Voetbal ist tot

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Schwarz statt Oranje

Als wir vor ein paar Wochen mal wieder im deutsch-niederländischen Grenzgebiet bei Roermond wanderten, standen wir urplötzlich vor einer Tankstelle. Es brauchte ein, zwei Sekunden, um sie zu erkennen: an diesem Ort erfolgte der Startschuss für meine Fußballbegeisterung. In den späten 80ern und frühen 90ern gab es für den deutschen Grenzbewohner samstags eine Pflichtübung: Ab zum Nachbarn, ihm die Tankstellen plündern. Anders als heute war nämlich vor allem Diesel in den Niederlanden fast um ein Drittel günstiger als in Deutschland. Gepaart mit dem unschlagbar günstigen Kaffee machten sich Wochenende für Wochenende Horden von Hunnen über die Grenze. So auch wir. Und hin und wieder fuhren wir auch zu dieser Tankstelle, vor der meine Freundin und ich jetzt standen.

An diesem Ort merkte ich, was ein ganz besonderes Element des Fußballs ist: die Rivalität zwischen zwei benachbarten Gegnern. Und Niederlande gegen Deutschland – das war eine dieser magischen Fußballduelle, von denen die Menschen in ganz Europa reden. Entsprechend schlecht war die Laune eine Woche nach der Partie der DFB-Elf gegen die Elftal bei der Weltmeisterschaft ‘90. Zwei Jahre, nachdem Orange bei der EM ‘88 in Deutschland den ersten Titel eintütete, rächte sich der DFB in einem epischen Spiel. Und was soll ich sagen: selbst meinem Vater – seines Zeichens kein Fußballfan – schlug von dem sonst so netten alten Herren, dem die Tanke gehörte, keine wahrlich gute Laune entgegen. Selbst eine Woche nach dem Spiel. Beim Guldenwechselkurs wurde noch stärker beschissen als sonst schon, die Kommunikation war – anders als sonst – einsilbig. Selbst mir als neunjährigem Stöpsel entging nicht: Ui, die sind aber sauer hier. Auf ihr Team, das sich in Mailand wie Sau benommen hatte, auf die dummen Deutschen, die jetzt wohl Weltmeister werden konnten, und auf die Fußballwelt im allgemeinen.

Als man in Deutschland noch neidisch war

Für mich war es eine schöne Situation. Ich begriff, was Fußball so alles auslösen kann. An einer Tanke in Vlodrop, bei Roermond! Insofern ist meine eigene Identität als Fußball-Fan für immer mit dem Nachbarland verbunden. Nicht nur, weil man in Düsseldorf Fans von Borussia Mönchengladbach als Ostholländer beschimpft. Sondern auch, weil der ganze Schmu am Ende mit einem Spiel gegen die Nachbarn begann. Allerdings geht mir dabei die ganze Ablehnung gegen die Niederlande ab, wie sie gerne an deutschen Stammtischen (oder Neudeutsch: bei Facebook) gelebt wird. Klar, wenn man am Fernseher ein Heimspiel der Elftal schaut, tun einem irgendwann die Augen weh. Liebe Freunde aus dem Westen: eure Trikots sind einzeln ganz schön. Aber in Masse schmerzt das ganze Orange auf Dauer. Aber – abseits der Trikotfarbe – schaute ich und viele andere meiner Generation mit einem gewissen Neid über die Grenze.

Nicht wegen der ganzen Hooligans, die einen Besuch eines Ligaspiels in den mittleren und späten 90ern zu einem Horrortrip machen konnten. Nein – die fußballerische Schule der Holländer war stilbildend, auch für eine deutsche Generation heranwachsender Fußballliebhaber: Das 4-3-3, die Perfektion mit der es Ajax Amsterdam bis zum Champions-League-Triumph 1995 ausführte, die ganzen Trainerfüchse wie van Gaal, Hiddink oder Stevens. Ich beneidete den KNVB für seine Nachwuchsarbeit, für sein unerschöpflich wirkendes Reservat an großartigen Nachwuchsspielern, für den schier unendlichen Glauben an die Schönheit des Spiels, selbst um den Preis in selbiger zu sterben. Kurzum: Wir hatten Marco Bode, Carsten Ramelow, die dagegen Dennis Bergkamp, Arjen Robben, Wesley Sneijder und noch ganz viele mehr.

