Die Ultras und der Jäger Paul

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Kompletter Neuanfang

Den ganz großen Knall haben sie dann bei der Fortuna (vorerst) abwenden können. Durch den Sieg gegen Bielefeld kann vor allem die sportliche Abteilung durchatmen. Eine Niederlage: wer weiß, ob Trainer Frank Kramer oder Sportdirektor Rachid Azzouzi nicht unter starken Druck geraten wären. Und dann gelten die Gesetze des Geschäftes nun auch in Düsseldorf: Nach zehn Spieltagen weiß man nämlich in der Regel, wo die Reise hingeht. Und wer nach zwölf Spieltagen nur sechs Punkte gehabt hätte, der hat ein Problem. Spätestens dann wäre der Trainer im Fokus. Aber durch den Sieg gegen Bielefeld gibt es mindestens eine Woche weitere Ruhe. Wer weiß, vielleicht schafft die Fortuna ja über den Kampf – wie gegen die Arminia – eine Trendwende zum Positiven.

Soweit zum aktuell ruhigsten Part im Verein. Sonst wirken Nachwehen des geordneten Rückzugs von Vorstandsboss Dirk Kall: Wer wirklich glaubt, mit dem Abschied Kalls verschwänden auch sämtliche Probleme, der sieht sich getäuscht. Das zumindest belegt eine Stellungnahme von zahlreichen Fanclubs der aktiven Szene. Viele der Ultras sind nämlich noch lange nicht beruhigt. Vor dem Spiel am Freitag gab es via Internet eine klare Positionierung, die sich im Stadion durch einen leiseren Support samt Banner mit dem Wort “Neuanfang” über dem Stimmungsblock 42 fortsetzte.

Nehmen sich die Ultras zu wichtig?

Manche hatten nach dem Sieg deshalb leichte Verschnupfung, warfen den Ultras vor, sich selber wichtiger als den Verein zu nehmen. Und übersehen dabei eins: So ganz im Unrecht ist die Szene nicht. Denn sie fordert im Grunde das, was nicht wenige rund um die Fortuna schon länger ähnlich sehen: dass ein glaubwürdiger Neuanfang nicht damit erreicht ist, wenn man sich des ungelenken Vorstandsvorsitzenden entledigt, aber die Arbeit der anderen Verantwortlichen außen vor lässt. Im Zentrum der Kritik dabei der ehemalige Finanzchef, Co-Vorstand und derzeitige Interimsboss Paul Jäger. Steht der doch oberflächlich zwar für den nahbaren Kumpel aus der Vereinsspitze, spielt aber nicht erst seit dieser Krise eine unrühmliche Rolle rund um die Fortuna.

So beziehen sich die Ultras auf ein Füllhorn von Vorfällen, die gegen Jäger sprechen. Aber vor allem seine Rolle beim Statement zur Flüchtlings-Aktion der Bild bringt das Fass zum Überlaufen. So munkeln nicht wenige, Jäger war beim Verfassen des fast schon reaktionär-konservativen Statements die treibende Kraft. Die Zeilen passten zur Fortuna wie der 1.FC Köln zur Demut, und auch nicht zu Dirk Kall. Und mit Recht monieren deshalb nicht wenige in der Szene, dass der Vorfall mit Kalls Rücktritt noch lange nicht aufgearbeitet ist. Es ist daher richtig, dass sich einige der Fans gegen Jäger stellen.

Richtige Positionierung gegen Jäger

Denn der Posten des Vorstandsvorsitzenden sollte von einer Persönlichkeit besetzt werden, die eine Idee vom und für den Verein hat. Es ist nämlich nicht so, wie ein Düsseldorfer Internetportal schreibt, dass es den Spielern und somit auch schlussendlich insgesamt egal ist, wer Chef bei einem Club ist. Gerade von der Chefetage aus kommen die Impulse für eine langfristige Perspektive. Steht die aktuelle Mannschaft nur für die kurzfristigen Resultate, steht ein Vorstand für die Basis. Da es bekannt ist, dass die Fortuna auf struktureller Basis weit entfernt von den rheinischen Wettbewerbern ist, schadet auf dem Posten des Vereinsbosses eine Persönlichkeit mit Weitsicht, Ruhe und sportlichem Sachverstand nicht unbedingt.

