DFL vs. Red Bull: Der Kampf ums Marketing

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Es war sicher eines der am meist diskutierten Stadion-Themen des Wochenendes: die Deutsche-Fußball-Liga hat RB Leipzig Auflagen gemacht, um in der zweiten Bundesliga antreten zu dürfen. Der Ligaverband macht also augenscheinlich ernst, dass der Verein in dieser Form nicht unter den 36 Bundesligaklubs erwünscht ist. Doch wie geht die Geschichte aus? Handelt es sich um einen Sturm im Wasserglas, oder rasen hier zwei Schnellzüge aufeinander zu, nach deren Kollision das Leipziger Projekt am Boden liegt? 

Was haben RasenBallsport Leipzig und die Alternative für Deutschland (AfD) gemeinsam? Sobald man einen von beiden offen im Netz kritisiert und es die Möglichkeit des Kommentars gibt, kommen ihre Anhänger aus den Löchern gekrochen. Ein Kommentarreigen, ja fast schon Shitstorm, ist dem Kritiker sicher. In der Regel ist ein solches Verhalten natürlich ein Zeichen dafür, dass die Vertreter solcher Lager sich der Angriffe schon vorher bewusst waren. Sonst würden die Einlassungen nicht so prompt und zahlreich sprudeln. Im Falle von Red Bull Leipzig (diese Schreibweise werden wir nicht ändern, Punkt!) ist dies bis zu einem gewissen Grad verständlich. Hatte man in Leipzig fußballerisch oft nur die Wahl zwischen Pest (Lok) und Cholera (Chemie), da nimmt der ein oder andere natürlich in Kauf, dass sich ein Projekt – abseits jeder sozialpolitischen und gesellschaftlichen Komponente – etabliert, welches den Fußball verändern kann. Red Bull ist sicherlich nicht nach Leipzig gegangen, weil man den Menschen was Gutes tun wollte. Auch war der Standort nicht eindeutig erste Wahl. Ursprünglich wurde auch in Düsseldorf gefragt, aber dort wollte man die Konditionen des Brause-Engagements nicht tragen, sagte dankend ab und schaffte den Aufstieg unter eigenem Namen.

Leipzig war jedoch als Fußball-Standort derart herunter gewirtschaftet worden, dass hier ein Einstieg unter der subtilen Überschrift “armen Leipzigern Profifußball schenken” möglich erschien. Wer das für reine Selbstlosigkeit hält, glaubt auch daran, dass die kostenlosen Angebote Googles und Facebooks aus reiner Nächstenliebe entwickelt wurden. Red Bull will einfach auf einen Markt, wo es maximale Reichweite erhält und somit größtmögliches Marketing für seine Brause. Und hier reden wir über Deutschland und die Bundesliga, nicht über Leipzig. Dass die österreichische Bundesliga (RB Salzburg) oder die US-amerikanische MLS (RB New York) jetzt keine Kassenschlager im Ausland sind, sollte bekannt sein. Von daher ist die Bundesliga für einen Marketing-Könner wie Red Bull durchaus interessant, um nach den beiden kleineren RB-Fußball-Testlaboren nun endlich weltweite Reichweite im beliebtesten Sport der Welt zu erhalten. Ein weiterer Punkt, den Deutschland als idealen Standort erscheinen lässt, sind die Regeln im Bezug auf Investoren. Sie sind hier arg schwammig, anders als im libralen Großbritannien. Dort wäre Red Bull aufgrund der bestehenden Regeln nur ein Clubbesitzer unter vielen. Zudem wäre man sofort der “bad guy”. Die meisten Geldgeber dort trauen sich nicht an Vereinsnamen, Standort oder Clubfarben. Wenn ja, ist man sich breiter Ablehnung sicher, siehe Milton Keynes, Cardiff, Hull oder in Teilen auch Manchester United. Daher sind Leipzig und die Bundesliga schlicht mehr Kalkül als Traditionshilfe für eine über Jahrzehnte geschundene Fußballstadt. Eine international immer mehr wahrgenommene Bundesliga passt halt einfach eher zum Produkt als ein Engagement mit Risiko beim Platzhirschen “Premier League”.

Die Auflagen der DFL

Dieses Ausnutzen der Bundesliga als “Marketing-Trägerrakete” musste zwangsläufig auch irgendwann mal den Fußballfunktionären hierzulande aufgehen. Dass den ersten Schlag dagegen die Deutsche Fußball-Liga unternimmt, ist wenig verwunderlich, ist sie doch der Gralshüter des “Produktes” Bundesliga. Und die Interessen Red Bulls stehen denen der DFL somit diametral gegenüber. Ein dominierdender Retortenclub mit Sponsorennamen und Gelddruckmaschine beschädigen das Angebotene. Daher also die augenscheinlich scharfen Auflagen, dass der Verein sein Logo ändern, die Mitbestimmung für Vereinsmitglieder möglich machen muss und es in den Gremien mit dem Verweis auf die 50+1 Regel keine Mehrheit an direkten Entsandten aus der österreichischen Konzernzentrale geben darf. Eine äußerst interessante Taktik, die man genauer betrachten sollte.

