Fortuna, wir Opfer

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In der Farbe vereint – Fortunas Fans in Duisburg

„Immer diese Dazwischenrufer!“, möchte man fast meinen. Würden nicht ein paar ewige Querköpfe (wie dieser Blog) ab und an noch reingrätschen, es gäbe tatsächlich so etwas wie eine rot-weiße Meinungssingularität in der Stadt. Dann wären wir in Düsseldorf endlich mal wieder was Besonderes. Das Anti-Schalke sozusagen – ein Verein, bei dem sich alle einig sind. Worüber wir uns alle einig sind? Das hier zum Beispiel:

Die Vorkommnisse rund ums Stadion in Duisburg am vergangenen Freitag waren nicht nur schlimm, sondern sie waren auch gänzlich von der Polizei vor Ort verursacht und durch diese daher zu verantworten. So liest es sich Blog auf, Zeitung ab. Fortuna, wir Opfer – ein tolles Bild, das ja auch sogar der Vorstand zu teilen scheint.

Wir, der ewige Underdog, bei dem noch Punk im Stadion läuft und der daher mit gutem Gewissen und erhobenem Zeigefinger durch die Erstligasaison laufen konnte, um die Mainzs und Gladbachs angesichts ihrer Kirmeseinpeitscher(-musik) von Stadionunterhaltern zu tadeln, hat endlich mal wieder ein Alleinstellungsmerkmal. Wir, für die der plötzliche und dann auch gleich direkte Abstieg am Ende der Saison in Liga 1 eigentlich nur folgerichtig war. Denn sind wir mal ehrlich, das Oberhaus des deutschen Fußballs und wir Fortunen – das passte einfach nicht zusammen.

Die optimalen Schwiegersöhne werden wir nie!“, feierten ganz in diesem Tenor – den eigenen Bauchnabel betrachtend – sich die Ultras sich beim Heimspiel gegen Pauli dann auch mal wieder selbst. Tut ja auch sonst keiner. Und politische Banner sind ja eh schon länger nicht mehr erwünscht. Dann lieber aufs eigene Wohl Tapeten bekleben. Und wer sich trotzdem für eine gerechtere Asyl- und Abschiebepolitik stark macht, kriegt halt auf’s Maul. Warum sollte man die große Bühne Fußballstadion auch mal dafür nützen, sich für Andere und Belange außerhalb des Fußballs einsetzen? Das machen doch nur dumme Duisburger! Und warum überhaupt aufs Schlagen verzichten, wenn die höchste Strafe, die einem der Verein dafür aufbrummt, (ganz wie in der Grundschule) ein Umsetzen in die hinterste Ecke im heimatlichen Stadion ist? Auswärts sieht man sich ja eh wieder. Und da wird man sich der Probleme schon annehmen.

Ignorieren können wir

Und weil man in Düsseldorf all diese unschönen Vorkommnisse immer so richtig schön wegignoriert, fällt es auch so leicht, eine inzwischen so singuläre Sicht auf die Vorfälle beim Einlass in Duisburg zu erlangen. Nur um das mal ganz fett zu unterstreichen: Ich will keinem der körperlich und psychisch Versehrten vom Spiel in Duisburg eine Mitschuld an ihren Verletzungen geben oder die Handhabung der kompletten Situation durch die Polizei in irgend einer Form verteidigen. Dass das Sicherheitskonzept vollkommen schiefgelaufen ist, steht für mich außer Frage. Dass noch viel Schlimmeres hätte passieren können, auch.

Doch ich finde es fast schon unglaublich, dass Beweisvideos für das Fehlverhalten der Polizei rumgereicht werden, in denen die ersten 1:30, während denen auf dem Weg zum Stadion Bengalos gezündet und Böller in die Menge geschmissen werden, einfach ignoriert werden. Dass es Auswärtsreisende gegeben haben soll, die sogar auf einen Blocksturm gesetzt hatten, weil sie keine Stehplatzkarten mehr bekommen hatten, wurde am Tag des Vorfalls online noch kolportiert, danach aber nie wieder erwähnt. Schadet ja auch der selbst gewählten Geschichtsschreibung dieses Freitags im April.

Die Physik gilt nicht für Düsseldorfer

In der Physik folgt auf jede Aktion eine Reaktion. Wenn Fortuna Fans jedoch auswärts fahren, reagiert die Polizei vollkommen unabhängig von jeder Aktion, die der Reaktion vorausgegangen sein müsste. Zumindest scheint es so. Wir sind halt was Besonderes in Düsseldorf. So besonders, dass man auch nicht weiter darüber spricht, dass das größte Momentum, das die Mannschaft auf dem Rasen an den Tag gelegt hatte, unmittelbar nach dem 1:0 Führungstreffer der Duisburger entstand und durch die nächste Böller-/ Pyroaktion im Stadion und die darauf folgende Spielunterbrechung völlig zerstört wurde. Die üblichen Hassblogger (derzeit nicht verfügbar) der Stadt adelten diesen Moment sogar anschließend mit dem Titel „Tradition“. Die Frage, ob die Unterbrechung des Spiels nicht ebenfalls für die darauf folgende Auswärtsniederlage in Duisburg mitverantwortlich war, bleibt bislang ungestellt (es bleibt zu vermuten, dass es auch ein Ausdruck von „Tradition“ war, den letzten verbleibenden Böller beim Auszug aus dem Stadion und über den Köpfen der eigenen Fans zu zünden).

