei Steinbrücks Nachfolgerin Kraft, die sich stets stramm zu ihrer Borussia aus Mönchengladbach bekennt. Dass so etwas auch funktioniert, scheint Steinbrück dabei bis heute entgangen zu sein. Denn die SPD-Politikerin bezieht einen hohen Grad ihrer Bodenständigkeit gerade daraus, dass sie Eines verstanden hat: egal welches Amt, man hat nur einen Club! Das haben selbst Teile der Bochumer Szene akzeptiert, deren VfL von Gladbach 2011 via Relegation in die endgültige Zweitliga-Tristesse geschickt wurde.

Anwanzen und Ausnutzen in Düsseldorf

Entsprechend breit sind die Möglichkeiten für den geneigten Politiker, den Fußball im Allgemeinen und seinen örtlichen Verein im Konkreten für sich auszuschlachten. Auf entsprechende Verhaltensweisen wird man sich zum Beispiel in Düsseldorf für die Zeit bis zum 15. Juni einstellen müssen. Vor der Stichwahl um das Amt des Oberbürgermeisters werden beide Seiten mit Sicherheit versuchen, sich mithilfe der Fortuna in der Wählergunst nach vorne zu pushen. Erscheint ja auch logisch, dass ein Düsseldorfer Stadtoberhaupt der Fortuna die Daumen drücken muss. Vor allem, weil der Club ihm die städtische Arena füllt und somit die Ausfälle durch die Miesen, die die Arena macht, nicht ganz so groß werden. (Eines der zahlreichen fragwürdigen Konstrukte des verstorbenen Oberbürgermeisters Erwin.) Je erfolgreicher also die Fortuna ist, desto besser für städtische Sparbuch. Allein deswegen schon liegen Verein und Kommunalpolitik ganz eng beieinander. Eine Zwangsehe, die verpflichtet. 

Trotzdem heißt das nicht, dass die Kandidaten Dirk Elbers von der CDU und sein Herausforderer Thomas Geisel (SPD) den gleichen Ansatz verfolgen, wie sie sich den Profifußball zu nutze machen wollen. Da wäre zum einen Elbers, der die Fortuna als Werbepartner für sich erkannt hat. Als der Verein in der vorvergangenen Saison erstklassig war, nutze er dies, um es an den Anfang des städtischen Neujahrsgrußes zu stellen. Trotz drängendster Probleme im sozialen Wohnungsbau, der Schullandschaft und beim Profi-Sport jenseits der Fußballs lies es sich der Mann nicht nehmen, sein Statement mit den Worten zu eröffnen, dass Düsseldorf endlich wieder erstklassig sei. Worin sollte man sich auch sonst sonnen? Frei nach dem Motto: “Erfolgreicher Verein – erfolgreiche Stadt.” Kritiker nehmen seine Fortuna-Auftritte deshalb auch als Beispiel dafür, wie Elbers die Stadt sehe: Er ist selbige und ihm gehört alles. Und manch ein Fan hat dies auch im Blick. Elbers wirkt – auch in Sachen Fortuna – oft wie ein Potentat, ohne den nichts geht und zu gehen habe. Das kann weder gut für die Stadt und noch viel weniger für den Verein sein. So hat dieses Verhalten ganz offenbar auch viele Wähler abgeschreckt: Elbers verpasste seine eigentlich sicher geglaubte Wiederwahl im ersten Anlauf.

Gleichzeitig wird der Gegenkandidat Thomas Geisel das Momentum seines überraschenden Einzugs in die Stichwahl versuchen zu nutzen. Doch gerade ihm möchte man empfehlen, sich in Sachen Fußball vornehm zurück zu halten. Zum einen ist der Mann kein waschechter Düsseldorfer, was in einer Stadt, die mehrheitlich Zugezogene zählt, nicht von Nachteil sein muss. Zum anderen ist der gebürtige Schwabe nicht nur Fan sondern auch Vereinsmitglied von Hertha BSC Berlin. Spätestens seit der Relegation vor zwei Jahren kommt so eine fußballerische Verbundenheit in der sich sonst so tolerant gebenden Landeshauptstadt nun überhaupt nicht gut an. Erst recht nicht, wenn Geisel in Sachen Fortuna auf einmal das Wort “uns” in den Mund nimmt.

Dies sollte er zwingend lassen! Zumal das Bekenntnis zu einem ortsfremden Verein nichts Schlechtes heißen muss, selbst wenn es sich um die Hertha handelt. Aufrichtige Offenheit ist einfach tausend Mal besser, als das plötzlich aufkommende Interesse an einem Club in seinem Wahlgebiet. Die Lehrmeisterin hier ist die bereits beschriebene Hannelore Kraft. Hätte Geisel von der Fortuna nicht in der Wir-Form gesprochen, er hätte einen nahezu blitzsauberen Wahlkampf hingelegt. Wobei positiv festzuhalten ist: von einem reibungslosen Wahlkampf konnte bisher sein Gegner nur träumen –  hatte Dirk Elbers zur ersten Wahlrunde kaum einen verbalen Fettnapf ausgelassen. So aber bleiben bei vielen Fortuna-Fans Fragen, wer den nun der Glaubwürdigere von beiden ist – denn gerade bei der Fußball-Frage haben sich weder Elbers noch Geisel mit Ruhm bekleckert. Wobei der Schaden für Geisel sicher etwas einfacher zu korrigieren sein dürfte, als für Elbers, der ohne das sich-sonnen-in-fremden-Erfolgen wohl kaum mehr eigene vorzuweisen hätte.

Katzentisch für die Gladbacher Politik

In Mönchengladbach hat man sich dagegen kommunalpolitisch von solchen Problemen befreit – die Borussia kann ganz gut ohne den Einfluss der Politik leben. Seit der Verein ein eigenes Stadion hat, sind bekannte Kommunalpolitiker gerne willkommen, ein Spiel zu sehen. Zu melden haben sie dagegen wenig. Wenn muss die Stadt selber – berechtigte –  Prügel vom Verein einstecken, da sie am Borussia-Park die deutschlandweit schlechteste An- und Abfahrt für Fußball-Fans gebaut hat.

Für diesen Zustand der Freiheit vom Rathaus hat die Borussia lange kämpfen müssen. Als man noch am Bökelberg spielte, hatte die immer schon klamme Stadt häufig versucht, den Verein zu schröpfen. Hatte die Borussia Erfolg und ein bisschen Geld über, wurde flugs die Stadionmiete erhöht. Statt dem Werbeträger dankbar zu sein, nicht ganz in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, durfte die Borussia zahlen. Dieses Missverhältnis wurde mit dem Borussia-Park beendet. Und die Politik in der VIP-Louge des eigenen, neuen Stadions an den Katzen-Tisch verbannt. So ist es eigentlich Schnurz, zumindest in Sachen Fußball, wer bei der Gladbacher Stichwahl den OB-Posten abräumt. Beide Kandidaten haben im Idealfall weiter ihre Rolle als Fan. Aber großen Einfluss haben sie nicht. Einen Zustand, den man in Düsseldorf so schnell nicht erreichen wird. Erst recht nicht unter Dirk Elbers. Aber auch unter einem Thomas Geisel wird es noch genug Einflussnahmen geben (müssen). Auch wenn Geisel eher der Typ Politiker zu sein scheint, der sich am Liebsten aus den Geschicken eines Vereines heraushält. (cu)

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