Lasst die Tour mal laufen

Lange nichts mehr zum Aufregen gehabt? Keine Sorge, ist ja bald der Start der Tour de France in Düsseldorf. Da kriegt man wieder die geneigte Mopperei des konsumkritischen Sportfans zu hören.

Es ist richtig, wie Düsseldorf zum Start der Tour de France kam, ist – sagen wir es vorsichtig – kein Lehrstück der Demokratie: Ein Oberbürgermeister will mit dem Kopf durch die Wand und holt den Start entgegen aller Stimmungen und Argumente nach Düsseldorf. Zunächst schlecht finanziert, ohne politische Mehrheit und gesellschaftlich breite Zustimmung. Klar – so als Klischee-Protestant mit Max-Weber-Fimmel – steht man auf Sportarten, bei denen die Kombattanten aussehen wie der Fleisch Knochen gewordene Traum des Luther-Jüngers.

Geisels Alleingang mit der Tour

Da ist die demokratische Zustimmung für den Event im Feierjahr des Wittenberger Kirchentagpatrons natürlich eher lästig. Entsprechend: Ja – man kann sich stündlich, täglich, immer und stets mit Recht wie absolutem Verständnis aufregen, wie der erste Bürger der Stadt die Tour de France nach Düsseldorf holte. Anreize, Thomas Geisel in drei Jahren erneut zu wählen, sehen anders aus.

Aber gehen wir mal weg vom Politischen, schauen wir auf das Sportliche. Da wird die Debatte um den Tour-Start schon interessanter. In Deutschland ist man nämlich noch schwer beleidigt, was den Radsport angeht. Als amtliche Heimat der Fanhysterie fühlen sich immer noch viele verraten: Was haben wir Jan Ullrich gefeiert, was wurden öffentliche Gelder einem gewissen Radsportteam in den Rachen geworfen, was waren wir auf einmal bessere Velofetischisten als es Anwohner zwischen Paris und Roubaix je sein konnten. Nur, um dann so böse verarscht zu werden.

“WIR” wurden verarscht

Erst vom Festina-Team, dann vom ganzen Sport. Jap, waren sie eben alle noch Helden, auf einmal stellten sich die Ullrichs, Bölts und Zabels dieser Welt als üble Dopingbetrüger heraus. Sie hatten sich so verhalten, wie man sich nun einmal insgesamt in diesem Sport verhält: Ohne Spritze ging es nicht den Berg hinauf.

Bis heute klebt der Sportart dieses Image an, bis heute erntet man beleidigte Blicke, will man die Tour de France verteidigen. Zwischentöne sind eher selten. Dabei lohnen sie sich. Natürlich hat der Radsport noch mit Doping zu kämpfen. Aber nicht mehr, als andere Sportarten auch. Leichtathletik, Kraftsport oder gar Schwimmen – auch dort gibt es teils harsche Vergehen. Doch keine dieser Disziplinen wird kollektiv derart diskreditiert wie die der Herren auf dem Zweirad. Und beim Fußball drücken wir alle die Augen zu, wenn mal wieder eine Enthüllung droht. Das liebste Kind darf nicht besudelt werden.

Ein Geschäft wie der Fußball

Die Haltung zum Radsport ist also verlogen.Natürlich ist die Tour ein ebenso überkommerzialisiertes Geschäft. Allerdings ist dies der geliebte Fußball ebenso. Entspannt man sich also in der Haltung zur Tour de France ähnlich, wie man es bei der Lieblingssportart macht, ändert sich der Blickwinkel. Dann macht ein Event in der Stadt halt, welches über eine großartige Tradition verfügt. Eigentlich ist die Tour ein Pflichttermin für alle die, die RB Leipzig, Hoffenheim oder den VfL Wolfsburg verdammen. Wer einmal in Flandern oder in Frankreich in den harten Epizentren des Radsports unterwegs war, der weiß, dass es dort eine ähnliche Leidenschaft und Passion gibt, wie sie von den La-La-Ultras in unseren Stadionkurven beansprucht wird.

Sieht man es so, wird die Tour zum Erlebnis und einer Veranstaltung, deren Reiz man sich nicht so leicht entziehen kann. Ich für meinen Teil werde am ersten Juli-Wochenende mit einer gewissen Begeisterung und kindlicher Vorfreude am Streckenrand stehen, ohne gleich Fan der Tour zu werden. Und es heißt auch nicht, dass ich die lokale Entstehungsgeschichte, wie das Event in die Stadt kam, vergesse. Im Gegenteil – die Tour in Düsseldorf kann noch so gut werden: Wenn 2020 die Wiederwahl eines gewissen Spitzenbeamten ansteht, werde ich mit einer Empfehlung für ihn mehr als zögerlich sein.

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