Fortuna, zukunftslos

Gibt derzeit jede Menge Anlass, zu philosophieren: Fortuna Düsseldorf
Gibt derzeit jede Menge Anlass, zu philosophieren: Fortuna Düsseldorf
Gibt derzeit jede Menge Anlass, zu philosophieren: Fortuna Düsseldorf

“Wie wollen wir leben?”, fragte vor vier Jahren der Schweizer Philosoph Peter Bieri in seinem gleichnamigen Buch. Im Kern eine Abhandlung, die der Frage nach geht, ob wir bloß Schauplatz oder auch Autor unseres Lebens sein wollen (und können). Runtergebrochen auf den schnöden Fußball ist die Antwort auf Bieris Titel stiftende Frage wohl das Einzige, was alle Beteiligten bei Fortuna Düsseldorf – auf und neben dem Platz, auf den Rängen und in den Foren – eint: “So nicht”! Denn der Verein liegt am Boden (oder rein tabellarisch betrachtet – er schwebt nur ganz knapp darüber). Das Jahr verläuft dabei längst nicht nur sportlich desaströs; es sind vor allem die Abtritte, Rausschmisse und Grabenkämpfe in den Führungsetagen der Fortuna, die kaum Hoffnung machen, dass der Club in naher Zukunft wieder in ein ruhigeres, ja vielleicht sogar erfolgreicheres Fahrwasser zurückkehren wird.


Im Moment sind es jedoch vor allem die wöchentlich wechselnden Misstrauensbekundungen unterschiedlichster Lager oder Personen, die den Eindruck erwecken sollen, hier wolle jemand die rot-weiße Autorenschaft an sich reißen: angefangen bei “alle gegen Kall”, darauf folgte “Aufsichtsratchef (AR) gegen Vorstand”, dann “Finanzvorstand gegen Aufsichtsrat”, “Ultras gegen Finanzvorstand” und zuletzt “Lumpis Erben gegen den Aufsichtsrat”. Die Betreiber letztgenannter Facebookgruppe verstehen sich scheinbar inzwischen als so etwas wie eine außerparlamentarische Opposition, deren Gegner – in diesem Fall der Aufsichtsrat – zum Handeln gezwungen werden soll. Notfalls wolle man dies mittels einer außerordentlichen Mitgliederversammlung erzwingen. Die dafür notwendige Unterstützung von zehn Prozent aller Fortunamitglieder glaubt der Zeichner eines an den AR gerichteten Briefs, der auf Auto-Unterhaltungselektronik spezialisierte Produktmanager Alexander Kappen, nach eigenen Worten “bei der aktuellen Situation problemlos erreichen” zu können. Bescheidenheit sieht anders aus.

Ein plump formulierter Appell

Ob Kappen wirklich glaubt, mit seinem Schreiben nicht nur Druck ausüben zu können, sondern auch den Geschicken des Vereins zu nützen, ist dabei eigentlich unbedeutend. Die einzige Relevanz dieses offenen Briefes liegt seiner Musterhaftigkeit für alle bislang vorgebrachten Positionierungen. Denn Kappens plump formulierter Appell offenbart vor allem ein weiteres Mal den Unwillen zur Zusammenarbeit. Gleichzeitig glaubt er, eine große Zahl von zustimmenden Fortunen hinzer sich zu wissen. Nach langer Zeit stärkt in persona Kappen mal wieder dem bei vielen – vor allem jungen – Fans schon vor Jahren in Ungnade gefallenen Paul Jäger den Rücken. Ausgerechnet Jäger. Dem derzeitigen Interimschef, dessen historische Leistung für den Fortbestand des vor 15 Jahren schon einmal totgesagten Clubs Fortuna Düsseldorf auch ich nicht in Abrede stellen will. Dessen Verantwortung für die jetzige aussichtslose Situation des Vereins Kappen qua Nicht-Erwähnen in seinem Text negiert.

Und so betont natürlich auch Kappen, dass es ihm nicht um persönliche Befindlichkeiten, sondern einzig um das Wohl des Vereins ginge und er dabei auch keine einzelne Person angreifen wolle (stattdessen greift er schlicht mehrere Personen auf einen Schlag an, aber wer achtet schon auf solche Details). Das mag zwar in seiner Form (mit der er es bis in den Express geschafft hat) bislang einzigartig bei Fortuna sein – inhaltlich ist es trotzdem das gleiche Kartendeck, das zuvor schon die Ultras mit ihrem Banner gegen Paul Jäger und Aufsichtsratchef Marcel Kronenberg mit seinem Facebook-Post gegen den Vereinsvorstand anlässlich der BILD-Aktion ausgegeben haben: Einer kriegt immer den schwarzen Peter und somit die Gesamtverantwortung zugespielt, während die eigenen Hände in Unschuld gerieben werden.

