Clubs für alle

IMG_20140508_204801Ab nächster Woche starten zumindest wieder die meisten Ligen unterhalb der ersten. Auch von der zweiten bis zur vierten sind dann alle wieder am Start. Wie wir schon oft beschrieben haben, sind das wahre Fundorte der Tradition. Wir bei halbangst diskutieren oft, welcher Verein dabei am interessantesten ist. Positiv wie negativ. Auf unseren Reisen durch die unteren Klassen geht uns nie der Gesprächsstoff aus, was den Besuch eines anderen Vereins neben Gladbach und der Fortuna so lohnenswert macht. Über die Zeit haben wir für die umliegenden Vereine inzwischen so etwas wie eine “Top-Ten” entwickelt.

Dabei ist es mit Ranglisten so eine Sache – sie sind meist doch sehr individuell, und selbst vermeintlich repräsentative Erhebungen sind nicht Fälschungsicher, wie unlängst der ADAC und das ZDF bewiesen haben. Daher eines vorneweg: jeder mag zu den folgenden Clubs eine andere Meinung haben. Aber das ist ja das schöne am Fußball. Diskutieren ist erwünscht.

  • 10.) Alemannia Aachen

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Jetzt bitte nicht sofort Aufhören zu lesen. Wie kann sich dieser Verein, der sich mit Nazi-Ultras und überheblicher Großmannssucht in den Abgrund der Regionalliga geschmettert hat, in diese Rangliste mogeln???

Es ist ganz einfach: man muss ja nicht immer gemeinsam den Verein unterstützen, den man gerade besucht. Und ganz puristisch gibt es ja auch nur den einen Club, den man hat. Aber man kann auch – als Fortune und Gladbacher, sogar als Kölner – dem Gegner des Heimatvereins heimlich, still und leise die Daumen drücken. Die Alemannia ist inzwischen ein klassischer Fall für einen solch verhassten Verein. Wie sich dort Nazis frei bewegen können, hat zuletzt der Freundschaftskick der Alemannia in Wuppertal gezeigt. Und daher kann man nur sagen: je mehr Zeugen dieses Trauerspiel hat, desto mehr Menschen gibt es, die sich öffentlich über den Zustand in Aachen beschweren oder ihn durch selbst gedrehte Videos dokumentieren. Insofern ist die Alemannia – trotz niedriger Beliebtheitswerte – eine Reise wert.

  • 9.) Rot-Weiß Essen

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Und der der nächste Club, wo man als Düsseldorfer erst einmal gepflegt die Toilette zwecks Magenräumung aufsucht. Aber, und da spricht der Gladbacher, hier sollte man abstrahieren. RWE ist Pott-Historie schlechthin. Das neue Stadion ist bundesweit einer der schönsten Neubauten in den vergangenen Jahren und die Stimmung während des Spiels ist trotz vierter Liga immer noch herausragend.

Dass es nur Platz Neun ist, liegt noch nicht einmal ausschließlich an den zahlreichen problematischen Fans des RWE. Die hauen sich nämlich auch gerne untereinander an der angrenzenden Hafenstraße auf das Maul. Hinzu kommen nämlich heftige Mängel in den Kernkompetenzen eines jeden Ruhrgebietsclubs. Das Bier (Stauder) ist zwar einheimisch, aber nicht lecker. Und die Currywurst? Sie ist eine der wenigen zwischen Duisburg und Dortmund, die einen froh macht, wenn man Vegetarier ist.

  • 8.) VfL Bochum

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Huch? Ein Zweitligist, ein Gegner der Fortuna, der Albtraum eines jeden Gladbachers in der Kategorie “dämliche Niederlagen” (mit Ausnahme der Relegation) in dieser Liste? Darf man den VfL Bochum besuchen, weil es dort so schön ist?

Man darf! Der VfL ist sportlich so weit von seinen alten Zeiten entfernt, dass man schon wieder Mitleid haben muss. Gemessen an den eigenen Maßstäben spielen die Bochumer nun schon ein paar Jahre zu lange zweitklassig. Und finanziell wie sportlich drohte zwischenzeitlich der Sturz in Liga 3. Dabei wäre es schade um den Club. Das Ruhrstadion ist das schönste in Deutschland, zumindest in Sachen Fußballromantik. Das Fiege-Bier ist das beste Stadion-Pils und die Wurst samt Currysauce der Beweis, dass lokal hergestellte Waren industriellem Massenfraß stets überlegen sein werden. Was jedoch massiv stört, sind die Ticketpreise – da ist der VfL noch erstklassig (günstigster Sitzplatz: 27 Euro). Und nervt das immer noch – wenn auch nur leicht vorhandene – Jammern, dass es damals gegen Gladbach in der Relagation nicht geklappt hat. Ansonsten – eine Top-Adresse für einen spontanen Stadionbesuch.

