Schon jetzt eine Katastrophe

Ende der Woche startet die Weltmeisterschaft in Brasilien. Die deutsche Nationalmannschaft nimmt auch teil. Das muss man erwähnen, da so wirkliche WM-Stimmung in Deutschland noch nicht zu spüren ist. Auch wenn die Zeitungen uns – in gewohnter Manier – täglich in den Gewehrlauf des kommenden Mega-Über-Geilen-Spitzenturnier schauen lassen: In der realen Welt wirkt es so, als hätte man sich überhaupt nicht qualifiziert. Und selbst wenn wir von Halbangst.de diese Grundstimmung – ohne allgegenwärtiges WM-Schland-Rot-Geil-Irgendwas-Gelaber auskommen zu müssen – sehr genießen, es macht uns dennoch wütend mit welcher Renitenz der DFB nichts unversucht lässt, so zu tun, als sei alles so wie in den Jahren zuvor.

Es ist nun schon fast Mainstream geworden, was vor zwei Jahren noch als “intellektuelles Nerd-Genöle” galt: beschwert man sich über die öffentlichen Auftritte der DFB-Elf und die teflonartige Reaktion auf Kritik, bekommt man inzwischen mehr Zustimmung als Ablehnung. Das war noch bis vor kurzem anders. “Jogi”, “Basti”, “Poldi”, “Phillip” und “Miro” galten als sakrosant. Wer in partysüchtigem Umfeld einfach nur ein Spiel gucken wollte, statt auf einen Sieges-Event zwecks Paarungsvollzug zu hoffen, zwischenzeitlich inmitten der “Tanjas und Ingos” darauf verwies, dass der Mannschaft mehr an der Wirkung vor Sponsoren als vor den Fans gelegen ist, galt als Party-Crasher und Vaterschlandsverräter. Man wurde geächtet, wie einer der den “Schland-Rudelbums-Guckern” einen gehörigen Gelben ins Bananenweizen oder in den Hugo gerotzt hatte!

Anscheinend hat sich aber vor diesem Turnier etwas verändert. Und dass der DFB-Tross daran eher selber Schuld ist, als die (Fehl-)Entwicklungen im internationalen Fußball, überrascht. Denn die Latte der deutschen Verfehlungen ist inzwischen lang. Dabei reden wir hier nicht vom “Damenbesuch” des Max Kruse, dem Döner-Wurf und Lobby-Urinieren eines Kevin Großkreutz. Wir reden darüber, dass es mehr Menschen auffzufallen scheint, dass Joachim Löw und Sportmanager Bierhoff gegen jede Wahrheit weiterhin das Image der sauberen, braven und netten Mannschaft hochhalten wollen. Einzig dem Zweck untergeordnet, den Werbepartnern zu gefallen. Sie haben sich damit in eine Falle begeben, aus der sie kaum mehr rauskommen. Denn wir reden hier von großen Konzernen, die ihre Produkte vornehmlich an eine unkritische Masse ohne große Fragen verkaufen wollen und somit massiven Einfluss auf den DFB haben (wollen). Ist der Deutsche Fußballbund schließlich einer der letzten Werbebotschafter, der sich nicht fragt, welcher Ernährungsbewusste Mensch zu McDonalds, Bifi, Industrie-Bier oder Chips greift? Oder, welcher ökologisch Aufgeklärter sich ‘nen Benz holt und mit 200 km/h durch Tiroler Bergstraßen fährt? Dem DFB sind all diese Fragen egal, wenn vornehmliche Saubermänner für all dies werben. Wer das Image mit (angeblich) netten Jungs am Ball aufpolieren will, braucht nur an der Otto-Fleck-Schneise nachzufragen. Oder fragt ganz einfach direkt bei Oliver – L’Oreal – Bierhoff nach.

Und genau deshalb sind die “Döner-Pinkel-Damenbesuch-Affären” das größere Problem für die Verantwortlichen des DFB als ein Unfall beim Werbedreh mit einem Rennwagen. Ist doch eine Nationalmannschaft im Geiste und Auftreten der Weltmeisterschaften 1982 bis 2002 ein Horror für die Werbepartner und somit für das Geschäft. Unangepasste Profis mit Hang zu Dummheiten sind gefährlich. Umso verständlicher ist es, dass ein Kokon und eine Legende um das Team gesponnen wird, die mit der Realität nichts mehr zu tun haben. Die DFB-Elf hat keinen Platz für folkloristische Saufgelage á la Schlucksee ‘82. Was es braucht, sind coole Jungs, die noch jede Bifi böse guckend abbeißen und trotzdem im Kern als nett verkauft werden können. Soviel Blindheit gegenüber der Wahrheit gab es zuletzt beim Turnier 1978 in Argentinien. Wie dämlich der DFB damals mit der argentinischen Junta-Diktatur umging, lässt einen noch heute erschaudern. Ähnliche Emotionen weckt nur Oliver Bierhoff, wenn er mal wieder erklärt, dass sympathisch schöner aber erfolgloser Fußball für die Werbepartner besser sei als schmutzig unanschaubares aber erfolgreiches Gerumpel.

Bierhoff ist allerdings klug genug zu wissen, dass seine Position jede Menge an Selbstverleumdung beinhaltet. Auch deshalb ist am Ende das gespielte Sauber-Mann-Image der Mannschaft der beste Schutz gegen Kritik. Nur so kann man es sich ohne Gewissensbisse leisten, ein eigenes WM-Quartier in den Urwald zu schlagen und jedwede kritische Nachfragen wie “Drei-Wetter-Taft” zu behandeln: Kritik? Egal! Die Frisur sitzt! Da interessiert einen dann eben nicht mehr, dass irgendetwas schief läuft. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Nein, diese WM ist aus deutscher Sicht jetzt schon verkorkst. Inwischen wünsche ich dem Team den größtmöglichen Katatstrophenfall an die Backe: Dass es mit größtmöglichem Gerumpel, peinlichen Auftritten und jeder Menge Skandale durch strunzdumme neoliberale Kommentare den Titel holt. Es wäre ein Titel, gegen den die Vize-Weltmeisterschaft 2002 wie ein wohlkalkulierter, berechtigter Erfolg wirkt. Dann würde die Mannschaft auch endlich mal wieder dem klassischen Fußballfan gefallen und nicht nur einer unkritischen, konsumfixierten Masse, die sich die Fußball-Häppchen nimmt, wie sie sie braucht.(cu)

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