Der Würfel des Grauens

Die Düsseldorfer EG hat seit dieser Spielzeit einen neuen Videowürfel. Endlich können die Fans die Wiederholung schöner Szenen auch erkennen. Wozu ein Würfel allerdings nicht da sein sollte, ist schnöder Eventpopanz aus der Kölner Comedy-Hölle der 90er.

Was hatte ich mich beim Auswärtsspiel in Bremerhaven bei den “Fischtown Pinguins” latent geärgert. Nach jedem Tor der Düsseldorfer EG spielten sie in der Eisturnhalle Lilly Allens “Fuck You”. Man kann ja mit Ironie auf Gegentore reagieren, aber mit Beleidigungen? Das war mir neu. Aber was soll es – in Zeiten, in denen Krefeld ‘ne moderne Halle hat und Iserlohn die LED-Leinwandtechnik für sich entdeckt hat – dieses Teufelszeug aus der Großstadt – braucht es halt provinzielle Trottelfeindbilder. Insofern war der Ärger über Bremerhaven schnell verflogen: Schön, dass die Liga neue Dorfhonks hat, denen man ein paar Sprüche in den Gästeblock werfen kann.

Wobei ich es mir inzwischen gut überlegen werde, das zu tun: So mit hochrotem, hochaugelöstem Kopf auf dem neuen Ultra-HD-Videowürfel der DEG aufzutauchen, ist nicht gerade Imagefördernd. Womit wir beim Problem wären. Natürlich sind so ziemlich alle erst einmal von dem neuen Teil an der Hallendecke begeistert, das die Stadt da im Sommer hingeschraubt hat. Endlich sieht man was vom Spiel, kann Tore in der Wiederholung auch erkennen. Und ja, es ist in Ordnung, sich darüber zu freuen, wenn die Regie in die Fans schwenkt und man winkend im Bild auftaucht. Am Anfang ist es halt so, und das nutzt sich auch schnell wieder ab.

Der Würfel darf sich nicht abnutzen

Allerdings scheint man, diesen Abnutzungseffekt bei der DEG nicht zu wollen. Einige im Verein und offenbar besonders einige aus dem städtischen Umfeld wittern scheinbar mehr Event durch den Würfel. Also kommt mal wieder die Idee der Kiss-Cam – diesem traurigen Ringelpitz-Relikt der frühen Großhallentage – zum Tragen. Bei der Kiss-Cam werden “Paare” eingeblendet, die sich dann Küssen sollen. Solange man mit der Person, die da neben einem steht oder sitzt auch wirklich was am Laufen hat, was man öffentlich nicht verschweigen will oder sollte, ist das auch in Ordnung, sich dann zu küssen. Aber alles, auf das dieser Umstand nicht zutrifft, führt zu Peinlichkeiten erster Güte.

Daher ist die Kiss-Cam stets umstritten, bei Puristen gar verhasst. Von diesen gibt es auch bei der DEG ein paar im Verein. Doch auch die konnten das alberne Spielchen mit der Kiss-Cam nicht verhindern und steuerten auf einen Kompromiss zu. Jetzt gibt es in Düsseldorf auch noch die “Check-Cam”. Da werden dann zwei Personen eingeblendet, die sich checken sollen. Also mal kurz an der Schulter aneinander titschen. Kreativ gedacht – aber nur solange witzig, solange kein Halbstarker einen Älteren die Treppen runter “checkt”. Ob man sich bei der DEG darüber Gedanken macht, was eigentlich passiert, wenn sich einer verletzt? Nur zur Info: beim Eishockey wird Alkohol getrunken! Ne mutige Kombi mit der Check-Cam…

Warum nicht mal in den Sport investieren?

Was aber noch viel mehr ärgert, ist dieser traurige Versuch, das “Event” zu stärken. Warum muss man – auch nach dem Tod von Rhein Fire und Joachim Erwin – eigentlich in Düsseldorf dauernd und fortwährend, immer und immer und immer wieder den Verantwortlichen erklären, dass man sich nicht über Nebensächlichkeiten und Kirmesbudendrecksblablabla gute Stimmung ins Haus holt, sondern über diese “Sache” da unten auf dem Platz oder Eis. Heißt: wenn der Sport gut ist, ist auch die Stimmung gut.

Wobei, das funktioniert ja leider nur bei einem Publikum, das auch des Sportes wegen kommt. Anscheinend sieht man das Potential hier schon wieder ausgeschöpft – ansonsten wäre man nicht der Meinung, die Unterhaltung bei der schnellsten Sportart der Welt weiter stärken zu müssen, während der Trainer immer noch keinen Ersatz für seinen vor der Saison abgewanderten Topstürmer hat!

4 Kommentare

  1. Ja und Nein. Es darf nicht übertrieben werden während (!) des Sports. Für mich, der gerne zu Sportveranstaltungen geht, war Rhein Fire das „Non plus ultra“ durch perfekte (Achtung!) Organisation, somit nicht nur die Inszenierung. Man fuhr stressfrei hin, da man vom Öffnen der Tore mit Event bis zum Spiel Zeit hatte und sich nicht alles auf den einen Zeitpunkt des Spielbeginns fokussierte. Während des Spiels adäquat (legendär Touchdown und Extra-Point!) und danach mit Konzert am Ende wieder kein Stress. S-U-P-E-R! Ich fühlemich im Vergleich dazu beim Fußball als Fan total vera…..! Und lach‘ mich immer über die erbärmlichen langen Schlangen in der Pause für Getränke schlapp und verzichte dann lieber.
    Somit gehen wir mit der Zeit durch den neuen Würfel, sollten aber an etwas ganz anderes denken und tatsächlich, stimme Dir voll zu, nicht zu hoch, wenn nicht gar schon zurückschrauben: Ich war in den USA entsetzt, wie viel Einfluss der Würfel auf die Stimmung der Zuschauer hatte und sie waren meiner Neinung nach „tot“! Ohne Würfel ging nix mehr!!! Hey! Wir sind in Düsseldorf! Wie oft werden wir für uns als Super-Publikum gelobt und beneidet?!!! Den Würfel sollte man gezielter (puristischer) einsetzen, in Absprache mit den Fans, wenn das Feingefühl der Regie nicht ausreicht. Mir fiel schon bei der Fortuna auf (gegen Stuttgart oder Fürth, weiß nicht mehr), wie wir Fans von fürchterlicher zu lauter Musik übertönt wurden, obwohl die Fans sangen (laut und schöner). Das macht es kaputt, dirigieren durch den Würfel o.a. nimmt das Authentische.

  2. Ich persönlich finde die Modernisierung und die Verbindung vom Sport mit aktueller Technik eine gute Idee. Wiederholungen Sekunden nach einer Aktion auf dem Feld gibt es sonst nur zuhause auf der Couch. Jetzt live vor Ort im Stadion. Jedoch sollte es nicht dazu führen, dass die Fans nur noch auf den Würfel schauen und nicht mehr auf das Spielfeld. Man muss also eine gute Balance finden was angezeigt werden soll und was nicht.
    Viele Grüße

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