  • 7.) Fortuna Köln

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Auch Kölner Clubs können – wollen wir mal nicht übertreiben – “nett” sein. Die Fortuna ist als neuer Drittligist immer noch ein Gegenentwurf zu fast allem im Profifußball. Chronisch klamm seit der Alles-Finanzierer Löring nicht mehr da ist. Zudem hat der Verein ein schrulliges Stadion zwischen Kölner Beton-Charme und einem für Kölner Verhältnisse riesigen Wald. Und Fans sowieso nicht genug.

Aber die paar Nasen, die zur Fortuna in Köln gehen, sind schwer in Ordnung: eine gesunde, alternative Mischung mit lustigen Fanclub Namen (Klassischer Dialog am Telefon im Stadion: “Wo bisse?” – “Ich steh bei den ‘Mülltonnen’ ”). Spannend wird sein, wie sich der Club in der dritten Liga schlägt. Man kann also getrost mit ein paar Freunden unterschiedlichster Vereinspräferenzen in den Kölner Süden reisen und sich gemeinsam den klassischen Zweitliga-Charme der 80er und frühen 90er geben. Davon hält einen auch nicht das für Köln übliche Standardgesöff ab. Es muss ja nicht immer Alkohol im Stadion sein.

  • 6.) KfC Uerdingen

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Es ist schon interessant. Zu Bundesliga-Zeiten wurde noch munter der “Fuuuuußball-Friedhof Ueeeerdingen” besungen. Seit der KfC zwischenzeitlich sogar bis in die Oberliga durchgereicht wurde, spricht man heute jedoch von Tradition. Wahrscheinlich, weil sich, an den Verhältnissen gemessen, nicht wenige Menschen in der Krefelder Grotenburg verlieren.

Doch was macht einen Besuch in Krefeld aus? Das Stadion war einst der Bökelberg in etwas moderner, heute verrottet es bei vollem Liga-Betrieb. Bei Spielen selber ist Zahlen mit Bargeld nicht möglich, man muss alberne Wertmarken kaufen. Der dämliche Grotifant läuft immer noch frei rum, und kriegt von irgendwem auch heute noch zwischendurch ein Paar auf den Rüssel. Zur Krönung gönnt sich der Verein einen Präsidenten, der laut einiger Medienberichte immer mal wieder im Verdacht steht, mehr fragwürdige als vereinsstrategische Energien zu haben. Und dann ist da noch die vergangene Saison, in welcher der KfC derart desaströs die Klasse gehalten hat, dass der Ligaverbleib des Hamburger SV dagegen wie ein seriöses Stück anständiger Arbeit aussieht. Nein, Fußball beim KfC Uerdingen ist unwirklich und fühlt sich komisch an. Und deshalb fahren wir da auch hin und wieder mal hin. Um einen anderen Fußball zu spüren.

  • 5.) VVV Venlo

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Ein Verein, der ziemlich viel Glück hatte. Schaut man sich den Standort des Stadions an, weiß man warum. Nur 500 Meter weiter, und wir würden hier nicht über einen niederländischen Zweitligisten mit Ambitionen sprechen, sondern über einen langweiligen Regionalligisten am Niederrhein. Aber dem ist nun einmal nicht so. Und so ist für den Fußball-Reisenden im Rheinland der VVV die erste Adresse, wenn man niederländischen Fußball verstehen will.

In dem Land von Cruyff, van Gaal und Robben herrscht nämlich immer noch der weit verbreitetet Irrglaube, dass Technik alles ist, erst recht in ein taktisches 4-3-3-System gegossen. Bis runter in die zweite Liga spielen sie diesen wilden Fußball. Was “Voetbal Total” sein soll ist in dieser Klasse eine Mischung aus Bambini-Fußball mit Erwachsenen und britischem Kick-and-Rush der besseren Sorte. Das alles knapp hinter der Grenze, in einem Stadion der Flickschusterei samt Kunstrasen. Vorurteile gegen Holländer werden hier jedoch nicht bestätigt. Im Gegenteil: Beim VVV trifft man ausschließlich gegenüber Deutschen aufgeschlossene Menschen, bekommt gute Stadion-Fritten. Dazu gibt es mit “Lindeboom” ein lokales Bier, das zwar immer noch ein niederländisches ist, nur man kann es trinken. Wenn da nur die Sache mit der “Club-Card” nicht wäre. Die muss man für sechs Euro kaufen, will man das Recht erwerben, im niederländischen Profifußball Tickets kaufen zu können.

  • 4.) Wattenscheid 09

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Fast ein verlorener Club. Nach dem Abstieg aus der Bundesliga ging es bis in die sechste Liga herab. In Bochum (dazu gehört Wattenscheid immer noch, auch wenn Einheimische gerne anderes behaupten) ist die SGW so etwas wie der Rheydter Spielverein von Mönchengladbach. Eine nette Alternative zum großen Verein der Stadt, die ihre Chance hatte. Nur im Gegensatz zum RSV haben sich die Wattenscheider wieder an den oberen Fußball rangemogelt. In der Regionalliga ist die SG 09 zumindest sportlich wieder auf dem Weg zur Wahrnehmbarkeit.

