Jogis gemütliche Skatrunde

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Unsere Redaktion steht der DFB-Elf und seinen leitenden Angestellen bekanntermaßen sehr kritisch gegenüber; nun war ich aber zumeist die Gegenstimme, die sehr wohl und lange Zeit viele Kritikpunkte an der deutschen Nationalmannschaft versuchte zu entkräften oder zu widerlegen. Zu sehr hatte es mich gefreut, dass der teutonische Wuchtbrummenfuppes der Kohl-Republik und die anschließende Ballonseidentrainingsanzugs-Ahnungslosigkeit der Ribbecks und Co. in der jüngsten Vergangenheit attraktivem, technischem Fussball gewichen war. Dies ist wiederum ein Thema für sich, mein Status als vormaliger Löw-Akzeptant soll hier jedoch einleitend Erwähnung finden.

Bekanntgabe des erweiterten WM-Kaders also: Als Gladbach-Blog (sorry Fortunen, der nächste Allofs kommt bestimmt) können wir über die Nicht-Nominierungen von Max Kruse und Marc-Andre ter Stegen natürlich nur den Kopf schütteln (André Hahn wird vor seinem offiziellen Wechsel lange aus dem DFB-Aufgebot gestrichen sein). Immerhin ist Marcell Jansen wieder dabei, der waschechte Lürriper (für Nicht-MGler: ist ein Stadtteil Gladbachs) zählt auch nach einer verletzungsgeplagten Saison in der Hamburger Slapstickabwehr laut Löw zu Deutschlands besten Abwehrspielern…Auf eine intensive Analyse der einzelnen Mannschaftsteile oder Nominierten verzichten wir allerdings, dies wurde zu Genüge bereits getan.

Nein, es geht um das Gesamtwerk Nationalelf, welches mit der erweiterten Kadernominierung gestern nur den Abschluss der letzten 18-24 Monate fand: Es ist eine mutlose Zusammenstellung von am Krückstock gehenden Arrivierten und dankbaren Frischlingen, die einmal winken dürfen. Die “Überraschungen”, “gleich vier Neue” mit zur WM nehmen zu wollen, entpuppen sich dabei als eine personelle Blendraketen – sind es doch alles Spieler, die sich ergeben über jede Trainingsminute freuen und fröhlich strahlend wieder abreisen, wenn der 23er Kader startet. Dabei hat jeder der nun Nominierten die Vereins-Bühne und das Talent, zur Nationalmannschaft zu gehören. Nur, diese Benennungen hätten entweder viel früher, konsequenter stattfinden müssen, oder bis nach der WM warten sollen. In allen Mannschaftsteilen gab und gibt es nachrückende, extrem gut ausgebildete Spieler, die während der Länderspielsaison peu à peu an den eigentlichen WM-Kader hätten herangeführt werden können – zumal sich bei mehr als einem Spieler langwierige Verletzungsprobleme vor Monaten angekündigt hatten.

Stattdessen sah man ein Wechselspiel der “fringe”-Kandidaten, noch eindrucksvoller heuer in der fast schon wirren Kaderauswahl des Testspiels gegen Polen zu bestaunen (wie ist der Vorzug von Rüdiger und Sorg vor Jantschke selbst für ein solches Spiel zu rechtfertigen?), während die Garde der Alteingesessen kaum angetastet wird. Der nunmehr grosse Fundus der Nationalelf-Schnupperspieler wird vorgeblich knallhart über fehlende Form, fehlende Teamfähigkeit (liest: zu aufmüpferisch) oder personelle Engpässe der einzelnen Mannschaftsteile aussortiert. Hier traf es besonders die Gladbacher – Kruse (seine Form und die limitierte Anzahl der Stümer wurden von Löw genannt, gab es etwa auch ein “aus der Reihe tanzen”?) und Ter Stegen (unkommentiert wurde ihm,wie auch Leno, der kreuzbrave aber untalentiertere Zieler vorgezogen, um des Friedens willen).

Nur, und das macht einen wirklich stutzig, schlimmstenfalls wütend, gelten die gleichen Maßstäbe nicht für alle “Schnupperspieler”, und noch viel weniger für Jogi’s alte Buddys. Formschwache, gerade-erst oder noch-immer-nicht-genesene Spieler allerorten. Der jahrelang gelobte Umbruch des Nationalmannschaftsstils – Grundlage meiner jüngsten Affinität – ist wieder sehr nahe den hängenden Schultern der Jahrtausendwende, dem Prosit der Gemütlichkeit, der wir-haben-das-immer-so-gemacht-Attitüde. Nur halt im neuen Outfit, mehr Tätowierunen, weniger Schnäuzer, mehr Playstation, weniger Skatrunde. Durchschaubar ist diese konservative DFB-Personalpolitik jedoch allemal. Da helfen auch keine Stellwand-Projektionen oder 18-jährige Talente als Bauernopfer. Not my team. (mfb)

(Foto: adifansnet unter CC-Lizenz bearbeitet mit PixlrExpress)

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