Dreiundzwanzigster April Zweitausendundfünfzehn

Andreas Lambertzt steht auf dem Platz gegen 1860 München
Nicht die ewige 17
Andreas Lambertzt steht auf dem Platz gegen 1860 München
Nicht die ewige 17

Bis zum heutigen Tag war ich mit einer Illusion verheiratet. Ein festgefahrener Irrglauben, der sich in den letzten elf Jahren stetig zu einer großen Seifenblase aus Ahnung, Lüge und Träumerei entwickelt hat. Heute platzte das gute Ding. Auf die Frage wann es mit Fortuna und mir losging, lautete die Antwort bisher in etwa so: „Ich war schon in der Oberliga dabei, 2003/04 muss das gewesen sein. Mein Kumpel Holger hat mich mitgenommen: Von wegen echter Fußball. Ehrliche Bratwurst und kaltes Bier. Ich war sofort verliebt. Eine Che Guevara-Fahne, knapp 1.000 Vollbekloppte, die einfach nicht das Maul halten wollten: AGAINST MODERN FOOTBALL mit Cassius Clay. Und das Wiedersehen mit einem lieben alten Freund, den die meisten mit Hain ansprachen, ich kannte immer nur Michi. Das Spiel muss schlecht gewesen sein, kann mich nicht mehr erinnern. Hinter mir auf der Tribüne gab es die Glaskiste für VIPs in der Thomas Berthold die Stirn runzelte und vor mir saß, kaum zu übersehen Holger „der Lange“ Fach. Gegner weiß ich auch nicht mehr, Ergebnis eh nicht. Aber eines, das weiß ich noch ganz genau, kein Vertun. Irgendwann wurde gewechselt und rein kam ein kleiner mit blondiertem Irgendwas aufm Kopf. Der lief wie ein rollendes Ei und schien mächtig zu große Schuhe zu tragen. Aber das, was er machte, machte er gut. Ich fand den Kerl direkt super und er wurde das, was vor ihm Lothar Matthäus nicht schaffen konnte: mein Lieblingsspieler!

„Das ist doch scheiße, ey!“

Seitdem gibt es wohl keinen Spieler der Fortuna, den ich öfter angefeuert, innerlich getröstet und auch angemeckert habe. Einmal, das war beim FSV Frankfurt, man verlor 0:2, kam Lumpi schimpfend und fluchend zur Kurve, als er meine Hand nahm sagte ich nur: „Macht nix, Jong. Nächstes Mal wird besser!“ Und er nur: „Das ist doch scheiße, ey!“ Ich hab immer noch Pipi in den Augen, wenn ich an diesen Moment denke. Wat’n Typ!
Und klar, dann ist da München rot und dieser Moment in dem dir alles aus der Hose fällt. Da „rennt“ der Mann auf diesen Riesen von Torwart zu, macht das, was keiner erwartet. Er schießt nicht, nein, er legt sich den Ball zu weit vor. Da kann auch der Manu nicht mehr. Und dann natürlich noch dieses 3:3 gegen den rostigen HSV, allein der Pass zuvor auf Callias mit anschließendem Lumpi-Hecht … Und vor allem all die Grätschen und Balleroberungen während des gegnerischen Konters: Danke Lumpi!!!
Immer wenn ich auf Fortuna angesprochen werde, gibt es diese Geschichte – mit wenigen Variationen garniert. Der Tag als Lumpi in mein Leben trat, hatte einen klaren Ablauf, den ich für immer so weiter erzählen würde. Was an der Geschichte wirklich stimmt, ist, dass mein Leben mit Fortuna auch mein Leben mit Lumpi bedeutet. Scheißegal, dass da nicht alle Pässe ankommen. Auch egal, dass das Stellungsspiel eher so lala war. Der Mann hat die meisten Sohlen abgelatscht und mehr Kräfte gelassen als jeder andere. Ohne Lumpi keine 1. Liga!

Wunsch und Wirklichkeit

Als heute die Schreckensnachricht a.k.a. der Paukenschlag über den Ticker donnerte, dachte ich nur: Naja, wenigstens kommt er wieder und geht in Würde. Irgendwie war es schon länger klar, dass die alten Zeiten vorbei sind. Und: Lumpis Abgang zieht da jetzt den Schlussstrich – auch wenn Axel bleibt.
Zeit für mich mit der alten Illusion aufzuräumen: Heute habe ich nachgeschaut und festgestellt, dass ich nie bei ’nem Oberliga-Spiel der Fortuna war. Mein erster Besuch am Flinger Broich datiert auf den 26.11.2004. Regionalliga Nord. F95 vs. Werder Bremen (A). Endstand 1:3. Andreas Lambertz spielte von Anfang an und wurde nicht eingewechselt. Es war saukalt und es regnete. Das Spiel war sicherlich trotzdem scheiße, Berthold runzelte die Stirn, Fach saß im Weg, über 1.000 Vollbekloppte waren laut und über allem wehte AGAINST MODERN FOOTBALL.

Über den Autoren: Julien lebt und arbeitet zurzeit in Frankfurt/a.M., wo er nach seinem Studium u. a. in Düsseldorf und Lille landete. Der angehende Winzer kommt vom Theater, arbeitete als Dramaturg in Frankfurt und Göttingen und als Regie-Assistent unter anderem am Düsseldorfer Schauspielhaus und wurde von Halbangst Redakteur Holger mit dem F95-Virus infiziert.

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