Die neue Borussia – erfrischend komplementärer Spaßfußball

IMG_20150523_140404_1Borussia Mönchengladbach startet so langsam in die Saison. Medial ist bereits vom besten Kader der vergangenen Jahrzehnte die Rede. Ein Superlativ, der durchaus angemessen erscheint – man hat im Sommer gut am Kader gebastelt.

Zu Beginn erstmal eine persönliche Anmerkung. Die Fußball-Müdigkeit liegt immer noch auf mir – zu wenig Neues, Mitreißendes, zuviel Grützgekicke während der Europameisterschaft, gefolgt, vielmehr begleitet von einem Transfermarkt und Geldverschiebungen, die nicht nur von Nörglern (unser Tenor hier bei Halbangst seit Jahren), sondern nun auch den Hauptakteuren als wahnwitzig und Vorbote des “Fußball-Crashes” bezeichnet werden. Während der Bundesliga-Berichte auf der Couch wegdösen kommt beim größten Calcio-Aficionado vor; nur habe ich im vergangenen Jahr nicht mal mehr zurückgespult. Und so einer soll hier jetzt was über Borussia Mönchengladbach und die neue Saison schreiben?

Ich sag’ euch was: Ja! Denn es ist wirklich als glückliche Fügung zu sehen, dass der Verein, dem ich seit nun genau dreißig Jahren hinterherhechele, aktuell auch eines der erfrischendsten, nachhaltigsten und spannendsten Projekte Fußball-Europas ist. Während dies durchaus auch in der Vorsaison galt, kommen nun zwei Entwicklungen dazu: Die Emanzipation von der niederrheinischen Dreifaltigkeit (Präsidium-Eberl-Favre, der Klub wirkt weniger sakral auf der Akteursseite, vielmehr wie eine exzellent geführte Kommune mit einem starken Bürgermeister Eberl) und gesteigerte Fischereitätigkeit (der Klub wirft sein Fangnetz nun in ganz Europa aus und klopft auch ungeniert bei Champions-League-Konkurrenten an, siehe Mamadou Doucouré und Christoph Kramer).

Eine taktische Ausnahmeerscheinung

Der Fußball, den es zu erwarten gibt, wird sich erheblich absetzen von der internationalen Tendenz der tiefstehenden Viererketten oder verkappten Dreierreihe, die in der Tat allerdings meist in einem 5-3-2 gespielt wird. Hier wird es darauf ankommen, dass Trainer André Schubert die richtige Balance findet zwischen der Vermittlung einer klaren Formation und adaptierter Herangehensweise während des Spiels und etwaigen Versuchen, mehrere Systeme gleichzeitig zu beherrschen. Das Fundament der Gladbacher 2016/2017 wird jedoch ohne Zweifel eine breit agierende Dreierkette, laufintensive Flügelspieler mit defensivem Fokus und ein flexibler Dreiersturm, der die Fähigkeiten der Akteure aufeinander abgepasst berücksichtigt – exemplarisch hierfür sind die Leistungssteigerungen Thorgan Hazards und André Hahns.

Der Kader wirkt, dies wurde von den begleitenden Print– wie Blog-Medien unisono herausgestellt, wie der stärkste Gladbacher Kader der letzten Jahrzehnte. Die Positionen sind mehrfach besetzt, die Spieler flexibel und entwicklungsfähig und selbst für den argen Substanzverlust an erfahrenen Führungsspielern wurden Leuten eingebunden, denen eine stabilisierende Funktion im Mannschaftsgefüge zuzutrauen ist (Kramer, Jannik Vestergaard, Tobias Strobl). Die Ernennung von Lars Stindl als Kapitän ist eine weitere Maßnahme, einen akzeptierten Leistungsträger mit einer tragenden Rolle zu versehen.

Kadertiefe erneut gesteigert

Als Rückschläge für den eminent wichtigen Saisonauftakt (CL-Quali, DFB-Pokal, Leverkusen zum Auftakt) sind natürlich die Verletzung von Yann Sommer und die Verlängerung der Leidenszeit von Alvaro Dominguez zu sehen. Während der Schweizer wohl schlimmstenfalls im September wieder dabei sein wird, und eine temporäre Vertretung durch Tobias Sippel wie gehabt auf sehr gutem Niveau geschehen wird, wäre es von großem Vorteil gewesen, den “spanischen Patienten” als Alternative für die Abwehr bereit zu stehen zu haben. Zur Erinnerung: Mit Dominguez auf dem Platz feierte Schubert nicht nur seine post-Favre Siegesserie, die Defensive zeichnete sich abseits der Elfmeter-Malaise auch als sehr solide aus.

