Die verzockte Meisterschaft

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Ein Schluck aus der Historie

Wenn man Mönchengladbach-Fans fragt, wann sie vor der Favre-Ära zuletzt eine Zeit hatten, in der sie mit Erfolg, Spielstil und Mannschaft im Einklang waren, landet man schnell beim Namen Bernd Krauss. Vor 23 Jahren übernahm der ehemalige Spieler die Borussia. Damals, im November 1992 war von dem Glanz der Vergangenheit nichts mehr geblieben. Zwar hatte der schillernde Rolf Rüssmann schon den Posten als Geschäftsführer übernommen, allerdings fehlte es noch an einer neuen Spielidee, einer Mannschaft jenseits des Mittelmaßes, ein Team mit Ausstrahlung. Die damalige Zeit war mit der vor Favre vergleichbar. Statt europäischen Ansprüchen zu genügen, wirkte man selbst neben dem VfL Bochum, dem damaligen Titelträger “Grauer Maus”, wie ein Mauerblümchen. Wenn die 70er nicht gewesen wären, die Borussia hätte eine ähnlich große Existenzberechtigung in der Liga gehabt wie Saarbrücken, Rostock oder Wattenscheid.

Hinzu kam, dass man langsam merkte: Mit dem Bökelberg als Stadion – bereits damals schon schrammelig, schön aber unzeitgemäß – und auch mit dieser Mannschaft würde es bald abwärts gehen Richtung Bedeutungslosigkeit. Die Jahre der Grashoffschen Austerität nach bester Schwabenart (und das durch einen Norddeutschen) zeigte ihre Wirkung. Die Trainer hießen Wolf Werner, Gerd vom Bruch (heute einer der besten und fairsten Spielerberater) oder Jürgen Gelsdorf, der es 1992 fertigbrachte, ein Pokalfinale gegen einen Zweitligisten aufgrund einer Defensivtaktik zu verlieren. Und dann kam Bernd Krauss. Er war der Impuls, heraus aus der schleichenden Agonie.

Die Etablierung der Viererkette

Stabilisierte der damals mit 35 Jahren sehr junge Trainer in den Spielzeiten 92/93 und 93/94 die Mannschaft im Mittelfeld, kam es zu Beginn der Spielzeit 94/95 zu zwei bedeutsamen Entscheidungen. So hatte sich zunächst Stefan Effenberg derart in der damals noch von Helmut Kohl mit Saumagen geführten Öffentlichkeit diskreditiert (als er bei der WM 94 deutschen Fans den “Finger” zeigte), dass er für umgerechnet 3,8 Millionen Euro zu haben war und “Lust” auf (sportliche) Heimat hatte, weil man ihn zumindest dort eher die Taten der jüngeren Vergangenheit vergeben würde. (“Nach Gladbach fahre ich sogar mit dem Fahrrad.”) Entsprechend bekam das in sich gewachsene Team um inzwischen gestandene Spieler wir Wynhoff, Pflipsen, Neun und Hochstätter einen Anführer.

Das war zum anderen allerdings noch nicht einmal das wichtigste Element des Gladbacher Aufschwungs in den 90ern. Hinzu kam eine bahnbrechende Entscheidung von Bernd Krauss. Er entschied nach einigen Tests, die Viererkette mit der Saison 94/95 endgültig zu kultivieren. Jene Verteidigungstaktik, die niederländische Fußballer vor keinerlei intellektuelle Herausforderungen mehr stellte, für das pummelige, deutsche Wohlstandsköpfchen allerdings bis dato ein Buch mit sieben Siegeln geblieben war. Krauss jedoch erkannte, dass er mit Patrick Andersson einen Innenverteidiger internationaler Oberklasse im Kader hatte, der das System verstehen würde. Und für Spieler wie Jörg Neun oder Thomas Kastenmeier sollte das Leben als Außenverteidiger die Welt noch schöner machen. Und während sich der Stammtisch sicher war, dass die Gladbacher zur Belustigung des tristen Seins scheiterten, machte die Krauss-Truppe das Gegentei: Sie etablierte mit der taktischen Neuerung den Modernen Fußball in der Bundesliga. Schon die Saison 94/95, in der man den Pokal holte und Fünfter wurde, war ein Fingerzeig.

