Das sportlich bedeutungslose Oldschool-Turnier

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Euro in Lens

Am Ende dieser Europameisterschaft brach es dann über den Fußball herein. In den Tagen nach dem Ausscheiden der DFB-Mannschaft, dem Ende einer möglichen Schland-Final-Partygefahr, war für viele die Zeit zum Durchatmen. Und so häuften sich die Kommentare, dass mit dieser Europameisterschaft der Anfang vom Ende des überdrehten Turbokommerzes in der sportlichen Monokultur “Fußball” begonnen habe: Zuviele langweilige Spiele, keine EM-Euphorie im Gastgeberland, auch nicht in Deutschland und erst Recht kein taktischer Fingerzeig auf den Fußball der Zukunft, hieß es hier und da.

Zumindest werden diese Ansichten mehr und mehr prominent vertreten. Dabei reden wir nicht von Ewald Lienen, dem vermeintlichen Altlinken, der immer was zu Stänkern am Kommerz findet, aber einst als Spieler das Kunststück fertig brachte, bei einem Wechsel von der ersten in die dritte Liga von einer Flucht aus dem Geschäft zu sprechen, aber dann in Duisburg mehr verdiente als in Gladbach (Was zu einem erhellendem und ausführlichen Hintergrund im Buch des ehemaligen Gladbacher Managers Helmut Grashoff führte.). Nein, wir reden von einem großartigen Interview der Marke “habe fertig”, das Gladbachs Ex-Trainer Lucien Favre bei Spiegel Online gegeben hat und von der “Zeit”, die kurz vor dem Anpfiff des Finales “Das Ende des Hypes” gesehen haben wollte. Nimmt man die eigentlich nicht mehr vorhandene Schland-Fanmeilen-Euphorie dazu, mag man glauben, dass es mit dem Irrsinn tatsächlich vorbei ist.

Keine taktische Innovation bei diesem Turnier

Wir bei Halbangst müssten also eigentlich fröhlich sein, da wir jetzt fein die Zeigefinger ausstrecken könnten, um zu sagen: “Seht ihr, wir hatten recht”. Aber ist es wirklich schon so weit, dass das Ende der “Hysterie” tatsächlich eingetreten ist? Ist unsere Haltung zum modernen Fußball auf einmal Mainstream? Und – viel wichtiger – war diese Europameisterschaft wirklich so schlecht, wie sie gemacht wird?

Zumindest hat Lucien Favre recht, dass von diesem Turnier kein positives sportliches Signal ausgeht. Im Vergleich zu Turnieren wie dem 2004 in Portugal, als neben dem beeindruckend ergaunerten Turniersieg Griechenlands sich auch ein schöner Fußball Bahn brach (man erinnere sich an das Wahnsinnsspiel Niederlande gegen Tschechien) oder 2014, als sich die Dreierkette wieder als taktische Möglichkeit zeigte, war das Turnier in Frankreich eigentlich bedeutungslos. Es wird das erste Turnier seit langem sein, das keine taktische Innovation bereit hielt.

Zu viel schlechtes Coaching

An Überbelastung durch den aufgeblähten Modus kann es eigentlich nicht liegen. Wer sich über zu viele kleine Mannschaften mit zu niedrigem Leistungsniveau bei dieser EM ärgert, sollte sich vor Augen halten, dass es bei einer WM zum einen mehr Spiele gibt, und zum anderen noch kleinere Manschaften auf niedrigerem Leistungslevel auflaufen. Island, Ungarn oder Nordirland haben sicher ein deutlich höheres Niveau als Honduras, Trinidad-Tobago oder Iran.

Allerdings ist es schon erschreckend, auf welch taktisch schwachem Niveau agiert wurde. Wenn schon der klügste Coachingschachzug des Turniers von Antonio Conte kommt, der aus einer grobschlächtigen, gedanklich langsamen italienischen Auswahl mithilfe einer klugen Defensivtaktik eine brauchbare Mannschaft macht, erahnt man, wieviel Taktisches von dieser EM hängen bleiben wird. Dass es keine 4-4-2-Pressing-Revolution, eine 3-5-2-Etablierung oder eine Tiki-Taka-Dominanz gab, lag vor allem an den Trainern der formal besten Teams.

Wilmots, Löw, Hodgson und die taktischen Fehlgriffe

Nur drei Beispiele dafür: Marc Wilmots bewies mit Belgiens vermeintlicher Wundermannschaft, wie wenig er von Taktik versteht. Roy Hodgson vermochte es nicht, eine spannende englische Mannschaft mit Innovation wach zu küssen und rooneyte in den Abgrund. Und Joachim Löw bewies gegen Italien, dass er die Dreierkette nicht versteht, und die Abwehr so spielen ließ, als gesellten sich zu einem zentralen Mann zwei Außenspieler.  Dass es am Ende gut ging, somit inhaltlich berechtigte Kritik ins Leere lief, lag zum einen an der Qualität der DFB-Spieler. Aber auch daran, dass Italien vielleicht nicht so gut war, wie man nach den Siegen über das taktisch derangierte Belgien und das untergehende Tiki-Taka-Spanien glaubte.