Das mit zwei sehr interessanten Tribünen ausgestattete Lohrheide-Stadion ist also hin und wieder etwas voller. Das Kulinarische ist angenehm und gut. Außerdem kommen Ticket-Sammler auf ihre Kosten. Die Eintrittskarten in Wattenscheid haben die Farben eines guten 90er-Ballon-Seide-Anzuges, wie ihn der langjährige und inzwischen verstorbene Mäzen Klaus Steilmann mit seinem Textil-Unternehmen nicht hätte schöner produzieren können. Auf jeden Fall ein Sammlerstück. Genauso, wie eine Original-CD des Stadionsongs. Wer die hat, weiß was “Fußballzeit, hier bei uns im schönen Wattenscheid” bedeutet.

  • 3.) MSV Duisburg

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Ok, jetzt wird es kritisch. Der MSV ist eigentlich für Gladbacher wie Düsseldorfer noch als Konkurrent in Erinnerung. Und zwar nicht von der angenehmen Seite. Aber seit dem Lizenzentzug und dem Gang in die dritte Liga ist der MSV eine unserer Anlaufstellen, um gediegen Fußball zu schauen. Warum?

Das ist nicht so leicht zu beantworten. Immer noch nervt die NRW-weit beste Akustik mit Werbung, Werbung, Werbung. In Duisburg dürfen alle Mittelständler mal ran. Nervig! (Wieso sind die eigentlich chronisch klamm?) Immer noch träumt der Duisburger von einem Comeback, was ein, objektiv betrachtet, doch längerer Weg sein wird. Aber es gibt auch die andere Seite. Günstige Preise an der Bierbude, ehrlicher Fußball der Spieler, sehr treue Fans, verrückteste Aktionen, den Verein am Leben zu halten und eine Anreise (S-Bahnhof Schlenk!), die aus Sicht der Gladbacher und Fortunen das Prädikat “Traum” verdient. Aber handfeste Gründe sind das alle nicht. Vielleicht ist es auch einfach nur der Traum, dass wir dabei sind, wenn der MSV wieder in die Bundesliga kommt. Immer noch besser als RB Leipzig!

  • 2.) TuRU Düsseldorf

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Die TuRU wird wohl der ewige Oberligist bleiben. Mehr scheint nicht zu gehen, oder auch nicht gewollt zu sein. Aber damit hat man eine gute Alternative für einen entspannten Sonntag. TuRU ist Amateurfußball auf gehobenem Niveau. Familiär, mit ein paar Ultras, die ihren Job im positiven Sinne der Sache machen. Selbst schlecht gelaunte Ordner gibt es an der Feuerbachstraße, wie auch ein klassisches Vereinsheim.

Überhaupt: Das Stadion ist Old-School, die Bewirtung freundlich, das Essen für Carnivoren sehr, sehr gut. Einziger Wehrmutstropfen an der TuRU: Bei großen Spielen, wie einst gegen Uerdingen oder jetzt gegen Wuppertal, spielt die Mannschaft aus Sicherheitsgründen am Flinger Broich. Und das ist schade. Deshalb gönnen wir der TuRU auch nicht den Aufstieg. Denn in der Oberliga gibt es noch genug Feuerbachstraßen-Flair. Das wäre eine Klasse höher wohl anders.

  • 1.) Rot-Weiß Oberhausen

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Ganz ehrlich: Würde es RWO nicht geben, hätte es auch keiner gemerkt. Und somit befinden wir uns bereits mitten in der Begründung, warum RWO den Spitzenplatz bekommt. Natürlich, sie haben Düsseldorfer wie Gladbacher schon einmal geärgert. Aber dass RWO mal ein größerer Club sein könnte?? Ausgeschlossen! Und das weiß auch jeder dort. Oberhausen ist die Erfindung des gemütlichen Ruhrgebietsfußballs mit einem Schuss Niveau. Statt Adiole (Essens Antwort auf diese “neumodische” Helene Fischer) ist das Vereinslied von einer Punkband. Das herrlich ironische “Oberhausen” von den Missfits läuft öfter als jeder “Zebra-Twist” in Duisburg, dabei schmeckt das König-Pilsener im Niederrhein-Stadion (was für ein Euphemismus) genauso gut wie in Duisburg. Und die Curry-Wurst liegt mit dem VfL Bochum im nicht lösbaren Streit um die Nummer Eins im Revier.

Und sportlich? Tja, zumindest ist es ehrlich und anständig. Selbst, wenn man inzwischen wieder mal nur Viertligist ist. Größenwahn der Provinz à la 1.FC Köln sucht man bei RWO vergebens. Geht auch gar nicht, mit dem Stadion. Aber immerhin ist die Uhr über der Gegengrade und die Aussicht auf das Gasometer sensationell. Und wenn dann noch hinter der Kanalkurve während eines gräuslichen Spiels ein Boot den dahinter liegenden Kanal entlang schippert und die Sonne langsam untergeht, dann weiße, wo du bist: In Oberhausen! Mehr common Sense in der Redaktion geht nicht!

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