Mit blutigen Grüßen

Foto: Twitter.com/MilliTakimlar/

Eine militärische Geste – ein Sieg, gewidmet “den tapferen Soldaten und Märtyrern”, so die Übersetzung des Posts des türkischen Fußballverbandes. Versendet aus der Kabine der türkischen Nationalmannschaft nach dem Spiel gegen die Auswahl Albaniens.

Zum Zeitpunkt dieses Saluts hatte der zwei Tage zuvor begonnene türkische Feldzug im Nordosten Syriens fast ausschließlich zivile Opfer gefordert: bald hundertausend Kurden, Christen und Jesiden aus der Region befinden sich zudem seit Mittwoch auf der Flucht. Dabei wissen sie meist nicht, wohin sie überhaupt fliehen sollen. Überall lauern todbringend Feinde: Versprengte oder neuerlich befreite IS-Kämpfer, welche die flüchtende Zivilbevölkerung mit Autobomben erwarten; möglicherweise bald heranrückende syrische Truppen oder von der Türkei unterstützte Milizen, die Berichten zufolge, an diesem Wochenende eine Vielzahl kurdischer Gefangener exekutiert haben soll. Der Tod und der Verlust der Heimat ist für Hunderttausende Menschen in der Region momentan immanent.

Dass es der Türkei bei ihrem Feldzug im Nordosten Syriens längst nicht nur um die vorgebliche Stabilisierung der Region geht, ist längst keine Einzelmeinung mehr. Der “Despot” Recep Tayyip Erdogan versucht sich an der ethnischen Säuberung und dem Bevölkerungsaustausch einer ganzen Region. Zu einem Preis, den momentan vor allem die Zivilbevölkerung trägt. Einem Preis, der mit den militärischen Grüßen der türkischen Nationalspieler zuerst auf dem Spielfeld von einigen Wenigen und später in der Kabine vom kompletten Spieler- und Funktionsteam für die Kamera glorifiziert wurde.

Plumper geht’s nicht

Warum zähle ich all die Gräueltaten weniger Tage Krieg in einem Fußballblog auf? Warum erwecke ich überhaupt ein seit Monaten brachliegendes Projekt wie Halbgangst mit so einem Text wieder zum Leben? Weil unter den Salutierenden mit breiter Brust und dickem Grinsen nicht nur zwei Fortuna Spieler waren – Kenan Karaman und Kaan Ayhan – sondern auch, weil inzwischen der Verein Fortuna Düsseldorf ein an Apologismus der türkischen Propaganda kaum übertreffbares Statement publiziert hat, das man in seiner Plumpheit fast als “Verhöhnung” der inzwischen mehrere hundert Toten des gerade mal fünf Tage alten Konfliktes bezeichnen könnte. In diesem Postulat übermittelt Sportvorstand Pfannenstiel allen Ernstes, dass den beiden Fortuna-Spielern “nichts ferner lag, als ein politisches Statement abzugeben”.

Ehrlicherweise sei an dieser Stelle kurz eingeschoben, dass ich mich bereits über nahe liegendere Erklärversuche (“Die Spieler sind halt noch jung und unbedarft.” “Gruppenzwang… sie wissen doch, wie das in Mannschaftssportarten so ist.” “Sie wollten ihren Familien in der Türkei keine Probleme machen, indem sie den Gruß verweigern.”) durch Fortuna-Verantwortliche geärgert hätte (doppelter Disclaimer: ich war mal Zivi). Doch dieser Bückling vor einem quasi-autoritären Regime, verbunden mit dem in der Fortuna-Verlautbarung zitierten Erklärungsversuch der beiden Spieler, der Gruß sei bloß “eine Solidaritätsbekundung für Soldaten und ihre Angehörigen”, kommt einem Verrat an all den Werten gleich, für die der Verein in seiner Pressemitteilung vorgibt, zu stehen.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

Während türkische Soldaten im Nordosten Syriens einen Angriffskrieg mit dem Ziel der Vertreibung ganzer Bevölkerungsgruppen führen, spricht Fortuna Düsseldorf seine den Krieg (oder die an eben diesem Krieg Beteiligten) feiernden Spieler mit dem Hinweis, dass der Verein “sich satzungsgemäß weltanschaulich, politisch, rassisch und religiös neutral” verhalte” und “in allen Belangen auf demokratischer Grundlage” stünde, frei von jedem Verdacht der willentlichen Propaganda und Verherrlichung ethnischer Säuberungen. Weil scheinbar nicht sein kann, was qua sogenannter Fortuna DNA nicht sein darf. Somit kommt der Düsseldorfer Freispruch sogar noch Ermittlungen der UEFA zuvor, die das Gebaren der türkischen Spieler kritisch und als möglichen Verstoß gegen ihre Regularien interpretieren.