Man könnte folgende These aufstellen: Wäre es zu einem Finale Deutschland gegen Belgien gekommen, mit Trainern wie Favre, Mourinho, oder von mir aus auch Klopp, an der Seite beider Teams, es hätte uns eventuell ein fußballerisches und taktisches Spektakel sondergleichen ewartet. Selbst, wenn man anerkennt, dass die Top-Clubs in Europa den meisten Nationalmannschaften in Kadertiefe und -qualität überlegen sind: Das mangelhafte Coaching ist vielleicht DIE sportliche Erkenntnis des Turniers. Nicht wenige Topverbände werden sich ihr Personal am Seitenrand noch einmal genauer anschauen müssen.

Keine Götterdämmerung für die Hysterie

Soweit der sportliche Aspekt. Doch da bliebe noch der ausbleibende Hype in Frankreich. Ist das schon eine Götterdämmerung für den modernen, durchkommerzialisierten Profifußball? Daran wollen wir hier bei Halbangst nicht glauben. Warum auch. Die Fernseheinnahmen werden weiter sprudeln, die Stadien in den Ligen voll bleiben. Auch werden der Bundesliga die Fans nicht weglaufen, obwohl es RB Leipzig in die Liga geschafft hat. Und in England wird weiterhin das große Rad gedreht und die Champions-League weiter DER Club-Wettbewerb bleiben.

Ein Signal des Endes geht von Frankreich nicht aus. Eher ein melancholisches. Das Turnier wird für lange Zeit eines der normalen und angenehmen bleiben. Durch die Terrorgefahr und die wirtschaftliche wie politische Lage in Frankreich hat es schon euphorischere und attraktivere Gastgeber gegegeben, in die man als temporärer Mode-Fußballfan reist. Durch das daraus resultierende Ausblieben vieler Event-Touristen tummelte sich in Frankreich eine Menge old-schooliges.

Ein kurzer Ausflug in die Welt von “Italia 90”

Das mag man im Falle der Krawalle in Marseille durch Hools aus England und Russland mit Recht übel finden. Auch das Auftreten mancher deutscher “Fachkräfte” mit Pickelhaube in Lille war schlimm. Aber jenseits dieser Geschichten bleiben viele schönen Momente hängen. Zum Beispiel diese, in denen man eine Menge Bier mit Leuten aus allen Himmelsrichtungen trank und selbiges Getränk in Bannmeilen, vorbei an den Maschinengewehren lächelnder Polizisten, schmuggelte. (man glaubt gar nicht, wie schrecklich alkoholfreies Carlsberg für 6,50 Euro schmeckt, da hilft nur ziviler Ungehorsam.) Um es kurz zu machen: Soviel “Italia 90” war für die Fans in Europa lange nicht.

Selbst die “Schland-Meilen” in Deutschland passten sich der Realität an. Wo noch vor zwei Jahren bei einem Gruppenspiel gegen Ghana ein “Oliver-Bierhoff-Ringelpitz mit Anfassen” herrschte, der bei jedem wirklichen Fan einen veritablen Brechreiz auslöst, war es dieses Mal ganz pragmatisch. Der Besuch orientierte sich an der Bedeutung des Spiels. Dass die Kneipen und Meilen bei einem Viertelfinale gegen Italien und einem Halbfinale gegen Frankreich aus allen Nähten platzen, ist schon in Ordnung. Und, dass gegen die Ukraine oder Nordirland kaum was los ist, nennt sich normal, und nicht “enttäuschend”.

Mehr muss und wird bald wieder mehr sein

Doch dieses “weniger ist mehr” wird am Ende nur eine Pause von der überdrehten Fußballshow sein. Weder von UEFA noch von der FIFA hört man Anerkennung für diese ursprünglichere Stimmung. Die drei kommenden Turniere stehen auch weiterhin überhaupt nicht infrage. Und niemand im Verband übt offene Kritik an Oliver Bierhoff, der wandelnden VWL-Vorlesung des DFB. Im Grunde war Frankreich nur eine kleine Unterbrechung, an die wir noch gerne denken werden. Spätestens, wenn RB Leipzig bald für seinen frischen Fußball medial hochegelobt wird, wie einst die TSG Hoffenheim, die Premiere League 40-Millionen-Transfers zur durchschnittlichen Zielmarke erklärt, man an die Weltmeisterschaften in Russland und Katar denkt und sich den irrsinnigen Qualifikationsmodus für die kommende Europameisterschaft (mit dem urdemokratischen Spielort Baku) anschaut, dann wird man sehen: An Frankreich 2016 werden wir uns noch lange positiv erinnern – zumindest als Fan.

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