Katar: Trainingslager-Irrsinn mit Affen

Winterzeit ist Trainingslagerzeit. Zumindest in der Fußball-Bundesliga. Wie in allen Jahren machen einige Clubs Station an exotischen Standorten. So auch Schalke 04 und Bayern München. Die beiden Vereine verweilen in Katar, um sich für die Rückrunde fit zu machen. Als Botschafter der Liga zeigen sie sich im Gastgeberland der WM 2022. An sich nicht zu beanstanden – wenn man im letzten halben Jahr keine Zeitung gelesen hat.

Denn Katar steht am Pranger. Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen zur Weltmeisterschaft 2022. Arbeiter werden wie Sklaven gehalten, ihre Papiere werden eingezogen, Ausreise, das Recht auf die persönliche Freiheit, wird ihnen genommen. Dabei geht es nicht um Vermutungen, sondern um Fakten. Zu sehen unter anderem auch an dem Schicksal des Fußballers Zahir Belounis. Er steht stellvertretend für all die anonymen Menschen, die auf den Baustellen schuften. Als er seinen Club und Katar verlassen wollte, musste er eineinhalb Jahre auf die Ausreise warten, sie gar erkämpfen. Nur durch medialen Druck kam er – man muss es so sagen – wieder frei.

Aber anscheinend geht das Schalke und Bayern so ziemlich am Arsch vorbei. Zumindest aus Schalker Sicht ist alles in Ordnung. Die Trainingsanlage ist ja auch super. Schalkes Sportdirektor Horst Heldt schafft es sogar, sich komplett zu verblöden. Lässt er sich doch in der NRZ zitieren, dass sich Spieler und Offizielle nur auf der Anlage bewegen würden. Und hier seien nun mal alle freundlich und nett. Man denkt dabei fast zwangsläufig an den ehemaligen Nationalmannschaftskapitän Berti Vogts, der in den Umständen bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien nichts Böses erkennen könne, während die dort regierende Militärjunta mal eben ein paar unliebsame Leute ohne Fallschirm aus dem Flugzeug warf. Über dem offenem Meer!

Ganz so tödlich geht es in Katar dann nun nicht zu. Die Zeit der großen Militärputsche ist ja in reicheren Ländern auch vorbei. Inzwischen herrscht das Kapital. Und das kann, siehe Katar, genauso brutal, wenn auch subtiler, zur Sache gehen. Aber wen stört es, wenn sich der Fußball vom Bildungsniveau her weiterhin auf dem Stand von 1963 bewegt? Nichts sehen! Nichts sagen! Nichts hören! Die drei Affen der Korruption sind anscheinend noch heute die Wappentiere des Sports. Ich will es daher gar nicht erst wagen, zu fragen, warum Horst Heldt nicht darauf besteht, seinen Hintern aus dem Trainingslager zu bewegen und mal über den rasengrünen, beschränkten Tellerrand zu schauen. Erst recht brauche ich die Antwort nicht, dass die Lager nicht umbuchbar waren. Wegen der Kosten und so. Würde ich ja beim SV Sandhausen und VfR Aalen noch verstehen. Aber denen rollen die Kataris ja nun mal nicht den roten Teppich aus – Schalke und Bayern geben dem ganzen größere Strahlkraft und somit “positive image”. Damit lässt sich ‘ne Menge übertünchen. Dass die Vereine da mitmachen, ist WIDERLICH!

Im Grunde kann es nämlich nur eine Antwort auf Katar geben: Ächtung! Dazu sind wir Fans gefordert. Ich habe bisher nicht den Eindruck, dass wir ausreichend Protest wagen. Dabei ist der Fall Katar ein zutieft fantechnischer. Er steht dafür, dass jeder der Geld hat, auf die gesellschaftliche Bedeutung des Sports und seine Identität scheißen und ihn sich nach Belieben nehmen kann. Das ist tiefstes gedankliches Mittelalter und absolut nicht zivilisatorisch. Warum üben wir nicht großen Protest? Wenn wir schon gegen Sicherheitskonzepte beeindruckend protestieren können, warum denn dann nicht auch gegen Katar und seine (Fußball-)Potentaten. Und jetzt bitte nicht sagen, der Deutsche Fußball Bund kümmere sich. Als habe der weltgrößte Sportverband in solchen Fällen jemals richtig Eier in der Hose gehabt! Dafür ist es in den Gremien doch viel zu gemütlich und der FIFA-Zwang zum Unpolitischen zu groß. Womit wir übrigens auch wieder beim Thema “Politik und Kurve“ wären! (cu)

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*