Die Spitzensaison 1995/96

Entsprechend hoch war die Erwartungshaltung vor der Spielzeit 95/96. Nicht wegen großer, neuer Transfers. Im Gegenteil: Die durch den Abgang von Heiko Herrlich eingenommene Kohle wurde nicht wirklich in nachhaltige Neuzugänge gesteckt. Von “Granaten” wie Max Huiberts oder Michael Sternkopf findet man in der Vereinschronik eher Einträge unter dem Kapitel, wie Rolf Rüssmann die Kohle verbrannte, als unter irgendwelchen sportlich relevanten Notizen. Aber insgesamt war das auch nicht so schlimm: Die bestehende Truppe war menschlich (zu) homogen, eingespielt und taktisch ihren Gegnern voraus. Wer Hoffnungen auf einen neuen Titel hatte, der sollte so falsch nicht liegen. Sportlich brauchte sich die Borussia hinter den Starensembles aus München oder Dortmund nicht verstecken.

Am Ende wurde es ein vierter Platz, souverän eingespielt ohne große – zumindest bekannte –  Friktionen. Die Mannschaft befand sich in ihrem Zenit, dem ein schlimmer Kater mit zweiter Liga folgen sollte. Gerade in den Favre-Jahren hat sich bei mir eine Sache festgesetzt: Hätte man unter Krauss und Rüssmann nur annähernd so perspektivisch und vor allem professionell gearbeitet wie heute, es wären Gladbach düstere Jahre erspart geblieben. Der Verein wäre mindestens die dritte Kraft in Deutschland. Ich gehe so weit: Wären Gladbach und Dortmund Mitte der 90er auf dem Boden geblieben, die Liga müsste heute nicht über die allzu dominanten Bayern weinen. Die gäbe es qua Konkurrenz nämlich in dieser Form nicht.

Unterm Strich: Massives Underperforming

Um es ganz ehrlich zu sagen: Ließ mich die “Ära Krauss” oft zumindest in dem schmalen Glauben, zumindest etwas bessere Zeiten persönlich erlebt zu haben – vor allem, wenn man sich mal wieder an der Grubenleuchte des Tabellenkellers und den Tiefen schlechten Profifußballs wärmte – blicke ich heute nur noch mit Wut auf diese Zeit zurück. Vor allem die Saison 1995/96 – die bis zum Auftreten Favres beste meines aktiven Fanlebens – ist eigentlich beschämend. Wenn man die hohen Maßstäbe des Profifußballs ansetzt, ist es eigentlich eine Frechheit, dass diese Mannschaft nicht um die Meisterschaft mitspielte, respektive sie geholt hat. Bedenkt man, dass Patrick Andersson, Stefan Effenberg oder Martin Dahlin schon damals international in einer Gewichtsklasse spielten, die heute binnen Sekunden einen 40-Millionen-Scheck aus England zur Folge hätte. Oder man nehme das Gladbacher Grundgerüst dieser Zeit um Jörg Neun, Christian Hochstätter, Uwe Kamps, Peter Wynhoff, Karl-Heinz Pflipsen, Martin Schneider, Michael Klinkert oder Thomas Kastenmeier. Eine unbegreiflich große Dichte an überdurchschnittlichen Bundesliga-Profis, die auf höchstem Trainingsniveau in ihrer Eingespieltheit nicht zu bezwingen waren.

