Glücksgriff Max Kruse?

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Max Kruse ist derzeit Borussias einziger deutscher Nationalspieler, der in Jogi Löws Truppe echte Perspektiven zu haben scheint. Mit seinen Leistungen kann er sich berechtigte Hoffnungen auf eine Teilnahme bei der WM in Brasilien machen. Für einen Spieler, den die Borussia zu Saisonbeginn aus Freiburg zum Spottpreis für 2,5 Millionen holte, eine sensationelle Entwicklung. Acht Tore, sieben Vorlagen – Werte, die man erhofft, aber nicht unbedingt erwartet hatte. Was diese Zahlen jedoch verschleiern: An Max Kruse scheiden sich auch die Geister. Denn es gibt auch einiges zu kritisieren.

Und natürlich, es wirkt zunächst etwas befremdlich, wenn man jetzt daher kommt und über einen solchen Neuzugang einen eher skeptischen Artikel schreibt. Aber auf der anderen Seite – die folgenden Defizite sind die, an denen der aus Hamburg stammende Kruse dringend arbeiten muss, soll aus einem hochtalentierten auch ein sensationeller Spieler werden.

Da wäre die technische Seite. Ist man ehrlich, so verfügt Kruse über die schlechteste Ballannahme in Gladbachs Offensiv-Quartett. Wenn man sieht, wie Arango, Herrmann oder Raffael den Ball annehmen, fällt Kruse ab. Natürlich ist das Niveau der drei anderen extrem hoch. Im Falle Arangos könnte man aus kürzester Distanz mit einer Kanone den Ball auf den Venezuelaner feuern, das Spielgerät würde trotzdem butterweich am Fuß kleben bleiben. Was im Unterschied dazu eine – wenn auch nur minimal – unsaubere Ballanahme zur Folge hat, konnte man gegen Bayern sehr gut sehen. Kruse versprang der Ball oft nur leicht gegen die Weltklasse-Verteidiger. Deren nahezu perfektes Stören hatte aber zur Folge, dass Kruse kaum geordnete Kurzpässe an den Mann bringen konnte. Hat einer der anderen drei einen schlechten Tag, an dem ihm der Ball ebenfalls häufiger verspringt, ist das Gladbacher Offensivspiel massiv gestört. Daher ist es wichtig, dass Kruse gerade in Sachen Technik ordentlich zulegt. Wird er technisch sauberer, würde ihm das zu mehr Toren verhelfen, der Mannschaft zu mehr Durchschlagskraft.

Ebenfalls auffälig sind die taktischen Ungenauigkeiten. Kruses unorthodoxe Laufwege sind Stärke und Schwäche zugleich. Kann er sich aufgrund seines sehr intensiven Körperspiels Vorteile verschaffen, ist es manchmal ärgerlich, wie geniale Ideen verpuffen, wenn Kruse mal wieder den Laufweg außen herum sucht, statt den direkten Weg zum Tor.

Natürlich sind das Feinheiten, die bei einem jungen Spieler wie Kruse noch entwicklungsfähig sein dürfen und müssen. Ärgerlich wird es, wenn man auf die Softskills des Spielers schaut. Meckern, Eigensinn sowie hin und wieder der Eindruck mangelnder Loyalität – Verhaltensweisen, die auf und neben dem Platz leider zu oft durchschimmern. Zumindest zum ersten Punkt äußerte er sich zuletzt in einem lesenswerten Interview im der Rheinischen Post selbstkritisch:

Ich meckere viel auf dem Platz. Das ist meine Art. Ich will auch im Training jedes Spiel gewinnen, da bin ich einfach zu ehrgeizig. Wenn mir was nicht passt, kann ich das nicht verstecken, dann muss das raus.

Immerhin. Denn es ärgert nicht nur ihn, sondern besonders den Fan und sicher auch den Trainer jedes Mal, wenn einem Mitspieler etwas nicht gelingt und von Kruse statt Aufmunterung meckernde Gesten folgen. Ein großer Spieler in einer derart stabilen Mannschaft feuert nach einem Fehler an und baut auf. Das macht einen sehr guten, souveränen Spieler aus. Nicht jedoch das beleidigte Abwinken bei Zuspielen, die bei ihm nicht ankommen. Was beim perfekten Verlauf einer Saison nicht weiter schlimm ist, kann in Krisensituationen das Gefüge nachhaltig stören. Zumal auch gerade Kruse selbst oft genug erfolgversprechende Angriffe verbaselt.

