Eine erkennbare Kaderidee

An dieser Stelle loben wir alljährlich Borussia Mönchengladbach für die eigene Entwicklung. Das kann im Grunde auch so bleiben, auch wenn vor dieser Spielzeit vieles anders ist.

Okay, die Testspiele waren von den Ergebnissen her eher bescheiden. Was auffiel: Nur beim Test gegen den belgischen Erstligisten aus Eupen konnte die Mannschaft mehr als ein Tor erzielen. Ob Viert-, Zweit- oder Erstligist – sonst blieb es bei keinem oder einem Tor. Bis zum Test gegen Malaga hat die Borussia bisher nur sechs Tore erzielt. Positiv formuliert: vier Tore gab es nach Standards, eine Schwäche der Vergangenheit. Negativ gesagt: in bisher 540 Minuten fielen nur sechs Tore.

Offensiv in den Tests noch ausbaufähig

Das ist offensiv so mau, dass gegen die durchgängig brauchbaren Gegner jenseits irgendwelcher Kreisligatruppen selbst die defensiv ordentlichen sieben Gegentore die Bilanz nicht retten. Insofern gibt es nicht wenige – vornehmlich in stil- und ahnungslosen Facebookgruppen – bei denen die Panik groß ist, die Borussia könne abstürzen. Nur wird sich dieser feuchte Traum Kölner und Düsseldorfer Fußballbeobachter sowie Gladbacher Pöbelapokalyptiker nicht erfüllen.

Warum? Weil der Kader in sich stimmig ist. Schieben wir nämlich mal die – wie auch in den Vorjahren – unwichtigen Testspielergebnisse beiseite und schauen nur auf die Spielanlage, zeichnet sich ein anderes Bild. Der Kader ist behutsam verändert worden. Statt auf eine glückliche Verpflichtung von Andreas Christensen zu hoffen, wurde das Kapitel des ehemaligen Leihspielers bis auf weiteres beendet. Stattdessen kommt Matthias Ginter im dritten Versuch nach Mönchengladbach.

Das Kapitel André Schubert endgültig beendet

Nur auf den ersten Blick wirkt Rekordausgabe von 17 Millionen Euro überteuert. Natürlich hat Ginter in Dortmund eher enttäuscht. Aber der BvB hat selbst in den Jahren nach Klopp weiter den Ansatz des Run-and-Gun-Fußballs gewählt. Für strategische Spieler wie Ginter ist das oft ein Problem. Rollt die Maschine – ganz Dortmunder Spiel-DNA –  rauf und runter, bleibt nicht viel Zeit, sich mit Ordnung auseinanderzusetzen. Dagegen ist die Grundordnung unter Dieter Hecking alles. Hier hat sich die Borussia wieder auf die Jahre unter Lucien Favre besinnt und das Kapitel André Schubert damit schnell hinter sich gelassen.

Daher passt Ginter. Seine Auftritte in Teams mit hoher taktischer Grunddisziplin waren bisher oft herausragend. Ob in der Nationalmannschaft oder beim SC Freiburg. Insofern ist der Kauf des international und national sehr erfahrenen 23-Jährigen nachvollziehbar. Sportdirektor Max Eberl hat hier entsprechend der sich über die Jahre entwickelten Gladbacher Spielanlage eingekauft, die in den Vorbereitungen unter André Schubert beinahe unter die Räder geraten wäre.

Eine stimmige Kaderidee

Dass es sowas wie eine Kaderidee gibt, die Gladbach-Fans an die verlässlichen Favre-Zeiten erinnert, zeigen die übrigen Transfers. Denis Zakaria ist ein Top-Talent aus der Schweiz, das absehbar eine neue körperlich und technisch starke wie stringente Position in der Mannschaft einnehmen kann. Damit unterscheidet sich der defensive Mittelfeldspieler vor allem in letzterem zu dem nach Dortmund abgewanderten Mo Dahoud.

Natürlich wird dem Fußballliebhaber seine butterzarte Ballbehandlung im Borussia-Park fehlen. Allerdings wird im Gegenzug kaum einer seine zu oft durchschimmernde Wurstigkeit und hängenden Schultern in schwierigen Lagen vermissen. Zakaria ist anders als Dahoud, aber wahrscheinlich die bessere Wahl, um an der Seite von Christoph Kramer die Spielidee der Borussia durchzusetzen. Und wenn es noch Zeit braucht: Mit Laszlo Benes gibt es für diese Position noch ein großartigen jungen Spieler, der einspringen kann.

Offensive wird sich noch steigern

In der Offensive dafür wirkt es auf dem Papier ebenso stimmig. Dafür steht das altbekannte Gerüst um den zuletzt überragenden Lars Stindl, Raffael, Thorgan Hazard, Patrick Herrmann, Ibo Traore oder Jonas Hofmann. Dass hierzu noch Vincenzo Grifo stößt, passt ins Bild. Er komplettiert diese Reihe, kann Einzelne ersetzen und erhöht dabei die unter Dieter Hecking geschätzte Gefahr durch Standards. Auch wenn man sich sicher fragen muss, wie lange Raffael mit 32 Jahren noch sein gewohntes Niveau halten kann – die Offensive der Borussia ist brauchbar besetzt, ebenso wie die Defensive.

Es gibt nicht viele Mannschaften in der Liga, die sich nachweislich erlauben können, einen defensiven Außenspieler wie Nico Schulz abzugeben. Was zunächst komisch aussah, ergab mit Blick auf den Kader dann doch Sinn. Mit Oscar Wendt, Fabian Johnson, Nico Elvedi und Tony Jantschke ist der Konkurrenzkampf jenseits des Zentrums zu groß.

Äußere Umstände sprechen für die Borussia

Zusätzlich beinhaltet der Kader noch aufregende Fragezeichen. Wie werden die U20-Spieler Reece Oxford, Mamadou Doucoure, Julio Villalba oder das 17-jährige Megatalent Mickäel Cuisance auftreten? Setzt sich nur einer als Überraschung auch in der Bundesliga durch, ist der Kader noch stärker. Das ist ein Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Die vergangene Spielzeit hat viel durcheinander gewirbelt. International spielen fünf Clubs, die dort wenige erwartet haben. Köln, Freiburg, Berlin, aber auch Hoffenheim oder Leipzig werden sich erst mit der neuen Situation anfreunden müssen. In Gladbach weiß man nur zu sehr, wie schwierig die Suche nach einer Balance ist, wenn es unter der Woche in Europa rangeht.

Hinzu kommen drei Clubs, die wie Gladbach ihre Ziele latent verfehlt haben. Schalke, Leverkusen und Wolfsburg verändern gerade viele Dinge, um wieder unter die ersten Sechs zu kommen. Eine Kaderkonstanz wie Borussia Mönchengladbach haben sie nicht. Außerdem hat sich Gladbach im Trainerteam um den Physiotherapeuten verstärkt, der in Dortmund und München nachgewiesen hat, dass Regeneration durchaus einen hohen Beitrag zum sportlichen Erfolg beitragen kann. Sollte Borussia Mönchengladbach also einfach nur konsequent und ruhig an der Spielidee der vergangenen Rückrunde festhalten, sollte der behutsam aber wirkmächtig veränderte Kader problemlos für einen Platz unter den ersten Sechs ausreichen. Von mehr zu träumen, verbietet sich nach Platz Neun der Vorsaison. Aber immerhin steht der Verein – wenn er die Ruhe behält – auch im sechsten Jahr in Folge vor einer eher erfolgreichen Saison.

15 Comments

Add a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.