Meister des Machbaren?

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Top-Team Gladbach

“Der dritte Platz ist für Gladbach wie eine Meisterschaft” – Trainer Lucien Favre wie auch die Verantwortlichen der Borussia waren sich einig, als es nach den Feierlichkeiten zur direkten Champions-League Qualifikation darum ging, die vergangene Spielzeit einzuordnen. Wenn diese Aussage für den Briefkopf auch weniger hermacht, sie ist eine realistische Einschätzung ob der finanzkräftigeren Konkurrenz – und offenbart die grosse Herausforderung, die Mönchengladbach in der kommenden Spielzeit 2015/2016 zu meistern (no pun intended) hat: Das Vergangene zu bestätigen, zu wiederholen. Sehen wir nach der Schalker Fast-Meisterschaft 2001 die Gladbacher also in den Top3 als “Meister des Machbaren”?

Ein starker Kader, eine kerngesunde Finanzlage, ein euphorisches Umfeld – wie geht man nun die erste Saison im Kreis der besten Mannschaften Europas seit 1977/78 an? Noch dazu, wenn man in Max Kruse und Christoph Kramer gleich zwei aktuelle deutsche Nationalspieler an die Konkurrenz verloren hat? Max Eberl, zum zweiten Mal in Serie vom Kicker zum Sportdirektor (“Einkäufer”) des Jahres ernannt, hatte zwei Szenarien zur Auswahl: Die prallgefüllte Geld-Schatulle öffnen und international erprobte A-Klasse Spieler für die Königsklasse an den Niederrhein locken. Die “BILD” hätte flugs das “Kaufhaus des Westens” wiederausgerufen. Oder: situativ auf dem Markt zuschlagen und eine Doppelbesetzung der Positionen sowie eine Auslastung der Kadergröße mit hoch veranlagten, formbaren Talenten erreichen.

Eine Entscheidung für die Formbaren

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Entspannter Monsieur F.

Zum Glück für den Verein entschied sich Eberl – wieder mal – für das einzig Richtige: die Talente. Der Transfermarkt ist in diesem Jahr, Vorbote der unfassbaren TV-Einnahmen der Premier League, derart überhitzt, dass ein Neuling wie Gladbach sich im Konzert der Grossen unweigerlich die Pfote (Hufe) verbrannt hätte. Die Forderung nach “etablierten Champions-League-Spielern” kam ironischerweise genau von der Sorte Fans, die Eberl trotz überragender Transferbilanz gebetsmühlenartig die causa de Jong vorhalten. Die zwölf Millionen Euro für den Holländer hätten für “Champions-League-Material” in diesem Jahr weit übertroffen werden müssen. Dazu wären exorbitante Gehälter gekommen, die ad hoc das penibel austarierte Gladbacher Kader-Klima nachhaltig gestört hätten. Ein todsicherer Weg, um in wenigen Monaten Schalker oder Hamburger Verhältnisse am Borussia-Park “herbeizuzahlen”.

Zumal junge, qualitativ hochwertige Spieler derzeit in Deutschland nirgendwo besser aufgehoben sind als bei Favre. Ein kaufmännisches Armdrücken mit den großen der Branche hätte unweigerlich zu Hufenbruch im Fohlenland geführt. Die Weiterführung der Gladbacher Nachwuchs-Philosophie ist mehr denn je unabdingbar. Und wer sagt, dass die herbeigeholten Talente nicht kurzfristig in die Erfolgsgeschichte der Favreschen Borussia hereinpassen? Beispiele gibt es genug. Der Status quo des Teams – das war durchweg in allen, unbesiegten Vorbereitungsspielen zu sehen – ist eine von Favre durchgeplante, homogene Passmaschine, in der die Automatismen derart gut funktionieren, das punktuell geradezu beliebig junge Neuzugänge eingefügt werden, ohne überhaupt einen Qualitätsverlust zu bemerken – die große Leistung von Eberl und Favre seit der Stabilisierungssaison 2012/13.

Homogener Kader

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Stindl als Stürmer?

Von Chelsea kam Andreas Christensen, dänischer Nationalspieler. Eine weitere Trumpfkarte Eberls, der sich wie kein anderer Manager der Liga das “vor-scouten” anderer Vereine weiss zu Nutze zu machen – der 19-Jährige ist wie Thorgan Hazard vor ihm auf Leihbasis bei der Borussia. Er scheint nach ersten Eindrücken eine Sofort-Verstärkung zu sein, ist bereits neben Häuptling Granit Xhaka massgeblich in den Spielaufbau aus dem defensiven Spieldrittel eingebunden. Dazu kamen Nico Elvedi aus Zürich, sowie für die U23 Djibril Sow, ebenfalls aus Zürich und Egbo Mandela von Crystal Palace. Letzterer Transfer ist insofern bemerkenswert, als es hier die Zugkraft der Mönchengladbacher im Nachwuchsbereich verdeutlicht. Ein Spieler, Engländer, Auswahlspieler, aus der Premier League, bevorzugt den Klub am Niederrhein und nicht die Finanzmonster von der Insel, samt heimatlicher Umgebung. Ein echter Fingerzeig. Neben diesen Jungspunden kamen, in bester Eberl-Manier, Lars Stindl, der “meistumworbene Nicht-Nationalspieler der Liga”, sowie Josip Drmic, der sich an die alten Werbeversuche der Gladbacher aus der Vorsaison erinnerte, bestrebt, sein Leverkusener Missverständniss zu korrigieren.

Der Homogenität des Kaders und der Ausgewogenheit der Spielertypen scheint dies keinen Abbruch getan zu haben. Gladbach wird wiederum aus einem perfekten 4-4-2 agieren, mit einem offensivlastigeren linken Flügel (Wendt), Xhaka als Ballverteiler und einer flexiblen Optionen für den Sturm. Stindl als spielender Stürmer ist eine Möglichkeit, scheint tiefer auf dem Spielfeld jedoch besser aufgehoben. Drmic zeigt klaren Zug zum Tor, ihn dauerhaft mit Raffael oder Thorgan Hazard zu verbinden, wird die grösste Offensivjustierung sein. Dies alles sind jedoch Feinstellungen, keine grossen Baustellen zu Saisonbeginn.

Der Titel ist das Limit?

Die Borussia ist deshalb allemal ein Kandidat für Platz vier. Es ist müssig, hier auf die Finanzkraft der anderen Teams hinzuweisen – Gladbach hat aber eine Spielidee und die Ausgewogenheit des Kaders dagegenzuhalten. Spannend wird sein, wie die Festtage der Königsklasse, in denen Favres Elf durchaus einige Ueberraschungen zugetraut werden dürfen, mit der Liga vereinbart werden – Top-Positionen in der Liga verzeihen keine blutleeren Remis nach CL-Spieltagen. Dementsprechend ist Platz vier mit +/-3 Plätzen als Prognose auszurufen. Der aufmerksame Leser kann darin allerdings auch den Hinweis auf das Potential dieser Mannschaft erkennen – mehr Zugeständnisse möchte ich dem Redaktionskollegen Christoph Ullrich an dieser Stelle allerdings nicht machen.

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