Fortuna: Das PR-Monster im Designermantel

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Die Pommesbude der DFL

Im Grunde ist der Fall Kerem Demirbay ziemlich einfach gelagert. Im Spiel beim FSV Frankfurt schießt der 22-Jährige zwei Tore und leitet damit eine Trendwende ein. Und ganz nebenher führt er sich sichtlich Scheiße auf, macht den Klischee-Macho und wird von der Schiedsrichterin nach einem Altherren-Spruch a la DFB-Präsidium vom Platz geschmissen. Und damit die Herren selbigen Verbandes trotzdem weiter gut schlafen können (trotz katastrophaler Frauenförderquote im Verband), wird Demirbay für drei Spiele gesperrt und kriegt noch zwei Spiele Bewährung oben drauf. Das mag man viel finden, muss es aber auch nicht. Und der Spieler? Entschuldigt sich – natürlich breit erklärt durch den Verein – und stellt sich in die Bußerecke.

Damit sollte die Nummer durch sein. Ein paar feuilletonstische Anmerkungen später, die an den Realitäten im Verband nichts ändern werden, sollte die Sache vergessen sein. Aber in der Geschichte fehlt eine Konstante: die Öffentlichkeitsarbeit von Fortuna Düsseldorf in der Kombination mit Paul Jäger. Als wenige im Verein zeichnen sich beide durch hohe Verlässlichkeit aus, das Ding dann doch noch irgendwie schlimmer zu machen. Alles fängt schon bei Paul Jäger an, dem derzeitigen Behilfs-Vorstand der Fortuna. Hätte er sich an das oben beschriebene Szenario gehalten, gäbe es gar nichts zu schreiben. Hat er aber nicht.

So sprach sich Jäger schnell dafür aus, dass er für die Entwicklung von Demirbays Frauenbild gut sei, wenn dieser ein Mädchenspiel pfeifen würde. Klar, ein guter erster Gedanke. Aber das lernt man in der PR, im Journalismus aber auch auf Entscheiderebene: Der erste naheliegende Einfall ist meist der falsche. Greift er oft zu kurz, ist er wenig durchdacht oder einfach zu platt. Daher sollte man diesen Gedanken stets noch einmal überdenken. Meist kommt was Besseres heraus. Ignorieren kann man das Ganze natürlich, wenn man – klassisch Populist – mehr Bock auf die schnelle, geile Schlagzeile hat, ohne Rücksicht auf Verluste. Dann verhält es sich andersrum. Dann lebt man vom ersten Gedanken und treibt – wie Paul Jäger – den eigenen Club beharrlich in neue PR-Schlamassel.

Doch natürlich ist selbst so etwas kontrollierbar, wenn man eine gute PR-Abteilung hat. Dann hätten die Verantwortlichen die Situation zu nutzen gewusst, Demirbay in einen Trainingsanzug gesteckt, ein D-Jugendspiel pfeifen lassen und nachher noch schöne Bilder gemacht, wie der Spieler mit den Mädchen im Vereinsheim abhängt und sie zum nächsten Spiel gegen Braunschweig einlädt. (Natürlich zwei Tage später mit Vorher/Nachher-Fotos  vom Spieltag und üppigen Fanartikel-Gaben – verteilt über alle Kanäle) Auf so eine Idee, die Nummer auszuschlachten, die einem der Kurzzeit-Boss eingebrockt hat, kann man kommen.

Aber wir sind bei Fortuna – und daher läuft alles anders. Am Samstag feiert sich der Verein dafür ab, dass Demirbay im modischen Mantel und feinsten Schuhwerk frisch von der “Kö”, ein Mädchenspiel gepfiffen hat. Doch die So-wird-das-gemacht-Postings gehen erwartbar in die Hose. Warum? Weil es natürlich massiv inszeniert aussieht. Weil jemand, der die Sache ernst meint, nicht unbedingt den edlen Zwirn als Büßergewand wählt. Und weil einem klar sein sollte, dass die meisten Menschen nicht unbedingt wissen, dass Jugendspiele gerne mal von Eltern in Straßenklamotten gepfiffen werden müssen. (Wobei ich noch nie jemanden in solchen Klamotten hab pfeifen sehen.)

Und somit hat Fortuna jetzt den Shitstorm an der Backe. Natürlich kann man jetzt (in diesem Fall auch ein wenig berechtigt) über die hysterische Netzinquisition jammern. Doch dieser Reflex lenkt von dem eigentlichen Problem ab: dass der Verein auf sämtlichen Ebenen schlecht aufgestellt ist. Weder ein Paul Jäger noch die Akteure der PR-Abteilung besitzen das Format für einen solch großen Club. Daran sollte Fortuna den Hebel ansetzen. Denn die ganze Nummer hat auch Auswirkungen auf den Sport. Oder kann sich irgendwer vorstellen, dass Kerem Demirbay, ein junger Spieler, noch großes Vertrauen in die Fähigkeiten des Arbeitgebers hat? Wohl eher nicht, wenn die PR-Abteilung nicht einmal mehr die ganz einfachen Reflexe ahnt und Spieler somit nicht genügend schützen kann.

Foto: Klaus Nahr, veröffentlicht unter Creative Commons, bearbeitet mit pixlr-express

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