Die Gurkentruppe vom Videobeweis

In der Fußball-Bundesliga gibt es seit Saisonbeginn den Videobeweis. Er soll “klare Fehlentscheidungen” verhindern. Und ist dabei in seiner Ausführung selbst der gröbste Verstoß gegen das Regelwerk.

In den Fußballstadien des Landes kann man in diesen Wochen genau beobachten, wer aller Wahrscheinlichkeit nach Eishockeyfan ist. Es sind die, die bei einem bereits augenscheinlich umstrittenen Treffer der Heimmannschaft seelenruhig sitzen bleiben, während der Rest jubelt. Gepaart mit einem genüsslichen Nicken, wenn der Schiedsrichter mit den Händen das Viereck zum Videobeweis anzeigt.

Im Eishockey gehört der Videobeweis seit Jahren zum Standard und beim geneigten Fan hat sich eine gewisse Routine eingeschlichen. Man lernt, Szenen zu erkennen, die nicht im ersten Moment zu einer Schiedsrichterentscheidung führen. Und es sind die Eishockey-Fans, die sich aktuell über den unsäglichen Videobeweis beim Rasenschach amüsieren.

Klare Grenzen im Eishockey – Geeiere beim Fußball

Beim Kufensport sind die Grenzen nämlich eng definiert, wann ein Schiedsrichter sich eine Szene noch einmal anschauen kann: es muss sich um ein Tor handeln, und es darf sich nur um Aktionen rund um dem entscheidenden Schuss handeln. Was bleibt sind also Fouls und Abseits im Torraum, Schlittschuhtreffer oder sonstige grobe Vergehen. Abseitsstellungen bei der Fahrt ins Angriffsdrittel, unsaubere Checks während des Aufbaus: dürfen nicht bewertet werden. Natürlich kann es bei der Geschwindigkeit des Sports passieren, dass die Schiedsrichter ein klares Tor für einen Lattentreffer halten, die Szene weiterläuft und im Gegenzug ein Tor fällt. Aber auch das ist klar geregelt: War der Treffer in der ersten Szene gültig, gilt dieser und nicht der zweite – die Spielzeituhr wird zurückgestellt.

Im Eishockey hat man gut daran getan, es dabei zu belassen. Zum einen kann man persönliche Strafen auch nach den Partien ahnden, zum anderen weiß man, dass selbst klarste Regeln trotzdem zu Diskussionen und Fehlern führen. Insofern ist die Beschränkung auf das erzielte Tor korrekt.

Fußball war sich mal wieder selbst genug

Diese Erfahrungen hätte man beim Fußball einfließen lassen können. Hat man aber nicht. Stattdessen gab man beim DFB die Parole aus, bei klaren Fehlentscheidungen einzugreifen. Diese Konstruktion ist in seiner ganzen Formulierung schon absurd. Da wäre der Fakt des Eingreifens: In Köln sitzt seit August ein Schiedsrichter und kann beim vor Ort Spielführenden “eingreifen”. Das ist eigentlich ein Unding. Hier wírd dem Mann im Stadion mitsamt seinem Team die alleinige Deutungshoheit entrissen. Auch wenn inzwischen die Mehrheit der Schiedsrichter sich auf einem Bildschirm eine strittige Szene selber anschaut – es sollte eigentlich eher Pflicht als Option sein, eigenständig zu gucken.

Und weiter wäre da die Formulierung “klare Fehlentscheidung”. Wo fängt diese an, und wo hört sie auf? Schwierig. Ist das übersehene, kleinere Foul, an deren Ende trotzdem eine Gelb-Rot stehen müsste bereits ein klarer Fehler? Fragt man zehn Regelkundige dazu, gibt es mehr als zehn Antworten. Eine eigentlich unhaltbare Situation, die bereits einige Verwirrung ausgelöst hat.

Mit der jüngsten Wendung wird dem Fass aber nun endgültig der Boden – man möchte sagen – rausgeprügelt. Der kicker meldet, dass nach dem fünften Spieltag die Regeln heimlich angepasst wurden. Auch das ist schon ohne das genaue “Wie” lustig. Ein Element, dass den Sport transparenter und fairer machen soll, wird heimlich verändert. Sowas gibt es dann wirklich nur im Fußball. Das Schlimme dabei ist: die Anpassung erfolgte nicht zum Guten.

“Projektteam Videobeweis” beweist erneute Unfähigkeit

Statt die Anwendungsfelder noch stärker zu begrenzen, wurde das Gebiet erweitert. Der “klare Fehler” ist vom Tisch – im Grunde kann nun alles kontrolliert werden. Spätestens jetzt ist der Videobeweis gescheitert. Wer eine solche Regelung bei einer Sportart mit Bruttospielzeit für richtig hält, hat entweder seinen Job verfehlt oder sieht sich über den Dingen stehend.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, wer der Projektleiter beim DFB ist. Hellmut Krug. Der Ex-Schiedsrichterchef des Verbandes steht aktuell in der Kritik. Aktive Unparteiische werfen ihm vor, in seiner Amtszeit für Vetternwirtschaft und Bevorzugung gestanden zu haben. Man machte halt gern sein eigenes Ding. Ähnlich ist es wohl jetzt beim Videobeweis. Der DFB sollte sich überlegen, ob er Krug nicht von seinen Aufgaben insgesamt entbindet und dem Videobeweis noch einmal eine Pause zur Überarbeitung verordnet. Vielleicht fährt man dann mal nach München zum Deutschen Eishockey Bund und lässt sich das Thema noch einmal genauer erklären. Und im Gegenzug könnte der DFB den Eishockeyfunktionären mal erklären, wie man in der Jugendarbeit aus Nichts Viel macht. Aber das ist ein anderes Aufregerthema…

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