Die Unverhandelbaren

Bei Borussia Mönchengladbach sinken die Spielzeiten für zwei wichtige Spieler. Immer lauter wird gemurmelt: Verlassen Tony Jantschke oder Patrick Herrmann irgendwann mal den Verein?

Berti Vogts wird es wohl ewig bleiben: Der Rekordspieler des Vereins. Mit 419 Bundesligaspielen wird er so schnell nicht vom Thron zu stoßen sein. Übersetzt man diese Zahl in Jahre, müsste ein Spieler in zwölfeinhalb Jahren sämtliche Ligapartien für die Gladbacher bestreiten. Im heutigen Fußball ist sowas nahezu undenkbar.

Aus dem Internat zu den Profis

Da sind die 183 Spiele des 27-Jährigen Tony Jantschke und die 205 Spiele des zwar unwesentlich, aber dennoch jüngeren Patrick Herrmanns durchaus beachtliche Zahlen. Erst Recht, wenn man bedenkt, dass Ersterer seit der Demission Lucien Favres hin und wieder auf der Bank Platz nehmen muss, und der andere in seiner Karriere schon mit mehreren schweren Verletzungen zu kämpfen hatte und zeitweise länger ausfiel.

Jantschke und Herrmann sind damit Sinnbilder eines Vereins, der sich ohne Investorengelder in diesem Jahrzehnt nach oben gearbeitet hat. 2011 war die Perspektive für die Gladbacher eher Sandhausen und Heidenheim. Durch Favre, aber auch durch die beiden genannten Spieler spielten jedoch Barcelona, Manchester und Turin vor. Als der Schweizer Ausnahmetrainer kam, wurde aus schon bestehenden Rohmaterialien ein Fundament gegossen, auf das der Verein auch heute noch bauen kann.

Der Saarländer Herrmann und der Sachse Jantschke sind diesen Weg von Beginn an mitgegangen; schafften den Sprung aus dem Gladbacher Jugendinternat in die Champions League. Damit ist eigentlich alles zu dieser Geschichte erzählt. Im idealen Verein beenden beide ihre Karriere da, wo diese begonnen hat; man hätte dauerhafte Ikonen, die in der Tradition eines Haki Wimmers, Uwe Kamps oder Berti Vogts stehen würden (wobei der Letztgenannte durch seine einst ätzende Kritik an Max Eberl teilweise und mit Recht in Ungnade gefallen ist).

Anacronismen des modernen Fußballs

Wir befinden uns jedoch im modernen Fußball, in dem Fluktuation eine große Bedeutung hat. Außerdem waren selbst die treusten Seelen nie vor Wechseln geschützt. Jupp Heynckes flüchtete einst zeitweise nach Hannover, Herbert Laumen war auch nicht immer bei der Borussia, Wolfgang Kleff spielte sogar bei Fortuna Düsseldorf – von Netzer oder Bonhof ganz zu schweigen.

Dass sich überhaupt in diesem Jahrtausend Spielerfiguren wie Jantschke und Herrmann herausbilden konnten ist schon Anachronismus genug. Allerdings sollten trotzdem die Alarmglocken schrillen, wenn jetzt die Gerüchte beginnen, dass Patrick Herrmann über einen Wechsel zumindest nachdenke.

Bei allem sportlichen Verständnis – hat Herrmann sicher nicht mehr die Position im Kader, die er noch vor einigen Jahren hatte – Borussia Mönchengladbach kann sich einen Abgang der beiden eigentlich nicht erlauben. Solange wir sportlich lediglich darüber reden, ob es hier und da mal auf die Bank geht und nicht ein dauerhafter Platz außerhalb des Kaders reden, wäre ein Abgang von nur einem der beiden fatal.

Warnendes Beispiel Düsseldorf

In der aktuellen Gemengelage der Liga, die ihrem seelenlosen Höhepunkt zusteuert (eine Meisterschaft RB Leipzigs kann aktuell nicht ausgeschlossen werden – Hoffenheim hat Champions-League-Qualifikation gespielt) sind die Gladbacher ein konstant wohltuendes Element. Das merkt man als Fan besonders daran, dass vielerorts der Eindruck eines beständigen Kaders vorherrscht, obwohl Sportdirektor Eberl dem Verein schon diverse (oft auch unbemerkte) Umbrüche verordnet hat.

Der Grund dafür liegt in den Figuren: Mit Patrick Herrmann und Tony Jantschke wirkt alles so, als sei es noch das wilde Projekt eines kleinen Clubs, der unabsichtlich nach oben gespült wurde. Natürlich ist er das nicht mehr, aber solche Emotionen sind für Klubs wichtig. Man frage nur mal Fortuna Düsseldorf oder die Düsseldorfer EG. Nachdem dort Lumpi Lambertz oder Daniel Kreutzer nicht mehr Teil der Mannschaft waren, ging eine Menge Identifikation verloren. Diese Lücken zu füllen, war oder ist schwerer, als es die Betroffenen dachten. Für Borussia Mönchengladbach sollten Tony Jantschke und Patrick Herrmann erst einmal unverhandelbar bleiben. Zumindest so lange, bis sich deutlicher eine neue Generation mit neuen Figuren herausgebildet hat.

 

Add a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.