Eine Frage der Wahrnehmung

Ich hätte es eigentlich besser wissen müssen, schließlich hatte ich die nötigen Erfahrung ja schon in der Unterstufe gesammelt: Einmal achtlos eine nicht mehrheitsfähige Meinung ausgesprochen, schon war ich die nächsten drei großen Pausen Ziel von Spott und Pöbelei. Dass meine Eltern kein RTL empfangen wollten und ich nur deswegen Knight Rider weder gut noch schlecht finden konnte, störte damals keinen bei seiner Meinungsfindung über mich. Zwanzig Jahr später beging ich bei einem kleinen Flurplausch im Büro den Fehler, zu erwähnen, dass ich eigentlich nichts gegen Pyros im Stadion einzuwenden habe, wenn man denn ordentlich damit umgeht.

Klar war es blöd und recht naiv, das so leichtfertig und uneingeschränkt auszusprechen. (Ich hatte zwar noch auf das regelmäßige, kontrollierte Abfackeln von Signalfeuern bei der Düsseldorfer EG hingewiesen, was im Nachhinein wohl aber auch ein Fehler war – wer sich verteidigt, hat sowieso unrecht)

Vier Tage später fand ich mit einem kleinem Gruß versehen obigen Artikel auf meinem Schreibtisch. Spekulatius im Juli. Mehr Konjunktive hätte auch Johannes B. Kerner nicht in einem Artikel zusammentragen können. Ein Balljunge HÄTTE von einem Bengalo getötet worden können, WÄRE da nicht das Netz gewesen. Der Täter ist VERMUTLICH der und der, aber auf dem Beweisvideo ist das alles so schlecht zu erkennen. Oder anders: 30 Zeilen auf kleiner Flamme warm gehaltene HALBANGST. Dabei war das Hinlegen des Artikels sicherlich noch nett gemeint: Als Pyromane abgestempelt, hatte die Kollegin zumindest die Hoffnung, mich noch bekehren zu können. Und es ist auch wirklich schlimm, dass ich das hier extra festhalten muss: Natürlich bin ich gegen ein Abbrennen von Pyrotechnik, die andere gefährdet. Ich halte es für absolut asozial mit den Dingern zu werfen, wenn sie noch brennen. Aber dass solche Einschränkungen nicht zählen, weiß jeder Fußballfan, der sich ab und an auf Auswärtsfahrten verirrt. Jeder Opa, der sich bei der Diskussion über Fahrtüchtigkeitstests für Senioren über die Beschneidung seiner Bürgerrechte beklagt, hat noch nie im Zelt vorm Leverkusener Auswärtsblock gestrippt oder ist bei RWE von einer Hundertschaft vorsichtshalber bei der Ankunft eingekesselt worden. Denn natürlich haben wir alle Böller in der Unterhose und wollen nichts anderes, als uns mit den Essenern prügeln – auch wenn wir unsere fünfjährige Cousine an der Hand haben und Karten für die Haupttribüne besitzen.

Wenn ein Fußballfan Mist baut, müssen alle anderen die Suppe auslöffeln. Wenn wochenlang in den Medien vom Skandalspiel von Düsseldorf gesprochen wird, kann die landläufige Meinung nur die sein, dass am Niederrhein ausschließlich asoziale, kinderhassende Feuerteufel ihren Verein anfeuern. Und wer für seine Meinungsfindung nur auf die Infotainmentprogramme von ProSieben und der ARD zurückgreift, geht damit sicher, seine eigene Meinung niemals hinterfragen zu müssen.

In Johannes B. Kerners Namen. Amen.

(bw)

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