Willkommen in Nordkorea, liebe DEL

img_1513In der Deutschen Eishockey Liga (DEL) wird gegen den Wolfsburger Trainer ermittelt. Was hat Pavel Gross getan? Den neuen Medienpartner wegen schlechter Arbeit kritisiert. Jetzt droht ihm eine Geldstrafe.

Die folgende Episode gehört mal wieder in die Kategorie. “Würde das im Fußball passieren….”: Seit dieser Spielzeit arbeitet die DEL mit der Telekom zusammen. Der Bonner Kommunikationsriese macht es nicht nur möglich, dass erstmals alle Spiele live zu sehen sind. Nein, er hat auch den Internetauftritt sowie das Geschäft mit den Statistiken übernommen, das, wie die DEL stolz verkündete, von derselben Firma kommt, die auch die tschechische Liga analysiert. Also ein echtes Eishockey-Land. Die offizielle Seite der Liga heißt nun “Telekom Eishockey”, genauso wie die offizielle App.

Ein echtes Statistikdebakel

Wäre allein dieses Ausliefern an einen Sponsor im Fußball undenkbar, würde das tatsächliche Angebot schlicht einen Skandal auslösen, der für den Boulevard von BILD bis Express ein gefundenes Fressen wäre. Natürlich ist es ein Quantensprung, dass jetzt alle Spiele zu sehen sind, bei der Fülle an Spielen ist es kaum jemandem zeitlich wie finanziell möglich, alle Spiele seines Vereins live vor Ort zu sehen. Aber der Rest des Medienangebotes kann wirklich noch nicht einmal mehr als jämmerlich bezeichnet werden. Mal die ganzen Kundenbeschwerden beiseite, die sich in der App nicht einloggen können, die zeitweise schlechte Qualität der Streams oder das Niveau einiger Kommentatoren, die schlechten Fanradios entsprungen zu scheinen, ein ganz anderer Punkt ist fast schon skandalös.

Die Telekom bietet so gut wie keine Statistiken: Das ist in einem Sport, in dem Zahlen und Fakten bis ins kleinste Detail zum Standard gehören, ein Witz. Mit Glück finden sich inzwischen die Scorerlisten und einige Torhüterwerte. Aber Time-On-Ice, Plus-Minus- sowie Über- und Unterzahlwerte der Clubs, gar Zuschauerzahlen? In den Produkten der Liga nicht zu finden. Und wenn, sind sie hin und wieder auch noch falsch. Nur auf einer versteckten Seite kann man die Spielberichte einsehen. Und selbst dann muss man noch vorsichtig sein – so kritisierten die Verantwortlichen der Grizzlys Wolfsburg, dass ihr Torwart in der Plus-Minus-Statistik auftauchen würde, obwohl die Torsteher von dieser ausgenommen sind. Auch gibt es keine einzelnen Werte pro Spieltag, sondern immer nur eine Gesamtzahl über die ganze Saison. Trends über einige Wochen lassen sich so kaum erkennen, rechnet man nicht zu Hause mit eigenen Tabellen. Das wird der ein oder andere Fan oder Journalist für seinen Verein tun, aber sicher nicht für alle 14 Vereine und hunderte Spieler, die alle paar Tage im Einsatz sind.

Im Fußball Grund für einen Shitstorm

Für Fans, die beim Eishockey gerne nerdig sind, ist das sehr ärgerlich. Für Trainer und Journalisten ist es sogar noch schlimmer, bilden die Statistiken doch eine Grundlage ihrer Arbeit. Entsprechend groß ist der Unmut, entsprechend beschwichtigt die Telekom und gelobt Besserung. Das Problem an der Sache ist nur: Allzu gnädig sollte man mit dem Bonner Konzern nicht sein. Er ist ja kein Angebot einiger Fans, er ist ein Milliardenkonzern und dürfte eigentlich genug Geld haben, von Beginn an eine anständige Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, ebenso war die technische Architektur vorhanden, arbeitet man doch mit der gleichen Übertragungsidee an der nicht minder an Statistik armen Basketball-Bundesliga.

Wie gesagt: Im Fußball würde sowas nicht passieren. Da wäre der Geduldsfaden der Betroffenen schon viel früher gerissen, und das Versagen – über etwas anderes reden wir hier nicht – hätte schon längst Konsequenzen. Aber im Eishockey ticken die Uhren anders. Das müssen jetzt die Wolfsburger Verantwortlichen feststellen. Der Manager des von VW alimentierten Clubs, Charly Fliegauf, kündigte an, das Statistikdebakel auf der nächsten DEL-Tagung anzusprechen. Sein Trainer Pavel Gross sprach auf einer Pressekonferenz von Statistiken auf Oberliganiveau, die hier angeboten würden und erklärte, wie ärgerlich das Ganze sei. “Die Leute, die solche Verträge machen”, schob er nach, “hätten wohl nicht so viel Ahnung.”

Teflonisierter Meinungsstalinismus der DEL

Diese Kritik hatte zum einen gesessen und war zum anderen auch überfällig. Anders als die restlichen Vereine, wo nur hinter vorgehaltener Hand über das schlechte Angebot getuschelt wird, sprechen die Wolfsburger Klartext. Dafür gebührt ihnen Respekt. Das zarte Pflänzchen Eishockey, das so langsam wieder zur seriösen Alternative zum Fußball heranwächst, kann durch so ein schlechtes Angebot nämlich großen Schaden nehmen, wenn schon die Stammkundschaft vergrault wird.

Doch was macht man bei der DEL? Statt den Ball aufzunehmen, um die Kritik in richtige Bahnen lenkten (man muss seinen Medienpartner ja in der Tat nicht so angehen wie ein Clubvertreter), tritt sie komplett in die Scheiße: So heißt es nun, werde gegen Gross ermittelt, im schlimmsten Falle droht dem Wolfsburger Trainer eine Geldstrafe. Womit wir wieder beim Fußball sind: Noch nicht einmal die DFL gönnt sich einen derartigen teflonisierten Meinungsstalinismus. Weiß sie doch: Bei der medialen Aufmerksamkeit die der Fußball hat, wäre der Liga negative Presse gewiss. So wie der DEL jetzt, die sich über Unverständnis, Wut oder Kopfschütteln jetzt nicht wundern sollte.

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