Gladbacher Baustellen

Die alte Anzeigetafel im Stadion von Borussia MönchengladbachIn der vergangenen Woche hatten wir uns mit den positiven Aspekten des Gladbacher Kaders auseinander gesetzt. Allerdings gibt es durchaus das ein oder andere Kritische, das es zu beachten gilt.

Wenn der Kollege Ullrich sagt, dass bei Borussia Mönchengladbach eine erkennbare Kaderidee vorhanden ist, herrscht da durchaus Einigkeit in der Gladbach-Fraktion des Halbganst-Blogs. Als Konzept intensiv auf Talent(e) zu setzen, kann niemand ernsthaft in Frage stellen. Vor allem nicht, wenn der- oder diejenige sich dann – ohne Ironie – als Fan der ‘Fohlenelf’ vorstellt. Die Forderung nach einem “rischtigen Knipser do vorne drin” ist die niederrheinische Version des Brexit: Hört sich am Tresen gelallt nett an, ist bei Licht betrachtet aber kompletter Schwachsinn. Und die Ginter-Rechnung haben wir ja schon durchexerziert.

Von Wankelmütigkeit und defensiven Salsatänzern

Ist die Kaderplanung also grundsolide, so bleibt doch ein nicht zu unterschätzender Aspekt der Saison 17/18: Die Ausschöpfung des Potentials. So gibt es, Yann Sommer und Lars Stindl einmal ausgenommen, etliche ‘Pegelentscheidungen’ in der Mannschaft: Je nachdem, wie dieses ausschlägt, wird man auf dem Rasen eine quicklebendige Fohlenelf oder eine Vorstellungsrunde von Ackergäulen zur ‘Umschulungsmaßnahme rheinischer Sauerbraten’ erleben. Eben diese Wankelmütigkeit in der Leistung hat im einfachsten Erklärungsmodell auch den internationalen Startplatz 2017 gekostet.

Bei allem Grund zum Optimismus aufgrund der konsolidierten Defensive: Jannik Vestergaard und eben Matthias Ginter sind keine Salsatänzer – bei hoher Verteidigung und Herausrücken auf den Flügel (bei womöglich angewandter Dreierkette) könnte es schon hüftsteif in der Gladbacher Hintermannschaft zugehen. Timothee Kolodziejczak fordert derweil seit einiger Zeit die De Jongs und Drmics der Borussenwelt um den Titel ‘größter Flop der Vereinsgeschichte’ heraus. Die jungen Mamadou Doucouré und Reece Oxford sind schwer einzuschätzen – derart, dass man eher realistisch planen und von ein paar Kurzauftritten über das Jahr verteilt ausgehen sollte. Am meisten Konstanz versprechen Oscar Wendt, Tony Jantschke und Nico Elvedi. Letzterer ist jedoch gerne für Aussetzer gut und muss dringend sein Stellungsspiel bei Kopfbällen verbessern.

Gefahr der zu hohen Leistungsstreuung

Im Mittelfeld ist Christoph Kramer gesetzt und es sollte tunlichst der Kramer der Rückrunde sein, um die Konstanz im Gladbacher Zentrum zu verkörpern. Tobias Strobl ist der biedere Backup, der besser nicht in die Verlegenheit kommt, fünfzehn Startelf-Pflichtspiele in Serie machen zu müssen. Dazu kommen Laszlo Benes und Denis Zakaria. Wer sich noch an Granit Xhakas Anfangsmonate erinnert, darf erwarten, dass trotz aller wunderbaren Pässe und Physis bei beiden in der Leistung mehr Streuung zu erwarten ist als auf der winterlichen Hindenburgstrasse. Wer jetzt den noch 17-jährigen Mickael Cuisance zur Garantie auf Platz 4-6 auslobt: Ça va bien?

Bleiben die Flügelspieler: Patrick Herrmann, Fabian Johnson, Ibrahima Traoré. Bei allen Sprints, intelligenten Läufen und Dribblings gilt hier leider auch allzu oft: Zehn Großchancen, dreimal Pfosten, ein Tor. Die destillierte Variante davon ist Jonas Hofmann. Verkannt, natürlich. Aber würde er alle seine Läufe und Passkombinationen mit kernigen Torabschlüssen vollenden, wäre er nicht von der falschen Borussia gen Vitusstadt versandt worden. Neuzugang Vincenzo Grifo wird sicher schöne Standards schlagen und damit vor allem Co-Trainer Dirk Bremser frohlocken lassen; aus Freiburg ist jedoch auch bekannt, dass man Grifo ‘auswärts gar nicht erst mitnehmen braucht’.

Der Sturm des harmlosen Grauens?

Im Sturm wird sich Trainer Dieter Hecking auf Stindl verlassen können. Doch werden die Muskelverletzungen von Raffael weniger? Macht Thorgan Hazard endlich den Schritt zum torjägernden Leistungsträger? Vielleicht erinnert sich Drmic hier sogar an den Geruch des Nürnberger Frühlings und wie man Tore mit links, rechts und dem Kopf produziert. Den Status des Bonusspieler stellt Julio Villalba dar, der den Kader vorne komplettiert und sicher noch einige Schritte von der ersten Elf entfernt ist.

Klingt alles furchtbar? Ist es nicht – keine Sorge. Bei einer Mannschaft, die als Neunter von der Mitte der Liga aus startet, muss nun aber auch die Kehrseite der Möglichkeiten und erhofften Ausschläge nach oben mehr als nur bedacht werden. Selbst wenn das Pendel bei einigen sicher nach unten schwingen wird, so wird es Heckings Aufgabe sein, dies über den taktischen Rahmen und das Kollektiv auszugleichen – stets eine Stärke des Systems Lucien Favre. Doch genau diese Ausrichtung im Mannschaftsverbund, die Gier auf Mehr und das Ablegen des ‘nett, aber harmlos’ der Vorsaison ist von Sportdirektor Max Eberl und Hecking erkannt worden. So gab Eberl “besser als Platz neun” als Ziel aus – für den Meister des Understatements ein forsches Auftreten. Der Trainer derweil merkte bei mehreren Anlässen in der Saisonvorbereitung an, dass er mehr Grelligkeit bei seinen Spielern sehen will. Bleibt dies die Konstante 2017/18, so werden die Talente auch am Maximum pendeln und die Brennpunkte fix gelöscht.

Foto: Groundhopping Merseburg (CC-Lizenz bearbeitet mit Pixlr Express)

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