Und genau hier fällt es schwer zu glauben, dass Paul Jäger einen solchen Posten ausfüllen kann. Gerade er ist es, der den Boulevard verlässlich mit Parolen füttert, die falsche Erwartungshaltungen schüren. Kein Wunder, wenn es am Ende nur Enttäuschte gibt. Hauptsache Paul J. konnte im Sommer einen flotten Spruch raushauen. In Sachen Strukturausbau oder sonstigem tiefer gehenden Gedöns (was haben die in Leverkusen und Gladbach auch so viele Trainingsplätze und Jugendinternate?) vernimmt man dagegen von Jäger eher wenig.

Um es kurz zu machen: Bevor man bei der Fortuna wieder die einfache Lösung sucht und mit Jäger den Bock zum Gärtner macht, ist es gut, dass die genannten Ultras ein Zeichen setzen und sich positionieren. Allerdings sollten sich die Gruppen auch darüber bewusst sein, dass der geforderte Neuanfang nicht nur beginnt, indem auch Paul Jäger nicht mehr in offizieller Funktion tätig ist. Auch den Aufsichtsrat sollte man stärker hinterfragen, als es in dem Papier der Fall ist. Vor allem den Vorsitzenden des Kontrollgremiums.

Aufsichtsrat braucht mindestens einen Neustart

Das fällt zwar schwer, da sich Marcel Kronenberg ja deutlich gegen die Bild-Aktion positioniert hatte und ja durchaus als Fan-nah bezeichnet werden darf. Doch hat ein Aufsichtsrat eine Zukunft, der wegen eines blöden Bild-Stickers öffentlich den Dissens mit dem Vorstand sucht? In einer sportlich prekären Situation? Kronenbergs Facebook-Statement wirkte, als sei die eigene Meinung wichtiger als das Vereinswohl. Fortuna stand mal wieder als desolat da. Da kann die Meinung des Aufsichtsratschefs noch so lobenswert sein, das Verhalten war schlicht und ergreifend unprofessionell. Und es war eine Wiederholungstat. Schon einmal bewies Kronenberg, zwischen seiner Funktion und dem Sein als Fan nicht ganz unterscheiden zu können, als er via Twitter einen abwanderungswilligen Spieler abwatschte. Natürlich rechtfertigen solche Kommunikationspannen – ob gewollt oder nicht – keinen Rücktritt. Aber im Sinne eines Neuanfangs sollte auch Kronenberg seine Rolle mal prüfen. Was ist er nun? Fan in der Kurve mit allen Möglichkeiten der Kritik und freien Rede? Oder ist der Interessensvertreter des Clubs und somit mehr als einmal zum Schweigen oder einem ärgerlichen Konsens verpflichtet? Hier sollte dringend eine Klärung vorgenommen werden.

Denn ein neuer Vorstandsboss, der was draufhaben sollte, hat sicher keine Lust auf ein Kontrollgremium, dass einem bei Fehlentscheidungen (die nun einmal passieren) in den Rücken fällt. Dessen sollten sich die Ultras bewusst sein, wenn sie den Aufsichtsrat bei ihrer Kritik weitestgehend außen vor lassen. Denn ein schwaches oder gar unfähiges Kontrollgremium lässt die Kandidatenzahl auf die Kall-Nachfolge schrumpfen. Und dann bleibt am Ende nur einer: Paul Jäger – womit sich die Katze dann in den Schwanz beißt.

1 Kommentar

  1. Dem ist voll und ganz zuzustimmen, zumal mir P. Jäger vor dem Bochumspiel erzählt hat, dass Fortuna mit den Bayern solidarisch sein muss und sich schon aus finanziellen Gründen kein Ausscheren erlauben dürfe.

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  1. Fortuna, zukunftslos | Halbangst Blog

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