Fangen wir also beim Logo an. Hier sollte RB Leipzig keine Einwände haben. Im Gegenteil – wenn schon die UEFA das fast baugleiche Wappen von Salzburg in internationalen Wettbewerben verbietet, wäre es für die Leipziger Zentrale jetzt eh ein guter Zeitpunkt, das Vereinswappen für eventuelle internationale Spiele zu ändern. Ärger wird dadurch schon im Kern vermieden. Aber bei den anderen Punkten wird es interessant. Das Verbot, mehrheitlich direkte Entsandte des Konzerns im Vorstand (hier Ehrenrat) zu haben, ist nur als Vorbote zu verstehen. Denn RB Leipzig ist ein eingetragener Verein, die 50+1-Regel gilt jedoch nur für ausgelagerte Profigesellschaften. Von daher kann dieser Teil der Auflagen nur als Androhung verstanden werden, sollte RB jetzt schnell eine Ausgliederung der Profiabteilung vornehmen. Und – nicht ganz unwichtig – nur in diesem Fall kann der Verein vor einem Europäischen Gericht gegen die 50+1-Regel klagen. Denn de facto ist RB (noch) nicht selber betroffen und somit nicht klagefähig. Und dass andere, klagewürdige Vereinsbosse, wie zum Beispiel ein Martin Kind von Hannover 96, den Prozess stellvertretend für die Leipziger anstrengen werden, ist wohl eher nicht anzunehmen. Also müsste RB sich selbst zum Betroffenen machen. Dies wird aber bis zum Ende der Einspruchsfrist gegen die Auflagen nicht gelingen, wäre dann zudem bei aktueller Struktur ein Grund für die Lizenzverweigerung. Von daher ist hier ein Kompromiss vorstellbar – die DFL nimmt die Auflage unter der Zusage zurück, dass RB Leipzig keine Kapitalgesellschaft für den Fußball bildet. Das erspart Klagen und Ärger für beide.

Todesstoß Vereinsrecht?

Und hier wird es dann spannend. Denn damit bliebe nur noch die Komponente der Mitbestimmung im Verein. Derzeit beträgt der Jahresbeitrag für eine Mitgliedschaft 800 Euro jährlich bei 100 Euro Aufnahmegebühr. Der aktuelle Vorstand kann – wie in vielen Vereinen ebenfalls üblich – eine Mitgliedschaft ohne Angabe von Gründen ablehnen. So kommt der Verein geschickt auf wenige Mitglieder. Von neun bis zwölf ist die Rede. Dass diese allesamt Red-Bull-Apparatschiks sind, ist anzunehmen. Wenn jetzt die DFL niedrigere Beitragssätze verlangt, transparentere Aufnahmeverfahren und größere Basisdemokratie fordert, spricht sie den Albtraum des Dosen-Herstellers an. Kohorten von Fans anderer Vereine warten nur darauf, stimmberechtigt zu werden und die erste Mitgliederversammlung zum Umsturz zu nutzen. Dass RB daran kein Interesse haben wird, ist klar.

Bleibt die DFL jedoch in diesem Punkt hart, gibt es mehrere Szenarien, was passieren wird. Würden zum Beispiel die Vereinsverantwortlichen zur Erlangung der Lizenz einknicken und breite Mitbestimmung ermöglichen, käme es wohl zu oben genannten Zuständen. Dass ein Dietrich Mateschitz als Geldgeber Lust auf eine solche Vereinsmeierei hat, ist schwer vorstellbar. Oder Red Bull wird gegen diese Auflage klagen, da die DFL nun mal nicht die Instanz ist, die über die formalen Kritererien zu entscheiden hat, was ein eingetragener Verein sein kann und was nicht. Und da es sich um Vereinsrecht handelt, sind hier zunächst einmal deutsche Zivil-Gerichte gefragt. Der Gang durch die Instanzen kostet am Ende nur RB Leipzig Zeit und somit die Lizenz. Selbst wenn der Club am Ende Recht bekäme, die Schadenssumme würde die DFL sicher locker ausgleichen. Zudem wäre Red Bull dann schon längst über alle Berge ist. Und wohin sollte der Schadenersatz dann überwiesen werden? An die Konzernzentrale in Österreich? Schon ein Treppenwitz.

Punkt für die DFL

Die Fußball-Liga hat also – trotz ihrer wirklich schwammigen Vorgaben zu Investoren – einen Wirkungstreffer erzielt. Der erste Punkt geht an die Liga-Zentrale. Dass dies so ist, zeigt, wie sehr die Debatte um Red Bull Leipzig in den vergangenen Tagen geführt wird. So kritisieren auf einmal nicht wenige, dass es ja schließlich Bayer Leverkusen und Carl Zeiss Jena gebe, die trotz Firmenname im Logo im Profifußball mitmischen dürfen. Dass es sich hierbei um von DFL und DFB anerkannte Betriebssportgemeinschaften handelt, die als Gesamtvereine unbestritten einen gemeinnützigen Zweck erfüllen, wird ausgeblendet. Dabei ging es bei der Gründung solcher Veriene – im Falle Bayers eindeutig – um Breitensport am Werksstandort und ein Angebot für die Angestellten. Dass Red Bull die sportliche Betätigung der am Produktionsstandort vorhandenen Mitarbeiter in Leipzig im Sinn hat, darf wohl ausgeschlossen werden. Red Bull sitzt in Österreich, nicht in Leipzig. Damit ist diese Debatte wohl schnell beendet. Selbst wenn dieser qualitative Unterschied inzwischen kaum noch einen RB-Befürworter kratzt.  Wie auch einen “BILD”-Journalisten, der mit uns auf Twitter in “Facebook-Tonfall” diskutierte:

Und auch dieser Beitrag von halbangst.de wird wieder – da sind wir uns sicher – bei den Befürwortern nicht als Gegenrede verstanden, sondern als auszumerzendes Instrument rückständiger Anhänger des Fußball-Traditions-Terrorismus. Und alleine das es so ist, bestätigt uns darin, dass hier eine Grenze noch eindeutiger überschritten wird, als es Wolfsburg, Hoffenheim oder der FC Bayern sich je wagen würden. (cu)

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