Schland unverlogen

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Schland-Schönheit

Wollen wir doch einfach mal mit etwas Positivem auf den Start dieser Europameisterschaft schauen: Zumindest in meinem privaten Lebensraum war so wenig “Schland” wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Kaum Autofähnchen auf der Straße, der Bürgersteig erstaunlich frei von Schwarz-Rot-Geil-Halsketten und Nivea-Giftstoffe-Gratis-zum-Deo-Trikots. Sollte die Diktatur von Tanja, Ingo und Anja tatsächlich ein Ende finden? Nach zehn Jahren, als mit der WM 2006 der real existierende Sponsoren-Stalinismus der Fanmeilen ausbrach?!

Ja, es scheint fast so, dass diese EM eine erstaunlich normale werden könnte. Keine Hysterie, keine Gute-Laune-Blase in Schland, die ein paar unangenehme Randerscheinungen ordentlich wegignoriert hat. Wie zum Beispiel solche Ausschreitungen in Marseille oder dem hunnenhaften Auftreten manch deutscher “Fachkraft” in Lille. Jap, Ladys and Gentlemen – nämlich genau das ist auch Fußball.

Warum wundern “wir” uns?

War halt nur zwischen Oliver Pocher, Fan-Club-Nationalmannschaft powered by Rheinmetall und Fanmeile mit Alkohfrei-Exzessen nicht aufgefallen. Wo die ganze Schlanderei aber nach dem WM-Titel nicht mehr ganz so hip ist, wundern “wir” uns auf einmal. Über die brutalen russischen Schläger, die keinen Hool-Kodex kennen. Über die englische (nicht britische) Fußballlaune, Turniere auf dem Kontinent nicht ausschließlich zum ausgiebigen Sonnenbad zu nutzen. Über die französische Polizei, die mit ihrer üblichen Selbstüberschätzung vollends in das Fiasko rennt (“Was sind schon Infos anderer Länder wert?”). Über deutsche Grobschlächter, die mit Pickelhauben hinter der flandrischen Grenze sitzen und die “Nummer eins der Welt sind wir” (Singt doch gleich eure “richtige” Strophe!) Und über Nazis aus Dresden und Dortmund, die mitten in Lille die Reichskriegsflagge hissen.

Ja, über all das sind “wir” jetzt alle erstaunt. Nur, das Ganze hat einen Haken: Es war nie anders. Es war auch nie besser oder schlimmer. Es ist einfach so, wie es ist: Die großen Turniere sind (mindestens seit den 80ern) auch die Festspiele der Hools und rechter Idioten. Die Grenzen des guten Geschmacks sind bei dieser EM noch lange nicht unterschritten. Es kommen noch ein paar Spiele, die zeigen werden, wie stark Fußball und ein solches Verhalten noch immer zusammenpassen. Wie immer halt, wenn es im Westen des Kontinents ein Länderturnier gibt.

Zu lange ignoriert

Es fällt halt dieses Mal nur auf – das ist der Unterschied. Vor allem in Zeiten, in denen Populisten und politisch gravierende Fehleinschätzungen der großen Mitgliedsstaaten die Europäische Union, die großartige Idee des Miteinanders, zu einem Scherbenhaufen zertrümmern. Da fühlen sich Biedermeier, Hools und Nazis noch mehr ermuntert, es sich mal so richtig “gut gehen zu lassen”. Vor allem weil es mit absinkender Schlanderei jetzt sichtbarer ist, was in den vergangenen Jahren zwischen Coca-Cola, Mercedes und McDonalds gut versteckt wurde.

Was sich nun rächt. Hätte man nur ein wenig, ein ganz klitzekleines Bisschen genauer durch das Dickicht des Party-Schlandtums geschaut, würde man jetzt nicht so hilflos starren, würde lockerer aber auch in der Konsequenz härter mit solchen Abgründen umgehen. Aber man hat ja die Hinweisgeber, die immer wieder angemerkt haben, wie weit weg dieser “moderne Fußball” von der Wirklichkeit ist, als Miesepeter abgestempelt. Aber diese Miesepeter haben halt schon einmal in deutschen Auswärtsblöcken gestanden, in denen noch die alte Hymne ge- und Thilo Sarrazin besungen wurde. Da konnte der Fan-Club-Nationalmannschaft noch so viele Ringelpiez-mit-Anfassen-Heimspiele machen, der harte Auswärtsmob der Mannschaft war und ist weiterhin in großen Teilen ziemlich fies.

Weniger Schland, mehr Hinschauen

Aber was hilft es, sich jetzt darüber zu freuen, Recht behalten zu haben? Im Grunde sollten wir nach vorne schauen. Vielleicht kommen wir in Sachen Fußball mal runter, schlucken nicht jeden Marketingscheiß und betrachten das schöne Spiel und die unangenehmen Begleiterscheinungen etwas nüchterner. Dann kriegen wir es vielleicht wirklich eines Tages hin, dass der Sport frei von Hools, Nazis und sonstigem Gesocks ist. Insofern könnte diese Europameisterschaft dann doch noch was Gutes haben: Sie wäre ein Weckruf zur richtigen Zeit.

Foto: Steffen Voß, geändert mit Pixl-Express

4 Kommentare

  1. Lieber Steffen,

    Die Hype Situation hast Du größtenteils richtig beschrieben, aber was fällt auf: „die Antifahnen“-Spinner von grüner Jugend bis Modelinks, die echt Linksextremen der ANTIFA ausgeblendet- auch die sind bei Fussball dabei und stellen ein echtes Problem für unsere Gesellschaft (nicht für die Fussballszene) dar. Da sprichst du im Beisatz leicht menschenverachtend „Gesocks“ und meinst wie Gabriel „das Pack“ – die deutsche Unterschicht. Wenn Rechte von AFD bis NPD das bei Flüchtlingen ähm. Flüchtenden tun, ist das böse böse Bei dir ist das ok ???? Leute als Gesocks zu diffamieren? Düsseldorfer Modestadt Arroganz auf der Seite Salonkumministen und Agenturensöhne?
    Die ganze Wählbare Linke ist in Europa in der Krise und was solche offen linksorientierten Kommentare angeht, muss ich sagen- zu recht. Das hat nichts mit F95 oder BMG zu tun:Denn linke Fans sind wahrhaft keine besseren Menschen…und weil ihr Hipster in Lille fehltet, muss ich sagen, ich hab euch nicht vermisst ! Die 15.000, die da waren haben, gut.

    Eure Irlandtrikots hab ich nicht so herbeigesehnt und ich war nicht der einzige.

    Wenn du, Steffen, meinst, dass Fussball im seelenlosen Konsumtempel auf einem Rübenacker in Reydt besser ist, kann ich als Bochumer nur schmunzeln. Und das hat nichts mit Perl dem Schieber von 2011 zu tun!
    Gestern waren die Kneipen im Lille cool. Deutsche, Französische und Englische Fans haben gemeinsam Fussek geguckt. Die kurze Rennerei auf der Strasse ein Medienhype, die paar Naziossis auch.
    „Fussball echt“ erlebe ich sowohl in Bochum und auch in Frankreich….
    Ihr nicht? Schade.

    Gruß aus Köln

    Tom, CB’93

    Tom

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