Doch Fortuna Düsseldorf wählt lieber in Zeiten, in den das Beziehen einer klaren Haltung gegen Hass, Gewalt und Ausgrenzung wichtiger denn je ist, die denkbar feigste Position – die des mutmaßlich geringsten Widerstands. Von einer temporären Suspendierung der betroffenen Spieler bis hin zu gemeinsamen Aktionen mit kurdischen oder Geflüchteten-Organisationen hätte es so viele gangbare Wege gegeben, mit dieser Situation auch während des Abstiegskampfs ehrbar umzugehen. Stattdessen macht der Club, der seit vier Jahren Trainingseinheiten für Geflüchtete anbietet und der noch in diesem Frühjahr ein Spiel zwischen Geflüchteten und der All-Star-Truppe der WDR-Welle Cosmo veranstaltet hatte, überdeutlich, dass ihm an einem mutigen Eintreten für seine eigenen Werte nur noch vordergründig gelegen ist.

Was bleibt? Vor ein paar Jahren hätte so ein Auftreten eines Vereinsoberen möglicherweise noch für breiten Widerspruch aus der Kurve nach sich gezogen. Doch angesichts einer anhaltenden Entpolitisierungs-Debatte und der weitestgehenden Unterdrückung linker Strömungen auch innerhalb der der Düsseldorfer Ultra-Szene dürften weder die Spieler noch Lutz Pfannenstiehl viel Gegenwind erwarten. Möglicherweise ist diese Erkenntnis das Bedauerlichste an dem ganzen Vorfall.

11 Kommentare

  1. Danke!!! …für diese offenen und in jedem Punkt richtigen Worte. Ich bin ein treuer Fan der Fotuna seit den 90er Jahren und habe zugegebenermaßen eine Vergangenheit in der Bundeswehr, die den meisten wohl das Gesicht gefrieren lässt, aber die offensichtlich zur Schau gestellte Unterstützung eines Despoten und Irren, muss Konsequenzen haben…wie auch immer diese aussehen mögen.
    Schämt euch Jungs!

    • Pfannenstiel und der gesamte Vorstand
      hat sich ins Aus geschlossen . Wer
      Fortuna liebt , muss die Suspendierung von Karaman und Ayhan fordern!St. Pauli ist ein Vorbild!

  2. Bravo!
    Auf den Punkt getroffen.
    Ich vertrete auch diese Meinung und bin damit schon fleißig bei (sogenannten) Fortuna-Fans angeeckt. Ich bin seid der ersten Bundesliga-Saison bei der Fortuna (nein, ich bin kein Eventi sondern war damals erst 7 Jahre alt) und habe solche Eiertänze der Vereinsführung leider schon mehrfach erlebt.
    Charakter und klare Linie sind trotz vorgehaltener Fortuna-DNA leider nicht mehr vorhanden.

  3. Dem ist wirklich nichts hinzuzufügen – herzlichen Dank für diesen Kommentar, der meinem Mann und mir aus der Seele spricht. Ich hoffe doch, dass Kaan Ayhan mit einem Pfeifkonzert empfangen wird.

  4. In dieser Sache muss sich die Fortuna St. Pauli zum Vorbild nehmen. Wenn der Verein dies zunächst nicht schafft, sind die Fans und Fangruppen gefragt: Dies muss das Thema Nr. 1 für die Fans sein, nichts anderes.

  5. Die Überschrift, dann der halbe Artikel, um der Fortuna das Blut der Opfer an die Hände zu dichten, um am Ende aus der Glaskugel zu lesen, dass die Fans, die jetzt eh alle rechts sind, einfach alles schlucken werden. Ich finde, das schießt deutlich über das Ziel hinaus. Ebenso wie die Kommentare, die direkt den Rauswurf der Spieler fordern. Das schwingen für meine Begriffe deutliche Ressentiments durch.