Wir sind eben Fortuna Düsseldorf, wir können echt alles.

Abschied von der Arroganz

Und so ist es auch irgendwie gar nicht mehr verwunderlich, dass die größte Extrawurst im Stadion wirklich meint, sich in der Position zu befinden, „Einigkeit“ unter den Fangruppen fordern zu können: „Egal ob Kutte, Ultra, Allesfahrer, Hooligan oder “einfach nur” Fortuna-Fan. Holt auch noch das letzte Quentchen Kraft aus euch heraus, egal wie tief die Wut oder Enttäuschung sitzt.“ Wow! Da fühlt ich mich richtig gut abgeholt…

Oder eben nicht. Denn wenn es erst eines Beinahe-Abstiegs bedarf, dass Forderungen nach mehr Zusammenhalt laut werden (oder wenn erst Leute aus unseren eigenen Reihen durch falsche Polizeistrategien in Gefahr gebracht und verletzt werden müssen), dann stimmt so einiges nicht mehr im Verein. Klar, nicht viel auf die Meinung Anderer zu geben, war immer schon fast so etwas wie der Raison d’Être dieser Stadt (und folgerichtig sechs Jahre lang auch Regierungsstil einer ihrer OBs). Doch am Ende schadet diese Haltung Verein wie Fans wie der Mannschaft auf dem Platz. Und das ist nun mal gar nicht mehr besonders. Außer vielleicht besonders bescheuert…  

3 Kommentare

  1. Du bist ja ein richtiger Fortuna-Hater.
    Eines verstehe ich nicht. Warum ist es wichtig, ob Bengalos gezündet wurden, wenn wir vor den Eingangstoren nur knapp einer Katastrophe mit Toten und Schwerverletzten entgangen sind? Was ist daran so „unglaublich“?

    • Weil die Frage, was das absolute Fehlverhalten der Polizei überhaupt erst ausgelöst hat, nicht gestellt wird. Wäre die ganze Scheiße ohne Böller und Pyros vorher vielleicht einfach nicht passiert? Ich weiß es nicht, kann aber für mich sagen, dass ich wenige Minuten vor der großen Gruppe Fans am Stadion angekommen bin und dabei eine der entspanntesten Auswärtsanreisen in meiner Zeit mit Fortuna erlebt habe. Und da war ich nicht der einzige.

      Nochmal: dass es derart gefährlich wurde, hat nur die Polizei zu verantworten. Aber, dass die Polizei nicht zum Vorteil für die angereisten Auswärtsfans auf Pyros und Böller reagieren wird, müsste auch dem Letzten klar sein. Trotzdem wird auf diese Nummer nicht verzichtet. Warum? Weil vielleicht das eigene Ego dann halt doch über Verein, Mannschaft und den anderen Fans um mich rum steht? Für mich ist es tatsächlich „unglaublich“, dass dieser Aspekt bei der Diskussion um die Vorfälle in Duisburg einfach unerwähnt bleibt. Darüber zu sprechen, würde ja nicht die Schuldfrage der Polizei gegenüber schmälern.

  2. Lieber Oliver dein Kommentar bestätigt das was hier beschrieben wurde voll und ganz.
    Wir „normalen “ Fans sind eine dreiviertel Stunde vor Spiel beginnt problemlos ins Stadion gekommen. Auch unser Sohn der ca. 15 Minuten nach uns auf den Stehplatz kam sagte keine Probleme……Natürlich habe ich mich über das Polizeiaufgebot gewundert auch der Wasserwerfer war gewöhnungsbedürftig. Allerdings als dann die Ultras ca. 20 Minuten nach Spielbeginn in den Steh-Sitzplatzbereich stürmten wurde es ehrlich ungemütlich……Nur Schmähgesänge,Bengalos,Böller Schlägerei im Oberrang nach wilder Provokation und Beleidigung der eigenen Fans weil sie nach dem 0:2 keine Lust mehr hatten die Mannschaft bedingungslos anzufeuern.
    Zum Schluß noch eine Situation die für mich die geistige Entwicklung der Ultraschall widerspiegelt. Auf der Damentoilette stehen und dort in die Ecken pissen weil die Herrentoilette drei Schritten weiter entfernt war spottet jeder Beschreibung.
    Einfach mal über sein eigenes Verhalten nachdenken und die Verantwortung für dasselbige übernehmen.
    Quot vadis Fortuna!!!!!

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