Dennoch hat der Kader Tiefe, will meinen etliche Spieler, die für die drei Positionen der Abwehr in Frage kommen: Andreas Christensen, Nico Elvedi, Vestergaard, Tony Jantschke, Doucouré, Marvin Schulz und auch Strobl und gar Kramer, der diese Rolle ungeliebterweise in Leverkusen in der Rückrunde übernahm. Auf den Flügeln scheinen Oscar Wendt und Ibrahima Traoré aktuell vorne, wenngleich Fabian Johnson, Patrick Herrmann, Julian Korb und der “Alt-Neuzugang” Nico Schulz diese Positionen ebenso für sich beanspruchen werden.

Dahoud als Schaltstelle

Große Beachtung fanden, verbunden mit dem Rekord-Wechsel von Granit Xhaka zu Arsenal, die Äußerungen Schuberts zur Besetzung der Zentrale: Mo Dahoud wird als kreativer Fixpunkt wahrgenommen werden. Hier gilt es, dem Druck entgegenzusteuern und sowohl von Vereins-, als auch Mitspieler-Seite den Hype um den hochtalentierten Deutsch-Syrer in seiner zweiten “echten” Profi-Saison weiterhin für Mo zu katalysieren. Kramer, aber auch Strobl und mitunter Christensen werden hier mit stabilisierende Wirkung helfen. In der Vorbereitung tauchte im tieferen Mittelfeld auch mal Stindl auf – es bleibt abzuwarten, inwiefern Schubert diese als “Favres Sargnagel” bekannte Variante im Pflichtspielbetrieb auspacken wird. Viel eher könnte sich Winter-Zugang Jonas Hofmann auf einer der zentralen Mittelfeldpositionen wiederfinden. Mit einem hohen Aktionsradius und großer Passsicherheit könnte der ehemalige Dortmunder in dieser “korrigierten” Rolle nach acht Monaten im Gladbacher Kader endlich ankommen.

Noch einige personelle Überraschungen möglich

Manch ein Borusse würde sich indes freuen, mehr als nur eine Nachspielzeitminute von den hochgelobten Talenten Djibril Sow, Tsiy William Ndenge und dem frisch aus Zilina verpflichteten Lászlo Bénes auf den hier genannten Positionen zu sehen, wobei der Slowake eher für die Offensive Berücksichtigung finden wird. Dort scheint Schubert das Luxusproblem zu haben, aus den formstarken Hazard und Hahn sowie Stindl und “Maestro” Raffael drei Spieler auszuwählen. Eine interessante Außenseiter-Rolle kommt hier dem dramatisch fehlgeschlagenen Königstransfer des Vorjahres, Josip Drmic, zu. Er könnte in der Position des “vergessenen Stürmers” die Chance nutzen, um das Feld von hinten aufzurollen, besonders, wenn die vorgesehenen Stammkräfte erste Pausen benötigen.

Der Kader hat also allerlei Spielraum für Ausfälle und Formschwankungen, verbunden mit immens viel Talent, dass bei einigen etablierteren Spielern gar noch nicht ausgeschöpft scheint (Hazard, Traoré). Im Punkt Talent liegt das Wesentliche bei der aktuellen Borussia: Der Verein scheint es ein weiteres Mal verstanden zu haben, nicht dem Wettbieten um “next big things” (Embolo) zu erliegen, sondern fernab des Trubels gezielt Top-Nachwuchs zu holen, gepaart mit dem Nachdruck, mit dem Gladbach aus der hervorragenden Perspektive heraus teurereren Schlüsselspielern wie Vestergaard oder Kramer hinterhergehen kann. Schubert darf sich glücklich schätzen, mit diesem Team zu arbeiten. Umgekehrt ist der vorwärtsdenkende, attackierende Stil des Trainers das erfrischend Komplementäre, mit dem Fußball schauen 2016/2017 zumindest aus Gladbacher Sicht (immer noch) extrem viel Freude bereitet.

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