2010 und 2014 als Vorboten des Absturzes

So kritisch zum Beispiel im Nachbarland die 2:3-Niederlage gegen Tschechien bei der EM 2004 gesehen wird, so sehr gilt die Partie in deutschen Fußballnerd-Kreisen bis heute als das perfekte Spiel, dem nur einer nicht gewachsen war: Dick Advocaat coachte eine entfesselte Mannschaft in den Abgrund. Schmerzhaft für Oranje, mir war es egal. Bis heute habe ich kaum ein besseres Spiel gesehen. Und dass, obwohl sich der moderne Fußball seit 2009 radikal zu einer technisch, taktischen und physischen Tempomaschine gewandelt hat. Der Fußball in Holland, tief im innersten meines Fußballherzens ist er stets meine heimliche Liebe gewesen. Zu offen sage ich es nie – gesellschaftliche Ächtung ist einem nämlich noch heute sicher, wenn man offen zugibt, nichts gegen die Fußballfarbe Orange zu haben.

Auch, wenn der Bewunderung inzwischen Erstaunen gewichen ist. Der Fußball in den Niederlanden wirkt systematisch kaputt. Das Problem war bis zum Ende der EM-Qualifikation 2015 nur folgendes: An den Ergebnissen war dieser Umstand nicht abzulesen. 2010 wurde die Elftal Vize-Weltmeister. 2014 wäre sie die einzige Mannschaft gewesen, die Deutschland den Titel hätte nehmen können. So paradox es klingt: Diese beiden Turniere waren Vorboten des Crashs. Von 2010 bleibt das schlimme Treterfinale, welches den holländischen Ansprüchen des Total Voetbal nicht mal im Ansatz genügte. Wer an Oranje 2010 denkt, an dessen geistigem Auge fliegt automatisch Nigel de Jong vorbei, auf der Jagd nach dem Brustkorb des Spaniers Xabi Alonso. Und 2014? Louis van Gaal hatte als Bondscoach kapiert, dass mit Hurrafußball in Brasilien kaum was zu machen gewesen wäre (was ein weiterer Beweis war, dass er, trotz der ganzen charakterlichen Begleitumstände, zu einem der ganz Großen seiner Zunft gehört). Insofern reichte es zwar für ein kosmetisches 5:1 gegen saturierte Spanier, aber sonst nur für effizientes, defensiv hartes Spiel. Gerade in der K.O.-Runde wurde Fußball mehr gearbeitet als niederländisch zelebriert.

Der nächste Superstar ist Belgier

Es hatte manch einem Fußballfan zwar Beachtung abgerungen, dass van Gaal diesen sterotypen deutschen Fußball durchzusetzen vermochte, ohne dass ihn in der Heimat die ewig elitär eitlen Ex-Spieler wie Cruyff oder van Basten den Galgen bereiteten. Aber es war dadurch auch zugleich nun einmal die offizielle Absage an eine Fußballnation, die nur zufrieden ist, wenn das Spiel schön ist. Während man in Deutschland stets von den 80 Millionen Bundestrainern spricht, bestehen die Niederlande aus 16,8 Millionen Cruyffs (natürlich mindestens minus Luis van Gaal). Wer es wagt, auf dem Platz zu knödeln, hat in dem Land nicht wirklich was zu melden. Dabei förderte Louis van Gaal nur zutage, wie satt das holländische Fußballsystem geworden ist. Trotz all der schimmernden Namen, trotz eines Arjen Robbens, der an einem guten Tag immer noch die Abwehrreihen ganz Europas Matt setzen kann, trotz der großen Clubs wie Ajax, Feyenoord oder PSV – der Fußball in den Niederlanden hat den Anschluss verpasst. An das Nachbarland Deutschland, das aus seiner Schaffenskrise zur Jahrtausendwende das Beste machte, aber auch an das andere Nachbarland: Gerade in Belgien bilden die Fußballschulen des Landes die internationale Klasse von morgen aus. Gehörte es früher für die großen Clubs von Premier League, Premiera Division oder Seria A zum guten Ton, einen Topmann aus den Niederlanden im Kader zu haben, übernehmen heute die Belgier diese Rolle.