Im Kreis stehend, die Pistole am Hinterkopf

Wer eine solche Politik immer weiterbetreibt, dem muss auch klar sein, dass dabei der Verein, der einem angeblich dabei doch “ach so” am Herzen liegt, gleichzeitig in immer mehr untereinander missgünstig gesinnte Grüppchen gespalten wird. Wer darauf steht, einer Gruppe erwachsener Männer und Frauen dabei zu zusehen, wie sie im Kreis stehen und sich gegenseitig die – vielleicht, vielleicht auch nicht – geladene Pistole an den Hinterkopf halten, dem sei Géla Babluanis nervenzerreißend Thriller 13 Tzameti ans Herz gelegt. Doch das echte Leben ist kein Film. Sollten die derzeit um die Rettung der Fortuna zerrenden Protagonisten ihr Spiel in dieser Form fortsetzen, werden sie wohl mit ansehen müssen, wie der Schauplatz Fortuna untergehen wird, bevor überhaupt einer von ihnen als Sieger vom Platz gehen kann.

Welche Zukunft hat der Verein also? Wenn man den Zeitungsberichten der letzten Tage Glauben schenken darf, dann glaubt so manch professioneller Übungsleiter: keine, an der es lohnt, sich zu beteiligen. Und wer will es den Luhukays und Funkes der Republik übel nehmen, wenn sie in Sachen Fortuna abwinken? Nicht, dass ich persönlich sonderlich scharf darauf bin, einen der beiden zukünftig an der Seitenlinie stehen sehen zu wollen. Trotzdem offenbaren ihre Absagen an einen potenziell bald offen werdenden Trainerposten, wie schlecht es um die Attraktivität des Arbeitgebers Fortuna Düsseldorf derzeit bestellt ist …

Vorstandsprofil: Versöhnen statt Spalten

Die Entwicklungen der letzten Monate sind dabei nicht nur besonders unerfreulich, weil jeder angebliche Versuch, den Verein wieder auf den rechten Weg zu führen, ihm bislang im Ergebnis nur geschadet hat. Nein, sie ist besonders ärgerlich, weil die angeblich 4.000 Frau und Mann starke Zahl der Fans, die an einem Montag sich auf dem Weg nach St. Pauli gemacht hat, doch abermals eindrücklich belegt hat, dass dem harten Kern des Vereins längst nicht so viel an sportlichem Erfolg liegt, wie den Fans manch anderer Teams (bspw. die Fußballfreunde aus Sandhausen, Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg).

Wen also auch immer die vom Aufsichtsrat bestellte externe Kommission zur Findung eines neuen Vereinsbosses auftun mag, eine Fähigkeit muss diese Person neben aller fachlichen Kompetenz in jedem Fall mitbringen: Er (oder vielleicht auch sie) muss die tiefen Gräben zwischen den einzelnen, derzeit in der Öffentlichkeit agitierenden, Interessensgruppen wieder zuschütten können. Dass der sportliche Erfolg für viele Anhänger nicht komplett unwichtig aber oftmals doch sekundär ist, mag vielleicht die einzige Eigenschaft sein, die alle Streithähne derzeit vereint. An diese gemeinsame Leidensfähigkeit gilt es, zu appellieren.

4 Kommentare

  1. Ich verstehe das Anliegen Andreas‘ als gerade das: die Gräben insbesondere in den Vereinsgremien zuzuschütten und eine einheitliche Linie zu suchen. Insofern unterstütze ich seine Bemühungen. Nur so werden auch die anderen externen Gruppierungen wieder auf eine Linie eingeschworen.

    • Hey Okieh, toll, wenn es so ist und ich ihn einfach nur missverstanden habe. Ich habe aus Andreas Text vor allem Vorwürfe in Richtung AR gelesen – verziert mit einem Ultimatumsschleifchen oben drauf. Wenn er wirklich Gräben zuschütten möchte, dann hat er dafür einen recht provokanten Duktus voller Konditionalsätze gewählt. Mich persönlich hat das – wie auch schon die vorherigen Aktionen – abgeschreckt.

  2. Ich will gar keine Stellungnahm zu irgendwelchen politischen kontroversen machen.
    Aber egal wie schlimm die Lage ist und wer immer auch Schuld ist,solange eine Manschaft die solche Leistungen bringt bei einer Hauptversammlung mit Applaus begrüßt wird oder es einen Riesen Andrang bei Autogrammstunde gibt, glaubt doch keiner das die Fans es wirklich nicht mehr tragen wollen was da gerade passiert.

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