Kein Schmuckkästchen, keine Seriösität, keine Skrupel

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Das ist das Problem mit einem Volkssport in Zeiten der schnellen Kommunikation: Alles ist schnell gesagt, aber noch nicht jeder hat seinen Senf dazu abgelassen. Beispiele gefällig? Achtet doch mal darauf, was für ein Scheiß geschrieben wird, seit Paderborn in der Bundesliga andeutet, halbwegs mithalten zu können. Wer dabei als Fußballfan keinen Brechreiz kriegt, ist keiner. Gleiches kann man übrigens auch über die aktuellen Einschätzungen zu RB Leipzig und dem 1.FC Köln sagen.Aber bleiben wir erst einmal in Ostwestfalen. Im Moment loben die Medien und auch die Event-Menschen in einem handelsüblichen Stadion den Verein in die Höhe. Ein “sympathischer” Underdog setzt sich kurzzeitig an die Spitze und alle vibrieren vor Freude! Da blendet der ein oder andere gerne mal aus, was der SC Paderborn in Wirklichkeit ist: ein kleiner Provinzverein, engstirnig in der Führung und in einem Landstrich von NRW angesiedelt, in den – außer zum Arbeiten – keiner freiwillig ziehen würde.

Ich ärgere mich inzwischen massiv darüber, wie schnell die Dinge in ein falsches Licht gesetzt werden. Das Stadion wird in Radiosendungen dauernd als “Schmuckkästchen” bezeichnet, obwohl es objektiv ein Wellblechpalast von der Stange ist. Nur halt sehr klein, lieblos und fanundfreundlich gebaut. Von außen sieht es aus wie ein Möbelhaus des Präsidenten des SC Paderborn. Dieser ist bisher auch nicht unbedingt als Sympath aufgefallen. Haben wir alle schon die Abzocke vergessen, als der SC Paderborn vor der Saison mal eben die höchsten Ticketpreise der Liga aufrief? Sogar bei den Plätzen für Rollstuhlfahrer wurde ordentlich zugelangt. Macht es einen Verein plötzlich symphatisch, dass er einen Trainer beschäftigt, der in vier von fünf Spieltagen das Beste aus der Mannschaft holen konnte?

Wahrlich nicht! Was ist, wenn das Ganze damals wie bei der SpVgg Unterhaching endet? Zur Erinnerung: Die stieg 1999 ebenfalls auf, zeigte in der Saison 99/00 einen stabilen Fußball und ging dann – nachdem sich niemand von den Etablierten (mit Ausnahme von Bayer Leverkusen) mehr von diesem Fußball überaschen lies – ein Jahr später unter und ward bis heute nicht mehr gesehen. Schaut man auf den diesjährigen Kader der Paderborner ist es wahrscheinlicher, dass wir es hier eher mit einem “Hachinger Strohfeuer” zu tun haben, welches bald wieder in der Versenkung verschwindet, als mit einen Club, der sich dauerhaft in der Bundesliga etablieren wird. Ich hoffe, dass in diesem Fall den werten Kollegen die Deutungen zum Saisonstart peinlich sein werden.

Kölner Scheinheiligkeit

Nicht ganz so dramatisch, aber fast schon ähnlich sind die Bewertungen des 1.FC Köln. Auch hier ist ein guter – wenn nicht gar sehr guter – Trainer am Werk. Peter Stöger lässt die Mannschaft das spielen, was sie kann. Und das ist nicht viel. Zwei Ketten vor dem Tor, massiv und schwer zu durchdringen. Gladbach, Paderborn, Stuttgart und Hamburg können davon ein Lied singen. Und Stürmer? Selbst mit Patrick Helmes verfügen die Kölner über keine Erstliga-taugliche Offensive. Also ergaunern sie Punkte. Der letzte Verein, der so die Klasse halten wollte, war Fortuna Düsseldorf in der vorletzten Saison. Wir erinnern uns alle an das Ende (und sollte der Verbleib in der Liga gelingen, sei auch auf die Fortuna verwiesen. Der Klassenerhalt in der Saison 95/96 und das darauf folgende Abstiegsjahr unter Ristic gelten bis noch bis heute als mit das Schlimmste, was dem Fußballsport je angetan wurde).

Zudem geht die jetzt schon seit ein paar Monaten anhaltende Selbstverleugnung in Köln schwerstens auf den Nerv. So behaupten sie alle in der Stadt und im Verein, der FC sei inzwischen ein seriöser, ruhiger Club. Dass dies nicht stimmt, lässt sich leicht am Derby gegen Gladbach belegen. Immer noch gibt es bei den anscheinend geläuterten FC-Fans derart viele Idioten, dass es am Sonntag gegen die Borussia mal wieder mehr als kribbelig wurde. Immer noch hat der Verein die kriminellen Elemente in der Kurven-Szene nicht im Griff und der Ordnungsdienst übersieht auch weiterhin (und ich behaupte absichtlich) riesige geklaute Gladbach-Fahnen, die Kölner Hools in den Block bringen (dieses Mal wurde – ganz böse – ein Sozialprojekt der Borussia bestohlen). Zudem ist das Sicherheitskonzept rund um das Stadion ein Witz. So sollten Gladbach-Fans mit Gegengraden-Tickets an der Kölner Fankurve vorbei gehen. Der direkte Zugang wurde von Ordnern verstellt. Und wie im Stadion mit dem eigenen Kapitän Brecko umgegangen wird, ist weiterhin unter aller Kanone. Ja, er ist kein großer Fußballer. Aber ich sehe stets einen Spieler, der abruft, was er kann – überlegt und ruhig. Ihn dann auszupfeifen, nur weil er die Bälle nicht blind in den gegnerischen Strafraum kloppt (und dadurch aufgrund mangelnder Stürmer wahrscheinlich einen Gegenstoß einleitet), ist unfassbar und zeigt, wie sehr das Kölner Publikum noch weit weg von dem Realismus ist, den uns die Verantwortlichen seit zwei Jahren vorgaukeln wollen.

Die RB-Claqueure von der Welt

Ja, und dann wäre da noch RB Leipzig. Da machen die Fans von Union Berlin eine große Protestaktion und alle sind wieder am Start. Das Problem: Über RB Leipzig ist jetzt nun wahrlich alles gesagt worden. Lasst sie einfach mitmachen und die Quittung kassieren. Was jedoch nicht geht, dass Zeitungen – weil ja schon alles gesagt ist – jetzt ihre Sympathien für RB entdecken, auch, weil man ja wieder krampfhaft gegen den Mainstream anschreiben muss: Wer – wie die Welt – schreibt “RB Leipzig ist ehrlicher als Barcelona und Madrid”, sollte sich vielleicht mal die Doku “die dunkle Seite von Red Bull” anschauen und sich schämen! Oder nehmen die sicherlich auch durchkommerzialisierten Top-Clubs des Kontinents für den Marketing-Erfolg tote Sportler in Kauf? Sicher nicht! Aber das ist ja in diesen Fußball-Event-Zeiten egal. Hauptsache Hirn aus und Fußball-Konsum an! (cu)

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