Moderner Voetbal Total ist Robben!

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Natürlich ist das schlimm, 90 Minuten ein Fußballspiel zu schauen, wenn im Hintergrund die komplette Tribüne in Orange gefärbt ist. Und natürlich ist das auch schlimm, wenn die ganze Zeit dann noch Blasmusik läuft und unten auf dem Platz die niederländische Nationalmannschaft mal wieder sich selber gibt. Aber nehmen wir mal die Brille der Vorurteile ab und sagen anständig Danke: dafür, dass die Niederlande uns bei dieser Weltmeisterschaft so ein bisschen fußballerische Würde geben. Und einen muss man da – ganz ironiefrei – hervor heben: Arjen Robben.

Da war er wieder: Der Schaum vorm Maul, wenn Robben einfach nur seinen Fußball spielt. Nach dem Achtelfinale gegen Mexiko konnte man alles an sozialer Interaktion nutzen und ausführen. Der überwiegende Tenor war eindeutig: Robben ist der Sensenmann mit der Axt am Fußball. Ein übler Betrüger, der seine Verarsche wie ein Gockel zelebriert. Soweit zu den Vorurteilen. Aber was hat der Mann eigentlich getan, außer dass er seit zwei Jahren den Unterschied ausmacht – egal in welcher Mannschaft er spielt? Er, der als überanfälliges Glaskinn verschrieen ist, zu egoistisch sein soll und dem angeblich die Kollegen am Arsch vorbei gehen, ist doch eigentlich derjenige, der über eine unfassbar lange Strecke auf einem derart hohen Niveau spielt und dabei so erschreckend erfolgreich ist, dass man ihn eigentlich nur bewundern kann.

Natürlich ist Robben gegen Mexiko in der entscheidenden Szene abgehoben, wie ein Blatt Papier während der Pfingststürme in diesem Jahr. Natürlich war das übertrieben, angesichts der versuchten Schinderei zuvor. Aber: Er hat dem Unparteiischen die Entscheidung mehr als leicht gemacht. Es war ein Foul, der Fuß des Gegenspielers ging auf seinen Schlappen! Richtig so, dass er sich fallen lässt. Ich hätte einen Spieler meiner Mannschaft verteufelt, hätte er sich angesichts der schwachen Schiedsrichter bei dem Turnier nicht ähnlich verhalten. Insofern – er hat einen berechtigten Elfmeter kreiert. Und jetzt kommt die nächste Qualitätsstufe: Er hat ihn nicht selber ausgeführt. Mit Klaas-Jan Huntelaar durfte gar einer für die Entscheidung sorgen, der ein Erfolgserlebnis gebraucht hat. Vor anderthalb Jahren wäre Robben noch selber angetreten und wahrscheinlich mal wieder gescheitert. Was immer die Gründe im Spiel gegen Mexiko waren, dass er nicht selber geschossen hat – es war eine unfassbar gute und richtige Entscheidung. Ob gewollt oder ungewollt, in dieser Szene liegt soviel Entwicklungskraft des Spielers, dass man Angst haben muss, dass Robben die Niederlande nicht noch zum Titel führt.

Und er hätte es verdient. Robben spaltet, er weiß das. Er genießt es, nutzt es als Stilmittel für den sportlichen Erfolg. Und dann ist er noch ein grandioser Spieler – ehrlich gesagt: So hatte ich das mit dem Voetbal Total mal verstanden. Oder vielleicht ist seine Art zu spielen schon weit mehr als das. Wurde diese ur-niederländische Fußball-Denkschule in den vergangenen Jahren müde belächelt, zeigt Robben, dass man sie tatsächlich doch noch weiter entwickeln kann. Im neuen Voetball Total darf man halt mit maximaler Lust auf den schönen Sieg auch zu Mitteln greifen, die ein unschönes Scheitern ausschließen. Das beinhaltet Schwalben, Theatralik und zeitweises Mauern. Und trotzdem hat man nie den Eindruck, die Niederlande würde das Versprechen brechen, dass es heute nichts Wahnsinniges, nichts Geniales oder Unfassbares zu sehen gibt. Die Niederlande ist der sportliche “heftig.co-Style” des Turniers: “Als ich das Spiel schaute, um die Niederlande in Schönheit und mit Schadenfreude sterben zu sehen, sah ich etwas, das meine Vorstellungskraft sprengte.” Und wenn es nur eine weitere üble Schauspieleinlage des Arjen R. war.

Daher fällt es mir inzwischen schwer, die ganzen Shitstorms gegen Robben zu verstehen. Zum einen als Gladbacher, der in einem ähnlich polarisierenden Spieler wie Martin Dahlin seine fußballerische Erweckung fand. Und zum anderen objektiv als Beobachter, für den Robben ein Schlag ins Gesicht eines jeden Eventfans ist, der seine Kunst nicht versteht, und zeitgleich auch ein Schlag ins Gesicht eines jeden Fußballliebhabers ist, eben weil dieser Robbens Kunst nur zu gut versteht. Und das musst Du als Fußballer erst einmal schaffen. Mehr geht eigentlich nicht – selbst nicht mit einer Kreuzung aus Johan Cruyff und Günter Netzer … (cu)

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