Die richtige Geste in die richtigen Gesichter

Mittelfinger
Mittelfinger
Mittelfinger

Das war schon seltsam: keine zehn Minuten gespielt und schon geht das Gemurre los. Was? Die Borussia hat Fürth noch nicht aus dem Stadion geknallt? Einige fingen an zu Pfeifen, andere, die für 19,90 Euro zum ersten Mal seit der vergangenen Saison die Chance nutzten, günstig ins Stadion zu kommen, ließen sich anstecken. Wahrscheinlich auch, weil sie wütend auf den Trainer waren, warum dieser Marco Reus (ja, wo ist der nur?) nicht aufgestellt hatte. Eine seltsame Melange aus Event-Fans und meckernden Schiebermützen-Opis machte mobil. Sie hatten die Rechnung ohne Oscar Wendt gemacht.

Dieser hatte nicht seinen besten Tag. Eine verunglückte Aktion vor der Ostgeraden, genau dort wo die Fans sehr, sehr nah am Spielfeldrand sitzen, war dann eine zu viel. Die Leute pfiffen. Mal wieder war die Anspruchshaltung in einigen gewissen Blöcken deutlich höher, als an das eigene Leben der dort Sitzenden. Wendt wurde wütend, und griff zum Stilmittel “Effenberg” (Derzeit ist über Mittelfinger, bis Abwinken und einer angeblichen “Arschlochgeste” alles in der Augenzeugen-Verlosung.) So einfach geht das! Die betroffenen Fans waren dem Vernehmen nach entsetzt, pfiffen Wendt bei jedem Ballkontakt aus. Blöd nur, dass der Schwede von da an keine Fehler mehr machte und die wirklichen Fans in der Nordkurve die Ostgeraden-Motzköppe mit “Scheiß-Tribüne” nieder sangen, während die Pfiffe aus der Mecker-Ecke kamen. Dass Wendt dann das entscheidende Tor vorlegte, machte die Sache nur noch runder.

Die 70iger sind vorbei

Nach dem Spiel gab es trotzdem wenig zu feiern: Ein dreckiger Sieg, der spielerisch noch die zahlreichen anderen üblen Defensiv-Gaunereien des Team in den Schatten stellte, lädt nicht gerade zum Jubeln ein. Und da war ja natürlich noch die Aktion rund um Wendt. Pflichtschuldig – wie das in der Fußballwelt nun mal leider so ist – bedauerte dieser seine Geste gegenüber dem zahlenden Sitzplatzpublikum. Seine Mannschaftskollegen machten da jedoch nicht so ganz mit und verurteilten die Pfiffe. Nicht, weil sie damit die eigene Leistung schön reden wollten, sondern weil sie von den angesprochenen Zuschauern aufrichtig enttäuscht waren. Wie Torwart ter Stegen, der von einer Unverschämtheit sprach. Dass die Gladbacher Kacke gespielt hatten, wussten die Beteiligten auf dem Rasen selber. Vielleicht wäre ja mehr gegangen, wenn halt nicht ab der zehnten Minute gemurrt worden wäre. Zurecht schrieb der “Tagesspiegel”, der vielleicht über den besten Gladbach-Reporter aller Blätter verfügt, von einem “Eigentor der Fans”. Es ist wohltuend, dass es sich inzwischen auch in der Medienwelt herum spricht, dass sich die Spieler nicht alles bieten lassen müssen.

Denn schauen wir mal genauer hin, wer da gepfiffen hat. Wenn die Berichte der Augenzeugen stimmen, dann wunder ich mich nicht. Mal wieder waren es viele Herren der Marke “Typisch Niederrhein”, die in den 70igern schon dabei waren. Diese Spezies mit Oberlippenbart, meist gebürtig in der Stadt, stört schon seit Jahren jeden, der wegen später Geburt zu Weisweilers Zeit noch nicht dabei war. Gladbach schafft in letzter Minute den Klassenerhalt? Mitleidige Blicke von diesen Typen, wenn man das feiert. Die Borussia steigt auf? Hätte es in den 70igern nicht gegeben, da brauchte man keinen Aufstieg! Ts,ts,ts. Die Borussia gewinnt 5:1, kassiert in der 90. Minute den Anschlusstreffer? Unmöglich, wie können die nur so unkonzentriert sein: der Berti hätte den Ball abgeräumt oder “Otto” Kleff ihn gehalten. Ich muss dann immer an ein Zitat der “11Freunde” denken: “Oppa erzählt vom Saufkrieg!”

Die ewig Gestrigen

Wenn ich nämlich etwas an der Borussia hasse, dann sind das die alten Meckerköppe bei uns. Dagegen ist das HSV-Publikum an schlechten Tagen eine kölsche Karnevalsband. Zwar beruhige ich mich immer damit, dass die Demographie das irgendwann lösen wird. Aber seit Samstag frage ich mich, ob meine Geduld bis dahin noch reicht? Da kannst du nämlich nach Punkten die zweit erfolgreichste Saison der letzten 15 Jahre spielen. Da ist es egal, dass dies sogar in einer “Übergangssaison” passiert, diese Typen finden immer was zu meckern. Ekelhaft! Hoffentlich gehen sie privat mit sich selbst nicht so hart ins Gericht, sonst bleibt ihnen objektiv nicht mehr viel. Oft frage ich mich, warum da unten über 550 Euro für ‘ne Dauerkarte ausgegeben werden?

Vor allem wundere ich mich über diese Sichtweise auf die Aktion von Wendt. Wenn Fans doch keine Vereins-Kunden sein wollen, dann sollen sie sich auch nicht verhalten wie einer, der meint der “Kunde sei immer König!”. Fan heißt nun einmal auch mitleiden, und auch mal eine abfällige Geste von einem bemühten Spieler zu ertragen. Zudem: wer lange genug Fan ist, wusste, was einen gegen Fürth erwartet! Und außerdem: Einen Spieler für einen Stinkefinger oder eine ähnliche Geste  auszugrenzen, ist in Gladbach ein Treppenwitz der Geschichte. Warum haben wir 1994 den Effenberg zu einem etwas günstigeren Kurs bekommen? Weil er im WM-Spiel gegen Südkorea den Finger ausgepackt hatte und deshalb europaweit geächtet war! Sonst wäre er für die Borussia unbezahlbar gewesen. Und wer hat ihm als Erster seinen Lapsus verziehen? Genau, das waren die Fans von Borussia Mönchengladbach. Und jetzt also über Oscar Wendt empört sein? Das passt so gar nicht zusammen. Also, Freunde auf der Ost, das 70iger-Jahre-Brett vom Kopf schrauben, Augen auf und anfeuern bis zur Europa-League. Oder ist es euch im Herbst an den Donnerstagen abends zu kalt? (cu)

(Foto-Rechte: m.f.photography)

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