Gewaltfreies Derby gegen die politischen Talibane

Gladbacher Fans im Kölner Stadion
Gladbacher Fans im Kölner Stadion

Am Sonntag steigt nach mehr als zwei Jahren mal wieder ein Derby im Rheinland: Der 1.FC Köln und Borussia Mönchengladbach treffen aufeinander. Mussten sich beide Seiten in den vergangenen Jahren mit dem “Methadon” Fortuna Düsseldorf anfreunden, darf jetzt wieder ordentlich gefixt werden. Vor allem sportlich wird es interessant. Zwar bleibt Gladbach Favorit, aber anders als in den Spielen der Vergangenheit gibt sich der Aufsteiger aus Köln nicht als naturgeborenes, fußballerisches Schlachtvieh. Die Kölner wollen nach drei Spielen ohne Gegentor beweisen, dass ihre Abwehr auch gegen die Bundesliga-Spitze sauber stehen kann. Sportlich verspricht das Spiel also endlich mal wieder etwas Spannung. Aber auch rund um den Platz wird es nicht minder interessant – ist das Spiel doch ein Härtetest für viele Dinge, die in den vergangenen Jahren schief gelaufen sind.

Zum Beispiel, ob der überbordende Hass zwischen beiden Seiten Bestand hat. Wir erinnern uns: Im Jahr 2008 – noch zu Zweitliga-Zeiten – klauten Kölner Ultras ihren Gladbacher “Kollegen” die Blockfahne. Seitdem war die eh schon nie ganz angenehme Stimmungslage rund um die Stadien noch angespannter, ist die Partie zwischen Gladbach und Köln stets mehr als ein Risikospiel. Der Fahnenklau hat in allen Fanbereichen zu einer gegenseitigen Ablehnung geführt, die sich nicht selten in Gewalt entlud. Selbst unter normalen Fans war die Stimmung – diplomatisch formuliert – gereizt.

Vielleicht war die zweijährige Trennung aus sportlichen Gründen daher vielleicht nicht das Schlechteste. Zudem gab es ja als Ersatz-Derby jeweils für eine Spielzeit die Fortuna aus Düsseldorf. Und zumindest in der Gladbacher Welt durfte man wieder lernen, wie angenehm es sein kann, auch mal ohne Schaum vor dem Maul zu einem Nachbarschaftsduell fahren zu können. Die Stimmung in der vorletzten Saison war angenehm, Scharmützel unter den Lagern eher die krasse Ausnahme als Regel. Einige Kölner berichten zumindest aus dem Rückspiel der vergangenen Saison ähnliches im Umgang mit den Düsseldorfern.

Von daher ist vielleicht auch beim großen Derby eine Entspannung möglich. Und die wäre wichtiger denn je, läuft doch in Nordrhein-Westfalen seit Saisonbeginn ein Pilotprojekt: weniger Polizei bei den normalen Spielen soll die Selbstverantwortung der Fans stärken. Bisher läuft das alles so, wie man es sich wünscht. Hier und da gibt es zwar immer noch kleinere Reibereien – wie zuletzt in Leverkusen beim Spiel gegen Bremen – ansonsten geht das Konzept auf. Der Lackmustest folgt nun am Sonntag. Zwar ist das Spiel als sogenanntes Risikospiel von dem Versuch des Innenministeriums ausgenommen, und die Polizei wird in großer Stärke vertreten sein. Doch läuft alles ruhig ab und wird der Umgang gesitteter: Es wäre das beste Argument gegen den Sicherheits-Wahn der politischen Law-and-Order-Fraktion.

Denn die ist immer noch fleißig unterwegs, den Fußball-Fan als brutales Monster zu stigmatisieren. So geschehen in dieser Woche im Düsseldorfer Landtag. Die CDU forderte eine verschärfte Meldepflicht für Fußball-Hooligans in NRW. Übersetzt: Für die Polizei soll es einfacher werden, auffällige Fans zu verpflichten, sich an Spieltagen ihres Vereins auf der heimischen Polizeiwache zu melden. Was in den Ohren der Sicherheitsfanatiker gut klingt, ist noch üblerer Populismus, als man schon gewohnt ist. Das vorgelegte Gesetz der Partei formuliert ein derart scharfes Melderecht, dass wir uns demnächst alle am Spieltag melden dürfen, wenn es die Polizei will. Zumal, was vergessen wird: Die geforderten Auflagen werden von der Polizei bereits seit Jahren praktiziert, nach Informationen aus der Praxis sogar mit Erfolg. Es braucht daher keine gesetzliche Korrektur. Das weiß man innerhalb der oppositionellen Landtags-CDU, der es offenbar nur um die reißerische Schlagzeile ging. Sozusagen ein Anwärmen für das “Blut-und-Hass-Derby”.

Von daher wären selbst kleinste Probleme am Sonntag kontraproduktiv. Es darf auf Teufel komm raus nicht zwischen den Fanlagern knallen. Dann nämlich könnten die “Taliban der Politik” wieder ihr Lieblingslied anstimmen: Das von der totalen Sicherheit, der totalen Überwachung und der totalen Sippenhaft (in diesem Fall für den Besucher eines Spiels). Das konservative Doof-Wähler-Milleu (schön besungen in “Der Tag wird kommen” von Marcus Wiebusch) muss schließlich befriedet werden, wenn “marodierende Fußball-Mörder”wieder das Gesellschaftsbild der in den 50ern stecken gebliebenen bestätigen. Von daher: nutzen wir am Sonntag die Chance, ihnen allen eins auszuwischen: Für ein hämisches, auch verbal rohes Derby ohne Gewalt und viel sportlicher Leistung beider Mannschaften; gegen Gewalt untereinander! Wenn die Stimmung aufgeladen ist, ohne zu explodieren, dann hatten wir alle ein schönes Derby, und die Scharfmacher von Politik und auch Polizeigewerkschaften können sich in den Schlaf weinen oder sich ein neues Spielfeld suchen (“Es ist an der Zeit, den Volksfest-Schlägereien die Stirn zu bieten”). (cu)

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