Wieso auch nicht? Aus der niederländischen Ehrendivsion kommen kaum noch Spieler der Kategorie “The next big player”. Immer häufiger füllen Exporte wie John Verhoeck, Mike van Duinen oder Giliano Wijnaldum (dessen größerer Bruderer eines der wenigen Gegenbeispiele ist) die Regale deutscher Zweitligisten. Wie es dazu kommen konnte? Das hat viele Gründe. Zum einen das starre Festhalten an dem wilden Fußball, bei dem nur der schöne, trickreiche Abschluss wirklich was bedeutet. Während in ganz Europa inzwischen die Devise herrscht, technisch und taktisch auf höchstem Niveau zu wandeln bei gleichzeitig brutal physischer Spielweise, wird in den Niederlanden noch der samte und leichtfüßige End-to-End-Fußball zelebriert, bei dem der Ball ins Tor getragen wird. Vor dem Tor noch einmal elegant quer zu legen gilt in den niederländischen Profiligen als Ehrensache gegenüber dem satten, klaren Abschluss. Machte sich gerade dieser bisweilen effektiven Spielweise bis zur Jahrtausendwende noch jeder deutsche Bundesligist gegen einen niederländischen Top-Club in die Hose, sind diese Zeiten vorbei. Das Ajax, das gegen Rapid Wien aus der Champions-League-Quali flog, sich gegen Jablonec in die Europa-League-Gruppenphase rumpelte, wäre in Hin- und Rückspiel gegen einen Club wie Mainz 05 sicher kein Favorit. Zu langsam, zu behäbig, zu wenig talentiert wirkt das Spiel der jungen Ajax-Mannschaft.

Statt Visionen verliert man sich in Streitereien

Kein Wunder: Die großen Impulse bleiben nun einmal seit Jahren aus. Vier Generationen Alt-Internationale, zu denen auch seit dem Scheitern in der EM-Quali die Herren van Persie, Robben oder Sneijder gehören, streiten sich um die richtige Sichtweise der Dinge. Da geht das Lager van Basten auf das des ewig rechthaberischen Cruyffs los, die Bergkamps, Blinds, de Boers beziehen derweil ihre Positionen in diesem Kampf, während die aktuelle, seit zehn Jahren fast unveränderte Spielergeneration ihren Ausstieg aus dem ganzen Schlamassel sucht. Kein Wunder, dass eine solche Fußballnation kaum Besinnung auf das Wesentliche zustande bringt. Während sich in Deutschland im Jahr 2000, der dunkelsten Fußballstunde des Verbandes, alle darauf verständigten, dass die Ausbildung besser und standardisierter werden soll, fetzen sie sich in den Niederlanden wie die Kesselflicker genau dann, wenn es einen Aufbruch wie einst beim DFB braucht. Aber wie soll das gelingen? Im niederländischen Fußball ist jeder Pfau in der eigenen Weltsicht schöner als der andere.

Wie soll unter solchen Umständen also das über Jahre bewunderte Nachwuchssystem der Niederlande wieder funktionieren, wenn sich die Vorbilder gegenseitig an die Wäsche gehen? Was ist zudem von einer Liga zu erwarten, die sich für zwölf Jahre an einen Fernsehsender verkauft, nur um behaupten zu können, einen Milliardendeal abgeschlossen zu haben (Was unterm Strich den Profivereinen der Ehrendivision pro Jahr weniger bringt als denen in der zweiten Bundesliga)? Was hat man für eisne Perspektive, wenn man bei einem U21-Länderspiel der Niederländer zwischen Abwehr- und Offensivspielern nicht unterscheiden kann? Weder technisch, taktisch noch körperlich. Um es kurz zu sagen: Voetballand ist abgebrannt. Und es braucht dringend Impulse. Vielleicht wäre es ein Anfang, wenn der Bondscoach mal kein verdienter Ex-Oranje ist, sondern ein Mann mit einer Vision, einer der von der Sache her kommt und sich nicht allein über die eigene Spielerkarriere definiert. Sonst werden auch die nächsten Qualifikationsrunden schwierig. Und bei aller Häme: Eine WM oder EM ohne Holland ist irgendwie keine richtige.

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