    Den Spielern, die überhaupt noch nicht wieder in Düsseldorf waren, sondern die ganze Zeit abgeschirmt bei ihrer Nationalmannschaft im Teamhotel, wurde gar keine Möglichkeit gegeben, sich frei zu äußern. Ayhan hat gestern nach seinem Treffer zum 1:1 die umstrittene Geste trotz Drängen eines Mitspielers unterlassen. Ayhan und Karamann sind nach dem Spiel zwar kurz mit zu den Fans, haben sich dann aber gemeinsam abgewendet, als der Rest der Mannschaft wieder salutierte.

    Und jetzt? Bleibt’s beim Aufruf zum Lynchen? Ist es gerechtfertigt, dass vor allem Ayhan jetzt von der anderen Seite bepöbelt wird? Muss er jetzt erst recht ausgepfiffen werden? Warum pöbeln zum Beispiel die ganzen Gladbachfans auf Facebook nicht gegen Schalke, die alles mal wieder ausschweigen wollen? Und warum steigt Fortuna dadurch ab? Weil die Fans jetzt alle Nazis sind? Wie gut sind Schnellschüsse wie Wischi-Waschi-Statements und sich echauffierende Meinungsäußerungen auf sämtlichen Online-Kanälen? Thoughts and prayers for everyone…..

    • Wie in dem Artikel beschrieben, sind die beiden Fortuna-Spieler das viel geringere Problem. Beide habe ja gestern Abend auch eindrücklich bewiesen, dass die Wut vieler Fortuna-Anhänger bei ihnen auf Gehör gestoßen ist. Das Problem ist vielmehr das Verhalten des Vereins, genauer die Wortwahl des Statements, das die Spieler – ohne je nach der Wirkung des Grußes zu fragen – global entschuldigt. Ich kann mir dutzende Szenarien vorstellen, in denen Ayhan und Karaman vllt. keine andere Wahl hatten, als mitzumachen. Wenn dem so war, wäre das immer noch ätzend aber verständlicher. Ein Verein aber, der in Deutschland beheimatet ist, hat diesen Druck nicht. Und er wird auch von niemandem dazu gezwungen am Sonntag eine Presseerklärung abzugeben, die über ein „Das klären wir alles nach der Rückkehr der Spieler und verbieten uns aus Fairnessgründen bis dahin jeden weiteren Kommentar.“ hinausgeht. Fortuna geht aber darüber hinaus und versteht nicht, dass sobald eine Botschaft abgesetzt ist, nicht mehr der Absender die Interpretation dieser Botschaft bestimmt sondern jeder Empfänger dieser Botschaft für sich. Von daher ist es vollkommen egal, ob Ayhan und Karaman glaubten, gänzlich unpolitisch zu handeln und keine politischen Intentionen verfolgten. Sie wurden in diesem Foto Teil der Propaganda, die einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg hochjubelt. Und der Verein Fortuna Düsseldorf meint allen Ernstes es sei an ihm zu sagen, die Hände seiner beiden Spieler, die zum militärischen Gruß gehoben wurden, hätten den Weg an Schläfe der beiden aus unpolitischen Gründen gefunden? Das ist einfach Bullshit und angesichts der bereits begangenen Kriegsverbrechen zum Zeitpunkt dieser Presseerklärung ein mich fassungslos machender Hohn allen Kriegsopfern gegenüber. Um es noch klarer zu machen: Das Problem heißt vor allem Pfannenstiel und nur sekundär Ayhan und Karaman. Denn die absolute Mehrheit der Betrachter dieses Fotos werden sich nicht fragen, ob alle Spieler auf dem Foto wirklich Anhänger Erdogans oder dessen Kriegstreibens sind. Das Foto ist politisch. Die Hand zum Gruß ist politisch. Was Pfannenstiehl schreibt und meint, an was seine Spieler bei dem Foto gedacht haben, ist vollkommen irrelevant und zeigt eine gefährliche Ignoranz, die sich für mich so gar nicht mit den Werten des Vereins verträgt, die so gerne vorgibt, zu vertreten.

  6. Ich seh es genau so …. die Stellung des Vereins ist mehr als peinlich …
    „Wir sind davon überzeugt, dass ihnen nichts ferner lag, als ein politisches Statement abzugeben. Beide Spieler stehen für die Werte, die unser Verein lebt.“
    Bravo Fortuna Düsseldorf …. fast gleiches Statement wie der DFB …. Volksverdummende Direktive ohne Gleichen …. Wundert Euch nicht wenn die Fans wegbleiben …..

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