Auch was das Zusammenspiel vor dem Tor angeht, ist Kruses Spielweise noch sehr ausbaufähig. Seine letzten “Ego-Touren” brachten die Gladbacher in Bedrängnis. Besseres Zusammenspiel mit den Kollegen hätte gegen Wolfsburg zu drei Punkten führen können, gegen Schalke zu weniger Zittern und gegen Bayern mit einem einfachen Pass auf Arango zum Anschluss. Den Fan hat es geärgert, im Stillen sicher auch den einen oder anderen Kollegen auf dem Rasen.

Aber nicht nur auf dem Platz fallen hin und wieder Merkwürdigkeiten auf. Da wäre zum Beispiel die Sache mit der Vereinstreue. Nicht erst seit Marc-Andre ter Stegen weiß jeder Borusse: Geht ein Spieler den nächsten Schritt in die Nähe der Weltklasse, ist er weg. So traurig ein Vereinswechsel dann auch ist, so ordentlich wird einem der “Spaß” veredelt. Zudem kommen ja gerade Spieler wie Max Kruse letztlich auch wegen solcher Perspektiven nach Gladbach. Jedoch mutet es etwas seltsam an, wenn ein Spieler, dessen Vertrag noch bis 2017 läuft, schon nach einem halben Jahr mit Floskeln á la Dante, Neustädter, Reus aufwartet.

Als Beispiel sei hier das Sportstudio vor gut zwei Monaten erwähnt. Der Gast Kruse antwortet sinngemäß auf die Frage ob Barcelona, Manchester oder ähnliche Weltclubs als nächste Stationen in Betracht kämen, mit der Antwort, dass er ja derzeit in Gladbach glücklich sei und man jetzt in dieser Saison natürlich nicht schauen müsse. Natürlich freut er sich über solche Schmeicheleien – sie seien ihm gegönnt. Aber warum kommt nicht der Verweis auf seine lange Vertragslaufzeit? Warum attestiert er sich nicht selber, dass es nach seinen zahlreichen Wechseln jetzt mal an der Zeit sei, kontinuierlicher bei einem Verein erfolgreich zu sein?  Es wäre natürlich auch nur eine Ansage auf Zeit. Aber sie würde demütiger wirken, ohne auf das Selbstbewusstsein verzichten zu müssen. Doch die – nicht nur in diesem Fall – gegebene Antwort wirkt eher so, als ginge es um den eigenen Karriereplan, egal, wie sich das mannschaftliche Fortkommen entwickeln mag. Da hilft es auch nicht als Einschränkung, dass Kruse dieses Jahr bewusst auf das internationale Geschäft verzichtet hat, indem er Freiburg verließ. Dieser Schritt war nämlich trotzdem einer nach vorne. Zum einen, weil die Freiburger Entwicklung in diesem Jahr absehbar war, zum anderen sind die Perspektiven mit Gladbach langfristig oder zumindest für diese Saison dann doch besser gewesen. Aber wenn irgendwann der nächste Karrierestufe nach vorne erfolgen sollte, dann wäre für Kruse eine gewisse Art der Vereinsloyalität nicht verkehrt. Große Clubs oder deren Scouts achten nämlich auch auf solche Fähigkeiten.  

Zieht man also einen Strich unter Kruses bisherige Bilanz, fällt sie somit nicht so ganz glorreich aus, wie es auf den ersten Blick erschienen mag. Unbestritten – der Mann ist ein Transfertreffer mit angemessen langem Vertragsverhältnis. Das ist für jeden Fan erst einmal eine Freude, genauso wie für Kruse selber. Will er aber mehr als nur eine Episode der Gladbacher Vereinshistorie sein, hat Kruse noch viel Arbeit vor sich. Arbeit, die er jetzt angehen sollte. Denn er muss wissen: Der Gladbacher Fan murrt gerne – selbst bei den Besten. Und wenn es mal schlecht  läuft, fliegen einem Profi gerade in Mönchengladbach die oben genannten Punkte schnell um die Ohren. Und Barca klopft genau in solchen Momenten nicht gerade gerne an die Tür von Sportdirektor Eberl, um über einen Wechsel zu reden. (cu)

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