Genau diese Mischung brachte es fertig, 2:3 bei Fortuna Düsseldorf zu verlieren – eine Partie, symbolisch für den damaligen Fußball der Marke Gladbach. Gegen eine Mannschaft, die sich damals noch nicht einmal im Ansatz bemühte, Erstliganiveau zu erreichen (“Methode Ristic is gute Methode”), verlor man mit Ansage. Hauptsache man zeigte bei den Ordnern Flagge mit der Faust, als diese einem den Weg in die Kabine versperrten. Ähnliche Eindrücke sollten auch Niederlagen wie das 2:4 gegen Aufsteiger St.Pauli, die 0:4 Klatschen in Karlsruhe und bei 1860 München hinterlassen. Ganz zu schweigen vom 0:5 in Stuttgart. Aber das war ja egal: Konnte man sowas ja mit dem ersten Bundesliga-Sieg bei den Bayern übertünchen und Siegen zur richtigen Zeit. Ein gutes Pony springt halt so hoch, wie es muss. Nur 53 Punkte reichten am Ende zu Platz vier. Zum Vergleich: In anderen Jahren braucht man für den gleichen Platz in der Regel 60 Punkte.

Torkelnd durch die Latte gelaufen

Doch sprang das Pony überhaupt über die richtige Höhe? In der Rückschau gesehen: nein! Auch wenn viele immer noch diese Zeit als puren Rock’n’Roll verklären, der einem Gertjan Verbeek Spaß gemacht hätte, muss man festhalten: Mit einem Trainer wie Verbeek wäre die Borussia mindestens Zweiter geworden. Glaubt man alten Trainingskibitzen, wäre man mit egal welchem anderen Übungsleiter besser als Platz vier geworden. Krauss hatte zwar die Viererkette erfolgreich vermitteln können, doch läuft auch heute noch unter dem taktischen Spitznamen seiner komplizierten Trainingsformen, die sein sonstiges “Können” kritisch untermalen. Heißt Krauss doch bei manch einem 11gegen11 (Nicht zu verwechseln mit dem legendären ÖlfgegenÖlf), wieder andere haben ihn unter 5gegen2 verbucht. Und was manch ein Nachtschwärmer der damaligen Zeit über die Mannschaft denkt, soll hier nicht erwähnt werden.

Eine seltsame Zeit also. Vielleicht mussten die mittleren 90er Jahre einfach so sein? Aber wenn man ehrlich ist mit sich als Fan, der gerne verklärt, und mit der eigenen Mannschaft: Der Tabellenplatz der Saison 1995/96 war ganz in Ordnung. Ein Anlass zur Freude ist er nicht. Und die vermeintlich so geile Truppe mit dem so innovativen Trainer war am Ende der von Manager Rüssmann überbezahlte Haufen, in der die Beinahe-Pleite der Borussia ihren Anfang fand. Hätten sie wenigstens die Meisterschaft geholt. Aber wie es kaum anders zu erwarten war: Im Verzocken war man damals groß und vor allem sehr konsequent. Kein Wunder, dass von denen heute niemand – selbst  aus der Peripherie dieser Mannschaft – noch irgendwas im Verein zu melden hat. Wahrscheinlich ist es besser so!

3 Kommentare

  1. Waren Neun, Schneider und Wynhoff und auch Kamps wirklich überdurchschnittliche Spieler? Ein Hochstätter wahrscheinlich schon und an guten Tagen sicherlich auch ein Pflippsen. Aber die anderen Spieler haben doch sicherlich sehr von der Stabilität, die Anderson ausstrahlte und von den Führungsqualitäten eines Effe profitiert. Sonst hätte ein derartiger Absturz zum Ende der 90er durch die vielen „überdurchschnittlichen“ Spieler vermieden werden müssen.
    Dein Artikel ist aber eine gute Mahnung an den Irrglauben, dass es- wenn es einmal positiv läuft – automatisch so weiter geht und eine schöne Erinnerung an eine Zeit wo der Bökelberg fast immer ausverkauft war und es nach tristen Jahren zu Beginn der 90er wieder Spaß machte in der Nordkurve zu stehen.

  2. Friktionen gab es (wohl) auch in dieser Zeit, insbesondere das Gehaltsgefälle innerhalb der Mannschaft war ein Problem.
    Zu den Ausflügen in die Gladbacher Altstadt: Mich wundert nur, warum die in dieser Zeit in der Gladbacher Altstadt unterwegs waren, wenn es schon jeden Gymnasiasten in der Zeit, der was auf sich hielt, nach D oder K gezogen hat.

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