Es ist Rassimus, Baby!

Schweizer Fans jubeln bei der WM 2010 in Südafrika
Schweizer Fans (Rechte: jung & frei)
Schweizer Fans jubeln bei der WM 2010 in Südafrika
Schweizer Fans (Rechte: jung & frei)

In Länderspielpausen lernt man viel über andere Nationalmannschaften. Vor allem, wenn einem die eigene ziemlich am Allerwertesten vorbei geht. So schaut man dann hauptsächlich auf die Truppen der eigenen Vereinsspieler, insofern sie nicht für den DFB auflaufen. Als Fan von Borussia Mönchengladbach steht dabei vor allem die Schweiz im Blickpunkt. Dort spielen nun einmal Torwart Yann Sommer und der defensive Mittelfeldspieler Granit Xhaka – wie auch bei der Borussia – eine tragende Rolle. Außerdem hat die Schweiz noch den zusätzlichen Reiz, dass der Gladbacher Erlöser von Abstiegskampf und sportlichem Sumpf mit Lucien Favre ebenfalls aus unserem südlichen Nachbarland stammt.

Doch wer aufmerksam die Berichterstattung über die Schweizer “Nati” verfolgt, sollte sich verwundert die Augen reiben. Im Umfeld des Spíels gegen Estland herrschte und herrscht wohl auch danach noch eine Debatte über die Zusammenstellung des Kaders. Nicht darüber, ob von dem einen Verein zuviele oder zuwenig dabei sind (in Deutschland im übrigen bekannt unter der ewig dummen Bayern und – je nach Jahrzehnt – Gladbach-Bremen-Dortmund-Diskussion). Nein, in der Schweiz geht es um viel gewichtigere Fragen. Nämlich um die Herkunft der Spieler. Und dann noch nicht einmal um die Ausgewogenheit zwischen deutschsprachigen Schweizern (zum Beispiel Sommer) oder Spielern aus der französischen Schweiz (zum Beispiel Favre). Alleine das ist für den proeuropäischen Verstand schon etwas seltsam zu begreifen.

Die Debatte greift tiefer: Es geht um die so genannten “Secondos”. Das sind die Kinder der Zuwanderer, die in der Schweiz aufgewachsen sind und jetzt  in der Nationalmannschaft eine tragende Rolle spielen. Xhaka ist so ein Secondo, aber auch Spieler wie Xherdan Shaqiri oder der Frankfurter Haris Seferovic. Sie haben “Urschweizer” Spieler (gibt es so etwas überhaupt?) wie Tranquillo Barnetta oder Pirmin Schwegler aus dem Team verdrängt. Das wiederum nutzte der Rechtsverteidiger (eine Position mit Pointe) Stephan Lichtsteiner für Kritik an den Secondos. Diese hätten nun das Sagen im Team und man müsse aufpassen, die Identifikationsfiguren nicht zu verlieren, gab der Juventus-Spieler zu Protokoll. Zwar wolle er damit kein Votum gegen Mitspieler mit Migrationshintergrund abgeben, aber – was soll es – er macht es so ja irgendwie trotzdem.

Interessant an der Geschichte ist – zumindest auch hier wieder für den Nichtschweizer – dass Lichtsteiner zwar ein unagenehmes Gespräch mit den Nationaltrainer Petkovic hatte, beim 3:0 gegen Estland allerdings trotzdem auflaufen durfte. Auch spricht man in der Schweiz lediglich von Irritationen. Ich kann mir vorstellen, dass dies in einigen Ländern inzwischen anders laufen würde. Im Grunde gehört Lichtsteiner – ob guter Spieler oder nicht – aus dem Kader geschmissen. Denn zum einen haben Frankreich und die Niederlande schon oft gezeigt wie sinnlos der Ethnien-Streit in einer Mannschaft ist. Zum anderen: Hey, es ist Rassismus. Zunächst einmal, weil Lichtsteiner anscheinend ein Problem mit der Herkunft seiner Mitbürger hat. Außerdem unterstellt er seinem eigenen Nationaltrainer Rassismus, wenn er davon ausgeht, dass Schwegler und Barnetta keine Chance mehr hätten, weil sie “Eingeborene” sind. Wer ein bisschen die Bundesliga beobachtet, weiß, dass es durchaus Leistungsgründe gibt, die beiden nicht mehr zu nominieren. Aber egal wie man es wendet: Es ist eine unsägliche Debatte, die im modernen Fußball nichts zu suchen hat.

Es sei denn, man will gerne als Idiot darstehen. In Deutschland wird die Debatte über die Herkunft der Spieler zwar auch geführt. Allerdings beschränkt sich das auf extrem rechte Kreise und die Bild-Zeitung, wenn mal wieder ein Spieler die Nationalhymne nicht mitsingt (und es so macht wie Millionen Menschen die Schulz, Müller oder Ullrich heißen). Beileibe nicht die nettesten und fortschrittlichsten Gruppierungen, die Herr Lichtsteiner in Deutschland mit seinem Blödsinn ansprechen würde.

Foto: jung & frei, unter creative-commons-lizenz, bearbeitet mit pixlr-express.

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